Drei Gesuche für den Bau neuer Atomkraftwerke liegen auf dem Tisch. Mindestens zwei Werke braucht es nach Einschätzung von vielen Experten, um der drohenden Stromverknappung in der Schweiz zu begegnen. Doch nun erklärt der Stromkonzern Alpiq, für den gleichzeitigen Bau zweier Werke fehle vorerst das Geld. Diese Aussage stösst bei der Konkurrenz und bei Energieexperten auf Skepsis.

«Gute Schuldner»

Axpo-CEO Heinz Karrer widerspricht Alpiq rundweg: Die Finanzierung der beiden von Axpo und BKW gemeinsam geplanten neuen Kernkraftwerke in Beznau und Mühleberg sei «gewährleistet»; laut Karrer sollen die beiden Werke praktisch gleichzeitig gebaut werden. Karrer hält den Schweizer Kapitalmarkt für genügend gross, die beiden Projekte zu finanzieren. Zudem ist für ihn der Zugang zum europäischen Kapitalmarkt eine «sehr reale Möglichkeit» - auch dies steht ganz im Gegensatz zur Ansicht von Konkurrentin Alpiq.

Zweifel an den Aussagen von Alpiq äussern auch Energieexperten. «Aus unserer Sicht ist der Schweizer Finanzmarkt genügend gross, um gleichzeitig mehrere Kernkraftwerke zu finanzieren», erklärt Urs Näf von Economiesuisse. Die Rahmenbedingungen könnten in der Schweiz ja fast nicht besser sein, meint er: Das Land sei stabil, die Stromversorger gehörten mehrheitlich der öffentlichen Hand und hätten somit eine Staatsgarantie. «Ich wüsste kaum einen besseren Schuldner», meint Näf. Erteile das Volk den Kernkraftwerken grünes Licht, herrschten so gute Rahmenbedingungen wie in kaum einem anderen Land, so Näf. Sie seien darum eine sehr sichere Anlagemöglichkeit.

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Urs Meister, Energieexperte des Think Tanks Avenir Suisse, widerspricht Alpiq ebenfalls. Dass sich die Stromversorger bei der Finanzierung von Kernkraftwerken auf den schweizerischen Kapitalmarkt beschränken müssten, sei ein «krudes Argument», so Meister. Die Finanzmärkte seien heute ohnehin international ausgerichtet.

Es stelle sich viel eher die Frage, so Meister weiter, ob sich in der Schweiz Kernkraftwerke ohne ausländische Beteiligung überhaupt realisieren lassen. «Die bislang in der Schweiz gebauten Kernkraftwerke sind deutlich kleiner als die jetzt geplanten. Sowohl beim Bau als auch beim Betrieb könnten Kooperationen mit ausländischen Partnern sinnvoll und nötig sein», sagt Meister. Für internationale Stromkonzerne wie EDF, E.on oder GDF sei eine Beteiligung interessant. Die Versorgungssicherheit - ein oft gehörtes Argument für neue Atomkraftwerke - wäre in einem solchen Fall nicht gefährdet. «Die Werke stehen ja in der Schweiz - und nur das zählt», so Meister.

Urs Näf und Urs Meister vertreten die Meinung, dass die Schweiz zwei Atomkraftwerke brauche. Würde nur eines gebaut, stiege der Importbedarf längerfristig an. «Im Kontext des europäischen Grosshandels wären höhere Preise in der Schweiz die Folge», warnt Urs Meister. Im Marktgleichgewicht würde der Preis nach Ansicht von Meister auf das weit höhere italienische Niveau ansteigen - wie heute bereits während den Wintermonaten.

Ein dicker Brocken

Hinter vorgehaltener Hand räumen Kreditspezialisten allerdings ein, dass die gleichzeitige Finanzierung von zwei Kernkraftwerken ein grosser Brocken sei. Die Stromversorger müssen Geld aufnehmen, um nur schon auf das angestrebte Eigenkapital von 40% zu kommen. Und der gleichzeitige Bau von zwei Werken könnte die Kapitalbeschaffung auf dem eher kleinen Schweizer Markt zumindest verteuern, was wiederum die Rentabilität in Frage stellen würde. Weiche man hingegen nach Europa aus, müsse man mehr Zinsen bezahlen - und handle sich ein Währungsrisiko ein.

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