Der Schweizer Finanzplatz schrumpft: Seit der Jahrtausendwende haben hundert Bankinstitute ihre Geschäftstätigkeit eingestellt oder sind übernommen worden. Dieses Phänomen ist auch in den Vereinigten Staaten schon länger festzustellen – mehr als die Hälfte der Lokalbanken sind eingegangen, die mehrheitlich von Afroamerikanern geführt wurden.

«Ben's Chili Bowl» ist eine Institution in Amerikas Machtzentrum Washington: Seit 1958 werden in der Gaststube an der U Street gebratene Würste, Hamburger und pikantes «Chili con Carne» serviert. Die fettigen Speisen sind bei Einheimischen und Touristen derart beliebt, dass «Ben's» in einigen Reiseführern im gleichen Atemzug mit dem Weissen Haus und dem Kapitol erwähnt wird – auch Präsident Barack Obama lässt es sich hin und wieder nicht nehmen, dort auf einen Snack einzukehren.

Nur Afroamerikaner

Was aber die wenigsten Anhänger der geräucherten Würste wissen: «Ben's Chili Bowl» hätte ohne die Industrial Bank nie ihre Türen geöffnet – denn im traditionsreichen Washingtoner Geldinstitut trafen sich die Gründer des Restaurants, die damalige Schalterbeamtin Virginia Rollins und der ungeduldige Unternehmer Ben Ali, zum ersten Mal. Ben starb vor fünf Jahren, aber seine Witwe Virginia ist der Industrial Bank immer noch eng verbunden. «Die Bank hat viel bewegt», sagt die 81-Jährige.

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B. Doyle Mitchell Jr. liebt solche Anekdoten, denn sie untermauern, welch zentrale Rolle seine Lokalbank in der abwechslungsreichen Geschichte der amerikanischen Hauptstadt gespielt hat – und wie untrennbar sie mit dem Emanzipationsprozess der Afroamerikaner verbunden ist.

Wichtige Rolle

Mitchell amtiert seit 1993 als Geschäftsführer und Verwaltungsratspräsident der Industrial Bank, dem letzten Finanzinstitut in Washington, das (ausschliesslich) von Afroamerikanern geführt wird. Der Mittfünfziger sagt im Gespräch: «Wir spielen eine wichtige Rolle in einer Bevölkerungsgruppe, die aus historischen Gründen Schwierigkeiten hatte, Bankbeziehungen zu unterhalten.»

Gegründet wurde die Industrial Bank im Jahr 1934 durch Jesse H. Mitchell, den Grossvater von Doyle Mitchell. Als Jesse in den 1950er-Jahren starb, übernahm Doyles Vater das Ruder der Bank. Und als dieser vor fast 25 Jahren verschied, rückte der Sohn an die Spitze nach. Seine Familie, sagt der charismatische Banker, kontrolliere rund 40 Prozent des Aktienkapitals. Der Rest werde von Freunden und Bekannten gehalten, von insgesamt 220 «äusserst loyalen Aktionären», die sich mit den Zielen der Bank identifizierten.

An diesen Zielen hat sich in den vergangenen 80 Jahren nichts geändert: «Uns liegt das Wohlergehen der afroamerikanischen Gemeinschaft am Herzen», sagt der vierfache Familienvater – und im Gegensatz zur Konkurrenz handle es sich dabei nicht bloss um einen Werbespruch. «Wir sind der Meinung, dass wir unseren 15'000 Kunden eine helfende Hand reichen und dabei Geld verdienen können», sagt Mitchell.

Profitable Bank

Die Industrial Bank operiert in der Tat profitabel, und zwar seit 1998, sagt der Banken-Chef, vornehmlich dank Darlehen an Unternehmen und Hypotheken für Privatpersonen. Im vorigen Jahr erzielte das Finanzinstitut einen Reingewinn von 2,2 Millionen Dollar, bei einem Umsatz von 21,4 Millionen Dollar.

