Unbedingt Die Firmen melden steigende Gewinne, die Kassen füllen sich. In zahlreichen Branchen - zum Beispiel auf dem Bau - werden Überstunden gemacht. Ohne den Einsatz der Arbeitnehmenden wäre dieser Aufschwung nicht möglich. Wenn sie nicht mehr Lohn erhalten, werden ihnen die Früchte ihrer Arbeit vorenthalten. Bereits im letzten Aufschwung hatten die normalen Beschäftigten lohnmässig das Nachsehen. Die Reallöhne nahmen kaum zu, während die Managerlöhne und die Gewinne steil anstiegen. Das darf sich nicht wiederholen.Keine Krise Das Argument «Krise» wird missbraucht: Die Binnenwirtschaft beispielsweise war gar nie in der Krise. Obwohl die Beschäftigten hart arbeiteten, hat ein Teil der Arbeitgeber im letzten Jahr eine Nullrunde verordnet, so etwa die Schreiner. Geld für Lohnerhöhungen ist vorhanden. Zudem: Steigen die Löhne nicht, fehlt Kaufkraft im Inland. Und die Kaufkraft braucht einen Impuls. Denn für 2011 droht ein weiterer Prämienschock bei den Krankenkassen. Nicht knausern Die Schweizer Wirtschaft ist hoch produktiv. Das Lohnniveau spiegelt diese hohe Produktivität, die Löhne sind verdient. Um die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz zu beurteilen, muss man die Lohnstückkosten anschauen. Diese sind nicht hoch, die Schweiz ist wettbewerbsfähig. Würde man jedoch bei den Löhnen knausern, wäre das nicht nur ungerecht gegenüber den Beschäftigten, sondern es würde auch der Schweizer Wirtschaft schaden. Denn zu tiefen Löhnen finden die Firmen das nötige Personal nicht mehr. Bis zu drei Prozent Die Löhne müssen um 2 bis 3% steigen. Wichtig ist, dass die «normalen» Beschäftigten etwas davon haben. Die Vergangenheit hat gezeigt: Von einer Individualisierung der Lohnpolitik - insbesondere bei den Boni - haben die Kader profitiert. Statt die Personalbudgets an ihre Mitarbeiter weiterzugeben, haben sie sich den grössten Teil selber genommen. Damit die normalen Beschäftigten nicht leer ausgehen, braucht es daher generelle Lohnerhöhungen und höhere Mindestlöhne.

Nicht unbedingt Eine neue Studie der KOF zeigt: Die Reallöhne - also die Nominallöhne korrigiert um die Inflation - sind auf gesamtschweizerischer Ebene in den vergangenen knapp dreissig Jahren im Mittel um 1,3% angestiegen. Das Arbeitseinkommen in der Schweiz ist zwar nicht ganz losgelöst von konjunkturellen Schwankungen. Die Lohnschwankungen hielten sich aber in engen Grenzen. Während etwa die Wertschöpfung im vergangenen Jahr deutlich schrumpfte, sind die Löhne weiter angestiegen. Umgekehrt legen in einer Hochkonjunktur die Löhne weniger kräftig zu als die Wertschöpfung. Firmen haben Spielraum Langfristig sind Lohnerhöhungen an die Produktivitätsfortschritte wie auch an die Inflationsrate gekoppelt. Gleichzeitig sollten Lohnschwankungen weniger ausgeprägt sein als Schwankungen im Kapitaleinkommen, denn die Risikobereitschaft der Unternehmer ist höher als die der Arbeitnehmer. Hat man das im Visier und erachtet man - wie die KOF - einen Rückfall in die Rezession für eher unwahrscheinlich, dann sollte gesamtwirtschaftlich eine moderate Lohnerhöhung möglich sein. Die Gefahr besteht Tatsächlich muss man aufpassen, dass die Wettbewerbsfähigkeit nicht durch überhöhte Lohnschritte gefährdet wird. Der deutsche Exportmotor läuft unter anderem wegen der dortigen Lohnzurückhaltung in den letzten Jahren so gut. Sind die Produktivitätsfortschritte in einer Branche allerdings hoch, können substanzielle Lohnerhöhungen gewährt werden, ohne dass die Wettbewerbsfähigkeit oder die Beschäftigung in Mitleidenschaft gezogen werden. Stabilität wahren Lohnerhöhungen sollten sich an der branchen- oder sogar unternehmensspezifischen Produktivitätsentwicklung sowie an der Inflationsrate orientieren. Ausserdem sollte beachtet werden, dass eine gewisse Stabilität in der Lohnentwicklung für Planungssicherheit und Vertrauen auf beiden Seiten sorgt. Die Schweizer Binnenkonjunktur konnte nicht zuletzt dank der stabilen Lohnentwicklung als tragende Stütze während der Krise fungieren. Letztlich bleibt das Ausmass von Lohnerhöhungen aber eine Verhandlungsfrage, welche den Sozialpartnern obliegt.

