Als die Devisenhandelsplattform 360T im Frühjahr zum Verkauf gestellt wird, gelten grosse US-Börsenbetreiber wie die Chicagoer CME und die Nasdaq in New York als Favoriten. Durch die Übernahme der Frankfurter Firma könnten sie zu einem wichtigen Spieler in Europa aufsteigen – und deshalb eigentlich einen höheren Kaufpreis rechtfertigen als die Deutsche Börse. Die Überraschung in der Branche ist deshalb gross, als am Sonntag klar wird, dass Deutschlands grösster Börsenbetreiber am meisten geboten hat – und den Zuschlag für 360T erhält. Wer mit dem Deal vertraute Personen fragt, wie es dazu kam, bekommt immer die gleiche Antwort: Carsten Kengeter.

«Es hat sich viel geändert, seit er Vorstandschef des Unternehmens ist», sagt einer der Insider. «Er war fest entschlossen, 360T zu übernehmen, und hat die Führungsspitze der Deutschen Börse überzeugt, dass sie dafür einen hohen Preis bieten muss.» Am Ende legte das Unternehmen 725 Millionen Euro auf den Tisch – und lag damit Finanzkreisen zufolge hauchdünn über den Offerten der Konkurrenz. Die Deutsche Börse habe damit auf absehbare Zeit die letzte Chance genutzt, um signifikant in den täglich rund fünf Billionen Dollar schweren Devisenmarkt einzusteigen, erklärt der Insider.

Deutliche Handschrift

Auch Analysten und Investoren sind voll des Lobes über den grossgewachsenen 48-Jährigen, der zuvor als Investmentbanker für Goldman Sachs und die UBS arbeitete. Mit ihm an der Spitze gehe die Deutsche Börse bei Akquisitionen forcierter vor als in der Vergangenheit, sagt einer der grössten 20 Aktionäre des Konzerns. «Die Handschrift des neuen Vorstandschefs ist deutlich zu erkennen.»

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Kengeters Vorgänger Reto Francioni gelangen zwar auch mehrere kleinere Übernahmen – etwa im Energiebereich oder im Wertpapier-Verwahrgeschäft. Der Zukauf der US-Optionsbörse ISE konnte die hohen Erwartungen allerdings nicht erfüllen. Weitere grössere Deals scheiterten, zuletzt der Zusammenschluss mit der New Yorker Börse 2012.

Attraktiv als Fusionspartner

Analysten finden es positiv, dass Kengeter bei Übernahmen wieder aktiver ist. Einen Tag nach 360T tütete er am Montag den Kauf von gleich zwei Index-Anbietern ein. Durch die Übernahmen stärkt er aus Sicht von Investoren die Position der Frankfurter im Wettbewerb mit globalen Schwergewichten wie CME, ICE oder der Londoner LSE.

«Die Deutsche Börse will durch Akquisitionen noch mehr auf die Waage kriegen», sagt der Top-20-Aktionär. «Dadurch macht sich das Unternehmen interessanter – als Kooperationspartner oder irgendwann vielleicht auch als Fusionspartner für eine andere Börse.» Kurzfristig erwartet der Investor zwar keine Fusionswelle, aber auf lange Sicht müsse sich etwas tun. «Es macht keinen Sinn, dass es weltweit 20 grössere Börsen gibt.»

Umbauprogramm bringt frischen Wind

Neben Übernahmen will Kengeter den deutschen Branchenprimus auch durch ein Umbauprogramm stärken, das er nur zwei Monate nach seinem Amtsantritt verkündete. Eine grundlegende Neuausrichtung, wie sie viele Investoren vom Nachbarn Deutsche Bank fordern, wird es beim Börsenbetreiber allerdings nicht geben. Das Unternehmen, das 2014 auf eine Eigenkapitalrendite nach Steuern von 24 Prozent kam, brauche keine komplett neue Strategie, sondern nur etwas frischen Wind, sagen Investoren und Börsen-Insider unisono.

«In den vergangenen Jahren sind kleine Fürstentümer entstanden, die besser zusammenarbeiten könnten», sagt ein Mitarbeiter der Börse. Besonders bei der Derivatsparte Eurex und der Wertpapierverwahr-Tochter Clearstream gebe es noch Luft nach oben. Ein einheitlicher Auftritt wäre aus seiner Sicht ebenfalls sinnvoll. «Unsere verschiedenen Marken sind für die Kunden fürchterlich.»

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Anklang bei Mitarbeitern

Kengeter hat viele dieser Probleme in seinem Umbauprogramm adressiert. Es sieht unter anderem den Abbau von Hierarchien, die Zusammenlegung von Funktionen und eine bessere Abstimmung im Einkauf vor.

Bei vielen Mitarbeitern kommt sein Ansatz gut an. Kengeter nehme sich viel Zeit für Gespräche, um herauszufinden, was sich aus ihrer Sicht verbessern lasse. Ob sein Programm am Ende Erfolg hat, werde sich aber erst in einigen Jahren zeigen, betont ein Konzerninsider. «Man kann viel an die Wand malen. Aber entscheidend ist, was am Ende rauskommt.»

(reuters/ise)