Frauen und Männer werden bei der Weiterbildung ungleich behandelt - und zwar zum Nachteil der Frauen. Zu diesem Schluss kommt Stefan Wolter, Bildungsforscher an der Universität Bern, der 2009 erstmals eine Hochrechnung für die gesamten Ausgaben im Weiterbildungsbereich veröffentlicht hat. Zwar lassen sich Frauen und Männer ihre Weiterbildung ungefähr gleich viel kosten, nämlich je rund 1,8 Mrd Fr. Der Unterschied: Bei den Männern finanzieren Arbeitgeber über 60% der Ausgaben, bei den Frauen ist es genau umgekehrt; sie bezahlen 60% aus der eigenen Tasche.

Teilzeitarbeitende im Nachteil

Stefan Wolter und Mitautorin Dolores Messer haben versucht, die Gründe aufzudecken. Ihr Fazit: Zum einen arbeiten Frauen viel häufiger Teilzeit als Männer. Teilzeitarbeitende erhalten generell weniger finanzielle Unterstützung vom Arbeitgeber. Zum andern ist Fakt, dass Arbeitgeber die Weiterbildungsmittel meistens abhängig machen von der beruflichen Stellung, der Branche sowie anderen Merkmalen. Wenn Frauen beispielsweise nach einer Familienpause wieder in den Beruf zurückkehren und nicht mehr 100% arbeiten, kann es vorkommen, dass ihr Antrag für gewisse interne Schulungen und externe Kurse abgelehnt wird. Dieses Verhalten zeige sich dann auch in der Statistik, erklären die Bildungsforscher.

Firmen keiner Schuld bewusst

Den Vorwurf, Frauen in der Weiterbildung weniger zu unterstützen, weisen viele Unternehmen vehement zurück, so etwa: «Bei Raiffeisen gibt es keine Unterschiede, die Regeln gelten für alle. In der Förderung des Kadernachwuchses ist ein hoher Frauenanteil vertreten und es existiert ein Mentoring-Programm, das speziell für Frauen konzipiert wurde, aber auch Männern offensteht», sagt Stefan Kern von der Unternehmenskommunikation. Der gleiche Tenor kommt aus dem Hause Victorinox, das ebenfalls das Gleichheitsprinzip betont und Männer und Frauen ebenbürtig finanziell unterstützt und in die gleichen Seminare delegiert.

Anzeige

Auch bei Swiss werden Frauen nicht anders behandelt: «Bei der finanziellen Weiterbildungsförderung ist selbstverständlich nicht das Geschlecht ausschlaggebend, sondern die Relevanz der Ausbildung für die Ausführung der Tätigkeit im Unternehmen», betont Mediensprecherin Sonja Plassek. Da Frauen in der Reisebranche einen überdurchschnittlich hohen Anteil ausmachten, unterstütze auch Kuoni Frauen in gleichem Mass wie die Männer. Peter Brun, Head of Corporate Communications, betont, dass Frauen ebenso offensiv für ihre Weiterentwicklung eintreten wie Männer. Egal, ob man noch bei Microsoft oder der Mobiliar nachfragt: Immer heisst es, dass Frauen für die Weiterbildung die gleiche Unterstützung erhalten wie die Männer. Die Credit Suisse verweist genauso auf das Prinzip der Chancengleichheit gemäss ihrem Code of Conduct.

Spezielle Kurse nur für Frauen

Wenn Frauen trotz aller festgeschriebenen Gleichheitsprinzipien in der Weiterbildung schlechter wegkommen, wie es die Berner Studie behauptet, könnte man das auch auf ihre deutlich geringere Anzahl in Kaderpositionen bzw. im Top-Management zurückführen. Daher zeigt sich ein verstärktes weibliches Interesse an speziellen Seminaren, die von Business Schools für Frauen angeboten werden, die auf dem Sprung in die Führungsetagen sind oder sich nach einer Familienpause wieder fit für den Wiedereinstieg in Kaderpositionen machen wollen. Diese Kurse sind anspruchsvoll und kostenintensiv, deswegen bieten einige Anbieter auch Stipendien an.

Das IMD in Lausanne, das zu den besten Kaderschmieden der Welt gerechnet wird, hat ein Vier-Tage-Seminar «Strategies for Leadership - Empowering women executives» kreiert, das 10 000 Fr. kostet. Weitere Informationen unter: www.imd.ch/programs/oep/leadership/sl/index.cfm. Und der Studiengang «Women back to Business» (WBB) der Universität St. Gallen verlangt 21 Präsenztage, die sich über zwölf Monate verteilen, sowie 20 bis 25 Tage Vor- und Nachbereitung und eine Woche Praktikum. Die Kosten von 24 000 Fr. werden bis zur Hälfte von einem Firmenstipendium gedeckt. Nach dem Abschluss gibt es ein Weiterbildungszertifikat der HSG in Management. Weitere Informationen unter: www.es.unisg.ch/wbb.

 

 

NACHGEFRAGT


«Frauen lernen anders»

Ginka Toegel ist Professorin für Leadership am IMD in Lausanne.

Sie sind auch Direktorin einer Weiterbildung nur für Frauen. Warum gibt es dieses spezifische Angebot?

Ginka Toegel: Frauen sind im Kader unterrepräsentiert. Wir wollen Frauen auf diese Entwicklung vorbereiten, um den Anteil an Frauen im Top-Management zu erhöhen.

Dieses Wissen kann man auch in gemischten Gruppen vermitteln.

Toegel: Frauen lernen anders, wenn sie unter sich sind, als wenn sie nur als Minorität in gemischten Gruppen erscheinen. Am IMD haben wir erlebt, wie Frauen geradezu leidenschaftliche und selbstbewusste Teilnehmerinnen wurden in dieser einzigartigen Zusammensetzung. Sie lernen voneinander und bilden danach grossartige internationale Netzwerke. Dabei entwickeln sie sich zu starken Mentorinnen und stehen gleichzeitig als Repräsentantinnen neuer Rollenmodelle.

Was können Frauen so bewirken?

Toegel: Frauen denken anders als Männer. Der Mix von beiden Geschlechtern in Top-Positionen ist gut für die gesamte Arbeitswelt.