Premiere für den ersten Airbus-Jet «Made in the USA»: Der europäische Flugzeugriese dringt mit der Fertigung in den Vereinigten Staaten in den Heimatmarkt des Erzrivalen Boeing vor. Die Amerikaner müssen sich nun etwas einfallen lassen, um die Attacke abzuwehren.

Die Jets aus dem neuen US-Werk von Airbus soll die Vorliebe amerikanischer Airlines für Maschinen aus dem Hause Boeing brechen. Am Montag übernimmt die US-Fluglinie Jetblue im neuen Airbus-Werk Mobile (Alabama) mit einem Airbus A321 den ersten in den USA zusammengebauten Flieger der Europäer.

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Marktanteil in USA bereits nahe am Ziel

Geht es nach Airbus, dann muss sich Boeing bald warm anziehen. Der Konkurrent aus Seattle denkt derweil über neue Modelle nach, um den wichtigsten Wettbewerber aus Toulouse in Schach zu halten.

Die Ziele von Airbus sind hoch gesteckt. «Wir hoffen, dass wir den US-Marktanteil auch mit Hilfe des neuen Werks auf 50 Prozent steigern können», hatte Airbus-Chef Fabrice Brégier im September gesagt. Da lief die Produktion in Alabama gerade an.

Doch Brégiers Hoffnung liess sich bereits durch Zahlen untermauern. Seit die Entscheidung für das Werk im Jahr 2012 gefallen sei, habe sich Airbus' Marktanteil einschliesslich neuer Aufträge von 20 auf 40 Prozent verdoppelt.

Heimatverbundenheit ausnutzen

Da geht noch was, denkt sich die Airbus-Führung. Denn obwohl der Flugzeugmarkt als besonders global gilt und es seit der Übernahme von McDonnell Douglas durch Boeing 1997 weltweit nur noch zwei nennenswerte Anbieter von Mittel- und Langstreckenjets gab, blieben die US-Linien dem verbliebenen US-Hersteller grösstenteils verbunden.

Selbst bei den Boeing-treuen Japanern brauchte es Jahrzehnte, bis Airbus die Bastion der Amerikaner knacken konnte. Jetzt soll die Heimatverbundenheit der US-Wirtschaft für Airbus spielen, hofft Brégier: «In Amerika ist es wichtig zu zeigen, dass die Flugzeuge im Land gefertigt werden.»

Nachfrage nach 5000 Jets

Die Entscheidung für die Vereinigten Staaten kommt nicht von ungefähr. Sie sind der weltgrösste Markt für Maschinen mit Standard-Rumpf, also mit nur einem Mittelgang und meist sechs Sitzen je Reihe. Airbus rechnet damit, dass die Nachfrage nach diesen Modellen kräftig zunimmt.

Einschliesslich der Langstrecken-Flieger würden in Nordamerika in den kommenden 20 Jahren voraussichtlich über 5000 neue Jets benötigt, schätzt Airbus-Verkaufschef John Leahy. Weltweit erwartet er über 32'000. In den USA müssten die alternden und kerosindurstigen Flotten vieler Airlines dringend ersetzt werden, heisst es in Toulouse.

Mit der Endmontage der Jets aus der A320-Modellfamilie beschränkt sich Airbus in Alabama auf die weltweit meistgefragte Flugzeugklasse. Mit deren spritsparender Neuauflage A320neo haben die Europäer ihren grössten Verkaufsschlager im Angebot. Boeing hat seinem Konkurrenzmodell 737 als «737-MAX» ebenfalls eine sparsamere Neuauflage spendiert.

Boeing im Rückstand

Während Airbus Anfang des Jahres die erste «Neo» an die Lufthansa auslieferte, ist die «MAX» noch in der Testphase. Bei den Aufträgen hat Airbus die Nase mit gut 4500 gegenüber knapp 3100 Maschinen bei Boeing vorn und kommt mit der Produktion kaum hinterher. Auch bei den US-Fluglinien holten die Europäer mit der «Neo» deutlich auf.

In der Führungsetage von Jetblue musste Airbus aber niemanden mehr grundsätzlich überzeugen. Die Lufthansa-Partnerin aus New York betreibt schon über 150 Airbus-Jets. In Alabama übernimmt sie eine Maschine in der Langversion A321 mit Platz für 200 Fluggäste - ein Modell, das auch die Strategen bei Boeing unter Druck setzt. Denn Airbus hat inzwischen auch eine Version mit grösserer Reichweite im Programm, die für Flüge über den Atlantik geeignet ist.

Boeing denkt über Gegenschlag nach

Seit dem vergangenen Jahr denkt nun Boeing laut über ein neues Modell in eben dieser Grösse nach. Es wäre ein Nachfolger für den früheren Verkaufsschlager 757, dessen Produktion der Hersteller vor Jahren eingestellt hat.

Laut dem «Wall Street Journal» ist zudem eine kleinere Version der neuen 737-MAX mit rund 150 Sitzen im Gespräch, die gegen die neue C-Serie von Bombardier und den Airbus A319neo antreten könnte - die kleinere Variante der A320neo.

Um fehlende Bestellungen für die Mittelstrecke brauchen sich beide Hersteller aber bislang keine Sorgen zu machen. Ab Mitte 2019 will Airbus in seinen vier Werken monatlich 60 Maschinen der A320-Familie fertigstellen, davon vier in den USA.

Stellen in Europa seien dadurch nicht in Gefahr, hatte das Management betont. In den USA werden die Flugzeuge nur zusammengesetzt, die grossen Teile kommen fertig aus Hamburg. Und für jede Stelle in Mobile entstünden vier neue in Europa.

(sda/chb/ama)