Wie tief kann ein Topmanager in der Schweiz fallen? Bislang galt das Schicksal des früheren UBS-Präsidenten Marcel Ospel als Mass für Fallhöhe und Geschwindigkeit. Innert zwei Jahren sackte Ospel vom Status eines Überbankers zum veritablen Pleitier ab.

Auch Pierin Vincenz erlebt derzeit seinen Absturz, wiewohl ihn ein anderes Fallmuster erfasste. Beim ehemaligen Chef der Raiffeisengruppe dauerte es zwar ebenfalls zwei Jahre, doch es ist – im Gegensatz zu Ospel – ein Absturz ins Bodenlose.

Der Tiefschlag: Seine Raiffeisen reicht Klage gegen seinen eigenen Chef ein

Zuerst der Rücktritt als Raiffeisen-Chef, dann eine Finma-Untersuchung, schliesslich ein Razzia zuhause und eine Strafuntersuchung durch die Zürcher Staatsanwaltschaft. Im Vergleich zu Ospel, der bloss auf eine Wiederwahl als VR-Präsident verzichten musste, ist der Aufschlag von Vincenz brutal.

Er will sich zwar «mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln» zur Wehr setzen, wie er gestern in einer Pressemeldung trotzig meinte. Doch trotz Kampfwille und Unschuldsvermutung: Für seine Reputation als ehemalige Wirtschaftsgrösse sind die Vorgänge der letzten Tage toxisch.

Jedenfalls hat es es in der jüngeren Schweizer Wirtschaftsgeschichte noch nie gegeben, dass gegen den Chef einer Bankengruppe, die als systemrelevant gilt und im ganzen Land breit verankert ist, ermittelt wird.

Und was Vincenz persönlich als absoluter Tiefschlag empfinden muss: Seine Raiffeisen-Bank, der er über 20 Jahre diente und die er hinter UBS und Credit Suisse zur nationalen Branchengrösse machte, reichte dieser Tage Strafanzeige gegen ihren ehemaligen Chef ein. Das ist so etwas wie Vatermord.

Man kann es sich die Zukunft ausmalen. Auch was am Schluss wenig bis nichts hängen bliebe: Vincenz gilt künftig in breiten Wirtschaftskreisen – ähnlich wie Marcel Ospel - als persona non grata. Das ist hart, zumal der Bündner, der einst von einer Karriere als Conferencier träumte, stets die grosse Geste und den glanzvollen Auftritt liebte. Von höchstem Unterhaltungswert war der Banker mit breitem Bündnerdialekt allemal. Locker plauderte er zu später Stunde, ausgesattet mit teurem Rotwein und edler Zigarre, über die alte Welt der Zürcher Gnomen, als die Finanzmarktaufsicht noch zahm und das Bankgeheimnis absolut war.

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In seiner Bankerzeit war Corporate Governance noch kein Thema

Für die Raiffeisen-Gruppe folgen mühsame Zeiten. In den nächsten Monaten wird Patrick Gisel, sein Mangement und der Verwaltungsrat alle Hände voll zu tun haben, um die Ära Vincenz juristisch abzuarbeiten.

Diese Bewältigung wird für Gisel, den langjährigen Vertrauten von Vincenz, alles andere als einfach. Er selber muss sich nämlich in ruhigen Stunden insgeheim die Frage stellen, ob er nicht zu lange seinen Übervater gewähren liess und ob er ihm nicht hätte früher und stärker Paroli bieten müssen. Denn der umtriebige Vincenz, daraus machte er nie einen Hehl, hatte das Handwerk gelernt in einer Zeit, als Regulatorien in Sachen Corporate Governance noch kaum existierten.