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Niedergang
Wie China einer US-Industrie den Todesstoss versetzte

US-Arbeiter: Früher waren die USA der weltgrösste Alu-Produzent. Keystone

Die US-Aluminiumindustrie steht vor dem Aus: Wenn die Alu-Preise nicht steigen, könnten fast alle Schmelzwerke nächstes Jahr schliessen. Die US-Hersteller haben keine Chance gegen Chinas Übermacht.

Veröffentlicht am 05.11.2015

Der Kapazitätsabbau bei der Aluminiumproduktion des US-Herstellers Alcoa signalisiert das Ende einer amerikanischen Musterindustrie. Seit 127 Jahren produziert das Unternehmen das Leichtmetall, das für alles Mögliche, von Getränkedosen bis hin zu Flugzeugen, gebraucht wird. Die New Yorker Firma war damit einst ein Symbol für die Industriemacht USA.

Doch heute, wo die Preise in der Nähe von Sechs-Jahres-Tiefs vor sich hin dümpeln, streicht Alcoa seine Produktionskapazität im Inland laut Schätzungen des Marktforschungsinstituts Harbor Intelligence um fast ein Drittel zusammen. Wenn sich die Preise nicht erholen, so das Institut, dürften fast alle Schmelzwerke in den USA bis kommendes Jahr schliessen.

Preissturz im letzten Jahr

Das ist natürlich eine grosse Sache für die Branche in den USA und die Menschen, die sie beschäftigt. Aber für das weltweite Angebot bedeutet es wenig. Die Entscheidung von Alcoa, die Schmelz-Kapazität um 503’000 Tonnen zu verringern, entspricht laut Harbor zwar rund 31 Prozent des US-Primär- Aluminiums, aber weniger als einem Prozent der weltweiten Gesamtmenge.

Seit mehr als einem Jahrzehnt wandert die Produktion in billigere Länder ab: nach Russland, in den Nahen Osten und nach China. Ein weltweites Überangebot hat die Preise in den letzten zwölf Monaten um 27 Prozent absacken lassen, was die Produktion in den USA unprofitabel werden liess und den Abstieg der Branche beschleunigte.

US-Aufpreis lohnt sich nicht

«Es gab eine ganze Menge Schliessungen in den USA. Das ist natürlich bedauerlich, aber es ist eine Entwicklung, die man nur schwer ändern kann», sagt Michael Widmer, Leiter Metallmärkte- Analyse bei der Bank of America in London. «Es bedeutet einfach nur, dass man anderswo einkaufen muss.»

Genau das tut Jay Armstrong, Präsident von Trialco in Chicago Heights, USA. Sein Unternehmen kauft jetzt 80 Prozent des Aluminiums, aus denen es Autofelgen herstellt, im Ausland ein. Vor fünf Jahren waren es nur 40 Prozent, so Armstrong. «Das ist kein Geschäft, bei dem man mehr zahlt, um nur in Amerika einzukaufen», sagt er. «Dafür ist es zu wettbewerbsintensiv.»

Vorteile von Übersee

Der Aluminumpreis ist dieses Jahr an der Londoner Metallbörse um 19 Prozent auf 1501 Dollar je Tonne gefallen. Vergangene Woche erreichte das Metall mit 1460 Dollar seinen tiefsten Wert seit 2009. Die meisten amerikanischen Hütten verdienen kein Geld mehr, wenn der Preis nahe 1500 Dollar oder darunter liegt, schätzt Harbor. Dagegen profitieren Hütten in Übersee meist von geringeren Arbeitskosten, billigerer Energie und schwächeren Währungen, die Exporte in die USA begünstigen.

Zwar wandert die Produktion bereits seit einiger Zeit ab, aber erst im letzten Jahr löste China mit seiner Dominanz den fundamentalen Wandel aus. Die rapide steigende Produktion dort führte zu einem weltweiten Überangebot und drückte die Preise so tief, dass Bank of America für 50 Prozent der weltweiten Produzenten erwartet, dass sie Geld verlieren. In China dagegen arbeiten die Schmelzen immer noch profitabel.

China dominiert den Markt

Auf China dürfte dieses Jahr 55 Prozent der weltweiten Aluminiumproduktion entfallen, nach 24 Prozent 2005, so Harbor. In den USA ging die Entwicklung in die entgegengesetzte Richtung - von 2,5 Millionen Tonnen 2005 auf 1,6 Millionen Tonnen 2015.

Doch nicht allen US-Hütten würden Schliessungen helfen. Laut Citigroup haben einige inländische Betriebe langfristige Energieverträge, die sie in jedem Fall erfüllen müssen. Diese Firmen würden besser fahren, wenn sie weiter produzieren, als wenn sie einfach nur die Stromrechnung bezahlen. Manche Werke haben auch Zugang zu billiger Wasserkraft, sagt David Wilson, Analyst bei Citigroup in London. «Man muss schon sehr viel Geld verlieren, damit es sich lohnt, tatsächlich dicht zu machen», erklärt er in einem Telefoninterview.

Für Alcoa waren Energieverträge kein Hinderungsgrund. Wenn die am Montag verkündeten Pläne umgesetzt sind, wird das Unternehmen im Vergleich zu 2007 seine Verhüttungskapazität um 45 Prozent verringert haben.

(Bloomberg/mbü)

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