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Erwischt
Wie die Deutsche Bank in Russlands Krise geriet

Deutsche Bank: Schlechte Karten in Russland. Keystone

Die Deutsche Bank ist erst spät auf den Russland-Zug aufgesprungen und wurde von den Sanktionen hart erwischt. Die Chancen auf eine erfolgreiche Rückkehr stehen schlecht. Das hat mehrere Gründe.

Veröffentlicht am 04.08.2016

Bärenjagden, grosszügige Geschenke und Einladungen zu Spielen der Fussball-Weltmeisterschaft: Anfang des Jahrtausends geben internationale Grossbanken in Russland alles, um mit den Managern russischer Konzerne ins Geschäft zu kommen. «In der Boom-Phase haben sich die Banker bei den grossen Kunden die Klinke in die Hand gegeben», erzählt ein hochrangiger Manager. «Der Event-Aspekt hat dabei eine wichtige Rolle gespielt.» Auch Jagden seien dabei durchaus üblich gewesen. «Das ist etwas, was russische Männer und Führungskräfte mögen.»

Vorne mit dabei ist die Deutsche Bank, die bereits seit 1881 in dem Riesenreich aktiv ist. Sie wittert angesichts der Liberalisierung der russischen Wirtschaft und des hohen Ölpreises grosse Geschäftschancen - und eröffnet deshalb 1998 feierlich eine Niederlassung in Moskau. 2003 und 2006 übernimmt Deutschlands grösstes Geldhaus in zwei Stufen den Broker United Financial Group (UFG) und baut damit seine Position im russischen Investmentbanking aus. «Die Deutsche Bank hat sich aufs Surfbrett geschwungen, um die Boom-Welle zu reiten», sagt ein ehemaliger UFG-Mitarbeiter.

Andere Banken im Vorteil

Doch die Euphorie währt nur kurz. Mehrere UFG-Manager wechseln nach der Übernahme zum staatlichen Konkurrenten VTB und nehmen wichtige Kunden mit. 2009 belastet die globale Finanzkrise die russische Wirtschaft. Und nach einer kurzen Erholungsphase geht es dann ab 2014 richtig bergab: Wegen des Vorgehens im Ukraine-Konflikt verhängt der Westen Sanktionen gegen Russland, das Land rutscht in die Rezession. «Die Deutsche Bank hat in Russland relativ spät expandiert und sich auf das Investmentbanking und die Vermögensverwaltung konzentriert - zwei Geschäftsbereiche, die dann besonders stark eingebrochen sind», sagt Analyst Chris Weafer. Er kennt den russischen Markt seit über 15 Jahren und ist heute Partner bei der Beratungsfirma Macro Advisory. «Andere ausländische Banken waren in Russland schon vorher aktiver und haben eine breitere Basis.»

Bei der Aufholjagd in Russland nimmt es die Deutsche Bank Insidern zufolge mit Vorschriften nicht so genau. Ermittlern zufolge hat das Geldhaus Kunden geholfen, Rubel-Schwarzgeld in Höhe von rund zehn Milliarden Dollar zu waschen. Da sich inzwischen auch die US-Behörden in den Fall eingeschaltet haben, droht der Bank nach Einschätzung eines hochrangigen Bankenaufsehers eine empfindliche Strafe. «Das kann richtig teuer werden.» Insidern zufolge hat die Bank wegen der Affäre rund eine Milliarde Euro zurückgelegt.

Stecker gezogen

Deutsche-Bank-Chef John Cryan wartet nach seiner Amtsübernahme im Juli 2015 deshalb keine drei Monate, bis er den Stecker zieht: Er gibt das Investmentbanking in Russland ganz auf. Im Zahlungsverkehr und der Exportfinanzierung bleibt die Bank in Moskau zwar präsent, will Kunden aber künftig ganz genau unter die Lupe nehmen. Den Geldwäsche-Vorwürfen geht das Institut in einer internen Untersuchung nach und arbeitet mit den Behörden zusammen, wie es im Geschäftsbericht betont. Zu Details will sich die Bank nicht äussern. Vorstandschef Cryan betont jedoch mehrfach, den Skandal möglichst noch 2016 mit einem Vergleich aus der Welt schaffen zu wollen.

Insidern zufolge zeigt die Russland-Affäre exemplarisch, was bei der Deutschen Bank in den vergangenen Jahren falsch gelaufen ist. Das Institut habe sich nur auf Wachstum konzentriert und Zukäufe nicht richtig integriert, sagt ein Mitarbeiter. In vielen Bereichen habe zudem eine Kultur des Wegschauens geherrscht, befördert durch schwache IT-Systeme. «Es wird Jahre dauern, bis dieses Grundproblem gelöst ist.»

«Sie haben ein langes Gedächtnis»

Aktuell läuft das Geschäft in Russland auf kleiner Flamme. Viele grosse Unternehmen stellen sich auf eine länger anhaltende Schwächephase der Wirtschaft ein und halten sich deshalb mit Investitionen, Bondplatzierungen, Börsengängen und Übernahmen zurück. «Da bewegt sich nicht allzu viel», berichtet ein Banker. Kredite an sanktionierte Unternehmen und Banken sind ganz verboten. Viele zahlen deshalb ihre Schulden zurück, nehmen aber keine neuen Darlehen auf. «Die Risikoscheu gegenüber Russland konzentriert sich nicht nur auf die sanktionierten Unternehmen, sondern ist breiter gefasst», betont der Banker. «Auch für Unternehmen und Banken, die nicht direkt von Sanktionen betroffen sind, ist es zunehmend schwieriger, Kredite aufzunehmen und an die Kapitalmärkte zu gehen.»

Auch wenn es in der russischen Wirtschaft irgendwann wieder bergauf gehe, habe die Deutsche Bank schlechte Karten, sagt Analyst Weafer. «Die Wahrnehmung ist, dass sie Russland in schwierigen Zeiten im Stich gelassen hat.» Grosse Unternehmen und die öffentliche Hand würden das nicht vergessen. «Sie haben ein langes Gedächtnis.» Wenn sie in einigen Jahren wieder lukratives Geschäft zu vergeben hätten, würden davon vor allem US-Rivalen wie Citi oder die Bank of America profitieren.

(reuters/gku)

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