Steuerverträglichkeit macht den Finanzplatz Schweiz nicht per se attraktiv. Strategisch zentrale Dimensionen für ein erfolgreiches Private Banking sind der Schutz der Privatsphäre und der Zutritt zu ausländischen Märkten. Hauptaktionäre ausländischer Banken jedenfalls werden den Finanzplatz Schweiz nicht wegen der Steuerverträglichkeit, sondern wegen der Rahmenbedingungen, welche ein steuerverträgliches Private Banking ermöglichen, als Standort wählen - oder ihn eben als Standort meiden.

Die Struktur des neuen Private-Banking-Modells lässt sich idealtypisch aus der Kombination der beiden strategischen Variablen ableiten (siehe Kasten):

Automatischer Informationsaustausch und geschlossene Märkte: Im Extremfall wird dies durch das heutige US-Modell widerspiegelt, mit dem faktisch eine unilaterale Informationspflicht besteht. Ein solcher Markt wird nur mit einer von der Schweizer Bank vollkommen desintegrierten Einheit im Absatzmarkt bedient werden. Für Auslandsbanken ist dies nicht interessant. Institute, welche in einem solchen Markt eine bedeutende Geschäftstätigkeit entfaltet haben, würden sich aus der Schweiz zurückziehen.

Automatischer Informationsaustausch und offene Märkte: Tendenziell erfolgen ein Aufbrechen der Wertschöpfungskette und eine Transnationalisierung des Private Banking. Die Präsenz vor Ort wird an Bedeutung gewinnen. Doch die Schweiz kann Zentrums-, Verarbeitungs-, Produktions- und Kontrollfunktionen behalten. Verschiedene Auslandsbanken würden sich aus der Schweiz zurückziehen. Grössere Gruppen könnten wiederum Zentrumsfunktionen für ihr gesamtes (regionales) Private Banking in der Schweiz belassen, sofern Wettbewerbsfaktoren wie Kompetenz, Servicequalität, Rechtssicherheit und ausgewogenes regulatorisches Kosten- Nutzen-Verhältnis für unseren Finanzplatz sprechen. Ausgelagert hingegen würden die kundenorientierten Funktionen.

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Save haven auferstanden

Schutz der Privatsphäre und geschlossene Märkte: Die passive Dienstleistungserbringung und das klassische Offshore-Banking - die gesamte Wertschöpfung wird in der Schweiz erbracht - werden hier an Bedeutung zunehmen. Einige Auslandsbanken werden ihr Modell konsequent auf eine passive Dienstleistungserbringung ausrichten. Mit der jüngsten Auferstehung der Safe-haven-Funktion ist ein steuerverträgliches Offshore-Standbein in der Mitte Europas durchaus eine interessante Option für eine international tätige Bankgruppe. Für viele Auslandsbanken würde dieses Modell aber eine drastische Reduktion der Geschäftstätigkeit oder gar die Schliessung der hiesigen Präsenz bedeuten.

Schutz der Privatsphäre und offene Märkte: Das bisherige Modell der grenzüberschreitenden Finanzdienstleistungserbringung bekäme eine sichere rechtliche Basis und würde dadurch an Bedeutung gewinnen. Die ausländischen Banken werden in ihrer Strategie auf den Finanzplatz Schweiz setzen, auch weil diese Option die Koexistenz verschiedener Modelle erlaubt. Die klassische passive Dienstleistungserbringung in der Schweiz an eine internationale Kundschaft, das transnationale Private Banking und die aktive Dienstleistungserbringung sind hier allesamt möglich. Dann wird nicht nur die Zahl der in der Schweiz tätigen Auslandsbanken, sondern auch die Geschäftsvolumen der schon heute ansässigen Banken zunehmen.

Steuerverträglichkeit

Welchen Entscheid ein ausländisches Land bezüglich des Marktzugangs für Schweizer Banken trifft, die Schweiz sollte den Privatsphärenschutz behalten. In beiden möglichen Fällen resultiert ein besseres Resultat, als wenn bezüglich des automatischen Informationsaustausches nachgegeben würde. Ein Offshore-Platz ist besser als das US-Modell, und der grenzüberschreitende Dienstleistungsverkehr erlaubt mehr als das transnationale Bankenmodell.

Gewährt ein Partnerland aber den Marktzutritt bei einer Verringerung des Schutzes der Privatsphäre, dann muss die Schweiz abwägen: Modell «transnationales Private Banking» oder klassisches Offshore-Modell? Beide Modelle kennen Gewinner und Verlierer; Interessendivergenzen im Bankensektor sind unvermeidlich.

Doch beide Modelle sind gegenüber der vierten Option, dem grenzüberschreitenden Modell, weniger gut. Daher offeriert die Schweiz eine Abgeltungssteuer und weitgehende Massnahmen gegen Steuerdelikte. Im Gegenzug erwartet sie den freien Marktzutritt und die Anerkennung der Anonymität der Kundendaten. Die Steuerverträglichkeit ist also ein Instrument, um dem für den Finanzplatz Schweiz besten Private-Banking-Modell zum Durchbruch zu verhelfen.

Daher dürfen wir aber keine vorzeitigen, einseitigen, über die internationalen Vorgaben hinausgehenden Verpflichtungen im Bereich der Abklärungen des Steuerstatus von Kunden eingehen. Dadurch würden wir uns des wichtigsten Verhandlungsinstruments berauben. Gewonnen wäre dadurch nichts. Verloren sehr viel.