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Management
Wie die Swisscom den Tod des Chefs verarbeitete

Carsten Schloter: Sein Freitod war ein Schock für die Mitarbeitenden.  Keystone

Heute vor einem Jahr hat Swisscom-Chef Carsten Schloter sein Leben beendet. Der Konzern hat den Schock mit den Mitarbeitern gemeinsam aufgearbeitet – und den schweren Schritt in die Zukunft gewagt.

Von Gabriel Knupfer
am 22.07.2014

Am 23. Juli 2013 wurde Swisscom-Chef Carsten Schloter leblos in seiner Wohnung in Villars-sur-Glâne aufgefunden. Der 49-jährige Topmanager hatte sich das Leben genommen. Er wolle niemandem zur Last fallen, schrieb Schloter in einem Abschiedsbrief.

Jedem Selbstmord liegt ein menschliches Drama zu Grunde. Was der Auslöser für Carsten Schloters letzte Entscheidung war, wird sich nie restlos klären lassen. Sicher ist hingegen, dass der Tod auch die Swisscom vor existenzielle Fragen stellte. «Sein Selbstmord ist der wohl erschütterndste Todesfall der jüngeren Schweizer Wirtschaftsgeschichte», schrieb die «Bilanz». Der Telekom-Konzern hatte über Nacht seinen Chef verloren. Eine gewaltige Herausforderung für ein Unternehmen.

Die Anteilnahme der Mitarbeitenden

«Carsten Schloter hat die Unternehmenskultur sehr stark geprägt», bestätigt Swisscom-Sprecher Sepp Huber. «Viele Mitarbeitende haben sich mit ihm identifiziert.» In einer ersten Phase sei deshalb für die Kommunikations-Abteilung die Arbeit nach Innen im Vordergrund gestanden. «Für uns ging es darum, die Mitarbeiter in der Trauerphase zu begleiten», so Huber.

Zu den ersten Reaktionen gehörte die Einrichtung eines Kondolenzbuches im Intranet. Etwa 1000 Würdigungen und Kommentare von Mitarbeitenden seien auf diesem Weg zusammen gekommen, erzählt Huber. Und weil der Platz in der Kathedrale beschränkt gewesen sei, habe man auch die Trauerfeier im Intranet übertragen. So hatten die 20'000 Mitarbeiter der Swisscom eine Möglichkeit, die Abdankung zu verfolgen.

Der Blick nach vorne

Es ist aber klar, dass ein Grossunternehmen wie die Swisscom nicht in Trauer erstarren darf. «Nach der Trauerphase galt es, den Blick nach vorne zu richten», sagt auch der Mediensprecher. Die Swisscom muss sich ständig in einem hart umkämpften und schnelllebigen Markt behaupten. Stillstand kann da tödlich sein.

Dies ist dem Konzern offenbar gelungen. In Urs Schaeppi fand man einen internen Nachfolger für Schloter, der das Unternehmen bereits sehr gut kannte. Ein tiefer Bruch in der Führung konnte so verhindert werden.

Der Absturz blieb aus

Die Swisscom ist auch 2014 gut unterwegs. Die Quartalszahlen vom Mai blieben zwar leicht unter den Erwartungen. Von einem grossen Absturz kann aber nicht die Rede sein. Der Umsatz wuchs um 3,2 Prozent auf 2,821 Milliarden Franken, der Gewinn sank um 4,4 Prozent auf 373 Millionen Franken.

«Ich kann nichts dazu sagen, wie die Swisscom heute mit Carsten Schloter dastehen würde», sagt Sprecher Huber. Eine solche Aussage wäre reine Spekulation. «Doch es ist klar: Mit einem Führungswechsel ändert sich der Führungsstil». Dem Erfolg tat das offensichtlich keinen Abbruch.

Arbeitsbelastung und Auszeiten

Der Tod des Swisscom-Chefs bewegte die Schweiz. In der Öffentlichkeit wurde damals auch viel über Stress und Erschöpfung von Topmanagern debattiert. War  Schloter zum Opfer seiner permanenten Aktivität geworden? Die Arbeitsbelastung und Abgrenzung von Arbeit und Freizeit sind seit Längerem Themen im Unternehmen, sagt Huber. «Wir sensibilisieren die Mitarbeitenden darauf, ihre Erreichbarkeit bewusst zu steuern.»

Unter dem Titel «On oder Off?» versucht die Swisscom, die Mitarbeitenden im Intranet zu erreichen. «Wir raten dir, intensiv darüber nachzudenken, wie weit du deine private Zeit für die Firma nutzt und umgekehrt», heisst es im Brief an die Angestellten. Und weiter: «Die Zeiten vor und nach der Arbeit gehören dir. Damit bist du nicht verpflichtet, deine E-Mails in dieser Zeit zu lesen oder Telefonate abzunehmen.»

Arbeit und Freizeit trennen

Ein interner Leitfaden für mobiles Arbeiten zielt in eine ähnliche Richtung: Neue Technologien und Arbeitsinstrumente führten zu einer weiteren Verschmelzung von Arbeit und Freizeit, steht dort. Aus arbeitsrechtlicher Sicht und aus gesundheitlichen Gründen, sei es wichtig, Arbeit und Freizeit voneinander abzugrenzen. «Feierabende, Wochenenden und auch Ferien sollen trotz dieser technologischen Möglichkeiten der Regeneration dienen.»

Diese Sensibilisierung wäre auch im Sinne von Schloter gewesen. Der Manager, der nach eigener Aussage nur sehr schwer abschalten konnte, war darauf bedacht, dass die Mitarbeiter ihre Ruhezeiten hatten. Im Juni 2013, kurz vor seinem Freitod, hielt Schloter am Swiss Economic Forum einen Vortrag über die Schwierigkeiten, die «Work-Life-Balance» zu halten. Das Thema hatte er selbst ausgesucht.

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