 

 

In Massen In den vergangenen Jahren sind die Reallöhne in der Schweiz kontinuierlich und moderat angestiegen. Im jetzigen Umfeld - mit relativ hoher Arbeitslosigkeit und tiefer oder wie letztes Jahr gar negativer Inflation - fallen die Lohnabschlüsse eher etwas tiefer aus. Insgesamt haben sich aber viele Unternehmen während der Krise hervorragend geschlagen. Viele haben Forschung und Entwicklung forciert, die Mitarbeiter weitergebildet und sind so produktiver geworden. Wenn die Ertragslage nachhaltig ist und es zulässt, können vernünftige Lohnerhöhungen durchaus angebracht sein. Nicht übertreiben Die Konjunkturerholung steht in der Tat auf tönernen Füssen, weniger in der Schweiz als vielmehr im Ausland. Die Risiken eines «double dip» haben klar zugenommen. Es kann vorkommen, dass Unternehmen, die in Erwartung einer weiterhin starken Nachfrageentwicklung hohe Lohnabschlüsse gewähren, bei einem abrupten neuerlichen Konjunktureinbruch umso stärker auf die Kostenbremse treten oder Entlassungen vornehmen müssen. Insofern sind übermässige Lohnerhöhungen zwar positiv für die weiterhin Beschäftigten, jedoch verhängnisvoll für die Entlassenen - also kein sehr faires Ergebnis.Euro ist viel wichtiger Schweizer Unternehmen bezahlen zwar hohe Löhne, ihre Arbeitskräfte weisen aber auch eine überdurchschnittliche Produktivität auf. Die Löhne, gemessen an der Menge der Erzeugnisse - die Lohnstückkosten -, sind in der Schweiz insgesamt nicht zu hoch. Dies zeigt sich etwa in den hohen Exportüberschüssen der Schweiz. Anhaltend hohe Lohnabschlüsse würden sich längerfristig wohl negativ auf die Wettbewerbsfähigkeit und damit auf die Handelsbilanz auswirken. Kurzfristig viel bedeutender ist für die Exportwirtschaft jedoch die starke Aufwertung des Schweizer Frankens. Inflation ausgleichen Zuerst sollen die Löhne die Inflation kompensieren, die 2010 bei rund 1% liegen dürfte. Weil die Konjunktur derzeit in verschiedenen Binnensektoren wie etwa der Bauwirtschaft oder dem Dienstleistungssektor stark läuft, können dort signifikantere Lohnerhöhungen von 2 bis 3% erwartet werden. Tiefer ausfallen dürften die Lohnrunden in Branchen wie den Medien oder der Textilindustrie. Jene exportorientierten Unternehmen oder Firmenbereiche, deren Gewinnsituation sich aufgrund des starken Schweizer Frankens verschlechtert hat, dürften auch Mühe bekunden, grosszügig die Löhne zu erhöhen.

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Nicht generell Insgesamt ist die Schweiz tatsächlich recht gut durch die Krise gekommen. Aber einige Branchen erlebten in den vergangenen zwei Jahren massive Einbrüche, vor allem grosse Teile der Exportindustrie. Dennoch erhielten die Arbeitnehmenden 2009 - also mitten in der Krise - eine Reallohnerhöhung von 2,6%. Dies, nachdem ihr Anteil am BIP bereits in den Vorjahren gewachsen war. In dieser Situation ist eine differenzierte, auf die Situation der einzelnen Unternehmungen und Branchen zugeschnittene Lohnpolitik nötig. Ein allgemeiner Nachholbedarf an Lohnerhöhungen kann dabei nicht geltend gemacht werden. Risiken bleiben Die Konjunktur verläuft besser als erwartet, ist aber nach wie vor mit erheblichen Risiken belastet. Zu denken ist an die hohen Staatsschulden in wichtigen Wirtschaftsräumen oder an die anhaltende Euro-Schwäche. Viele Unternehmungen müssen sich nach den erlittenen Substanzverlusten zudem wieder regenerieren. Deshalb ist eine realistische Abschätzung der künftigen Entwicklung geboten. Auf dieser Basis ist eine nachhaltige Lohnentwicklung möglich, die den Interessen aller Beteiligten entspricht und auch volkswirtschaftlich sinnvoll ist. Allenfalls Die Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit muss oberste Priorität haben; andernfalls gehen Lohnerhöhungen zulasten der Beschäftigung. Das gilt nicht nur für die exportierenden Unternehmungen, sondern auch für die Binnenwirtschaft, denn letztlich stehen wir in einem Standortwettbewerb. Weil für die Konkurrenzfähigkeit die totalen Arbeitskosten relevant sind, ist auch der Anstieg der Lohnnebenkosten zu berücksichtigen. Nur wenn die Unternehmen die Arbeitskosten sowie die Kapitalkosten auf ihren Absatzmärkten in entsprechenden Preisen umsetzen können, sind Lohnerhöhungen möglich. Sehr unterschiedlich Die Lohnentwicklung ist keine gesamtwirtschaftliche Sollgrösse, sondern ergibt sich aus den Lohnverhandlungen in den Unternehmungen und Branchen. Dort müssen Lösungen gefunden werden, welche den Entwicklungsaussichten der Firmen und den Interessen der Mitarbeitenden Rechnung tragen. Angesichts der stark unterschiedlichen Ausgangslagen werden die Lohnanpassungen sehr unterschiedlich ausfallen. Aus der Distanz des Spitzenverbands lässt sich nur sagen, dass in den stark gebeutelten Unternehmungen der Exportindustrie die Spielräume für Lohnerhöhungen klein sind.