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Die Eigenkapitalrendite (Return on Equity) belief sich auf 6 Prozent. In Washington, einer Stadt mit 660'000 Einwohnern, bringt es die Industrial Bank gemäss den Berechnungen des Einlagensicherungsfonds FDIC (Federal Deposit Insurance Corporation) mit Kundengeldern von 305 Millionen Dollar auf einen Marktanteil von 0,6 Prozent.

Ärmere Klientel

Diese Zahlen sind nicht berauschend. In Betracht gezogen werden muss aber, dass die Industrial Bank eine Klientel anspricht, die aus historischen Gründen weit weniger wohlhabend ist als der Durchschnittsamerikaner. Statistiken verdeutlichen seit Jahren, dass Afroamerikaner weniger verdienen als ihre weissen Mitbürger, weniger vermögend sind und häufiger einer unregelmässigen Arbeit nachgehen. Mitchell widerspricht diesem Befund nicht.

Er weist aber darauf hin, dass viele Kunden seiner Bank erfolgreiche Unternehmer seien, mit zugegebenermassen unkonventionellen (aber legalen) Geschäftsmodellen. Dies schaffe regelmässig Probleme mit den Aufsichtsbehörden, die wenig Verständnis für Abweichungen von der Norm zeigten. «Wir müssen ihnen dann jeweils erklären, dass die Akten nicht die ganze Geschichte erzählen und dass wir mit unseren Krediten gutes Geld verdienen», sagt Mitchell.

Mini-Expansion

Während der Finanzkrise wurde die Industrial Bank allerdings arg durchgeschüttelt – weil den Stammkunden buchstäblich das Geld ausging. Im März 2009 nahm die IBW Financial Corporation, wie die Muttergesellschaft der Bank heisst, Staatshilfe in Anspruch und erhielt einen Überbrückungskredit von 6 Millionen Dollar. «Ich bin auch heute noch sehr froh über diese Geldspritze», sagt Mitchell.

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Das Kapitalpolster habe den Aufsichtsbehörden die Angst genommen, die Industrial Bank könnte sich plötzlich mit Liquiditätsproblemen konfrontiert sehen. (Der Staats-Kredit aus dem Tarp-Fonds muss 2018 zurückbezahlt werden; bisher belaufen sich die entsprechenden Rückstellungen aber erst auf 0,5 Millionen Dollar.) Mit dem frischen Geld finanzierte Mitchell auch eine Mini-Expansion seiner Bank. In Anacostia, dem eigentlichen Armenviertel Washingtons, wurde eine achte Filiale eröffnet. Damit wolle die Industrial Bank Präsenz markieren und sich gegen die aggressiv auftretende Konkurrenz verteidigen, sagte der Bankier damals einem lokalen Wirtschaftsblatt. Sechs der Filialen befinden sich im District of Columbia, dem Hauptstadtbezirk, zwei im Bundesstaat Maryland.

Weiteres Wachstum nötig

Damit soll es nicht bleiben, sagt Mitchell. «Wir wollen weiter wachsen», die Kapitaldecke erhöhen – zum Teil durch den Verkauf von Immobilien, die sich schon lange im Besitz der Bank befinden – und vielleicht gar einen Konkurrenten akquirieren. Eine Alternative zu diesem Wachstumskurs gebe es seiner Meinung nach nicht, sagt der Bankenchef, sonst drohe seine Bank angesichts der stets wachsenden Compliance-Kosten unterzugehen.

Kein Thema ist aber eine Namensänderung, auch wenn Mitchell einräumt, dass die Bezeichnung Industrial Bank regelmässig zu Missverständnissen führe. Neuankömmlinge hätten das Gefühl, sein Institut finanziere hauptsächlich Industriebetriebe – was natürlich nicht stimme, sagt er lachend. Der Name erinnere vielmehr an die Industrial Savings Bank, die von 1913 bis 1933 existiert hatte. Für eine Umbenennung ist es nach mehr als 80 Jahren zu spät, findet Mitchell. «Offensichtlich hat sich der Name längst etabliert.»

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Dieser Artikel ist zuerst in der «Schweizer Bank» erschienen unter dem Titel «Die Hüterin einer Tradition».