Stellen Sie sich vor: Es gibt da ein Konto, das ist mit deutlich über 70 Milliarden Euro in den Miesen. Mitarbeitern der kontoführenden Bank fällt auf, dass damit etwas nicht stimmen kann und beginnen zu recherchieren. Immerhin finden sie keine entsprechenden Gegenwerte für das riesige Minus. Die Kontrolleure befürchten ein «erhebliches Risikopotenzial» – und doch klärt sich die Geschichte selbst ein Jahr später noch nicht auf. Gibt es nicht? Anscheinend doch.

Wie das Wirtschaftsmagazin «Capital» in seiner neuen Ausgabe berichtet, monierten für die Überwachung interner Konten zuständige Mitarbeiter der Commerzbank ab Sommer 2011 über Monate hinweg die Vorgänge auf einem Konto. Zeitweilig betrug das Minus dort mehr als 70 Milliarden Euro. Von ihren Vorgesetzten erhielten die Mitarbeiter demnach jedoch nie befriedigende Erklärungen. «Der Streit eskalierte und erreichte im Herbst 2012 den Vorstand der Bank, der daraufhin eine Sonderprüfung des Kontos veranlasste», heisst es in dem Bericht.

Commerzbank bestätigt Konflikt

Nach Angaben der Bank, die den Konflikt laut «Capital» bestätigte, laufen über das Konto Geschäfte mit Wertpapieren und Finanzinstrumenten der Investmentsparte, wo auch die Gegenwerte zu dem gewaltigen Minus verbucht würden. Diese seien jedoch für die Mitarbeiter nicht sichtbar gewesen. Die Abwicklung, Verrechnung und Bilanzierung seien demnach von den Wirtschaftsprüfern der Bank stets abgenommen worden. Gleichwohl weigert sich die Bank laut Bericht, die Sonderprüfungsberichte der Internen Revision und der Wirtschaftsprüfer vorzulegen.

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Die Vorgänge bei der Commerzbank sind insbesondere deshalb sehr heikel, weil das zweitgrösste deutsche Finanzinstitut in der Wirtschaftskrise 2008/09 vom Steuerzahler mit mehr als 18 Milliarden Euro gestützt wurde. Deshalb ruft der Konflikt auch die Politik auf den Plan: «Ein mit Steuergeld gerettetes Institut muss darauf achten, dass seine internen Kontrollmechanismen in der Öffentlichkeit über jeden Zweifel erhaben sind», sagte der finanzpolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Gerhard Schick, dem Magazin.

«Bank sollte Sonderrevisionsbericht vorlegen»

Bemerkenswert sei in jedem Fall, dass offenbar keiner in der Bank den Mitarbeitern die relevanten Informationen zu dem Konto gab. «Um alle Zweifel auszuräumen, sollte die Bank den Sonderrevisionsbericht vorlegen», so der Politiker. Auch solle die Finanzaufsicht eine Bewertung für das gesamte Konstrukt im Kontrollgremium des Bundestags abgeben, forderte er.