Über vier Millionen Liter Whisky trinken die Schweizerinnen und Schweizer jedes Jahr – dreimal mehr als vor 20 Jahren. Am beliebtesten sind noch immer die traditionellen Marken aus Schottland und Irland. Doch der Wind dreht: In den vergangenen vier Jahren wurden zwei Herstellungen aus Japan zu den besten Whiskys der Welt gekürt. «Das Interesse in der Schweiz an den japanischen Marken hat im vergangenen Jahr noch einmal enorm zugenommen», sagt Experte Stefan Monnier.

Damit folgt die Schweiz einem weltweiten Trend. Der Nachrichtendienst Bloomberg sieht japanische Whiskeys in diesem Frühjahr sogar an einem Wendepunkt: Sie könnten den besten schottischen Marken den Rang ablaufen. Ein halbes Dutzend neue japanische Marken sind in den USA seit Kurzem erhältlich. Rund um den Globus eröffnen immer mehr Bars, in denen der ausgeschenkte braune Branntwein ausschliesslich aus Japan kommt – etwa das Londoner Mizuwari. Und in den grossen Auktionshäusern wie in Hongkong schiessen die Preise für exklusive japanische Tropfen demnach durch die Decke.

Junger Siegeszug und alte Tradition

Der Schweizer Monnier ist Mitbetreiber einer Whiskystube in Studen BE und führt einen Online-Versand für Single Malts. Jedes Jahr im November organisiert er die Messe «Whiskyschiff Zürich», auf dem neue und ungewöhnliche Whiskys ausgestellt und verköstigt werden. Monnier kennt den Geschmack der Schweizer Whisky-Liebhaber also genau. Und seit rund fünf Jahren sind auf dem Whiskyschiff auch japanische Single Malts im Programm. «Die Japaner sind schwer in Mode», sagt Monnier.

Dabei steht hinter dem erst jungen Siegeszug eine schon lange Tradition: In Japan begannen erste Brennereien vor über 80 Jahren mit der Herstellung von Whisky. Zum Vergleich: In der Schweiz gibt es seit 1999 den ersten Single-Malt. «Die Japaner haben sich viel Know-How von den Schotten abgeguckt», sagt Monnier. So etwa das Mälzen der Gerste mit Torf. Oder die Lagerung in Sherry- und Bourbonfässern. Mittlerweile liegt die grösste Malt-Destillerie der Welt sogar in Japan, sagt der Experte.

«Eigene Note entwickelt»

Im Gegensatz zum oft gehörten Vorwurf sind die Japaner jedoch nicht nur gute Kopierer des schottischen Originals. «Die japanische Whiskys haben ihre ganz eigene Note entwickelt», sagt Monnier. Zu den bekanntesten Marken gehört heute der Whisky von Yamazaki, der in der Schweriz oft aber nur standardmässig nach zehn- oder zwölfjähriger Lagerung erhältlich ist. Ebenfalls beliebt ist Nikka aus Tokio.

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Allerdings sind die Japaner im Vergleich zu den schottischen Pendants nicht gerade günstig. Eine zwölf Jahre alte Flasche gibt es für rund 100 Franken. Nur 60 bis 70 Franken kostet hingegen ein vergleichbarer Whisky aus Schottland, sagt Monnier. Entsprechend sind die Schweizer trotz des wachsenden Interesses beim Kauf noch etwas zurückhaltend: Gerade einmal 5 Prozent der Kunden von Monnier entscheiden sich heute für einen Whisky aus Japan.

Grossbritannien bleibt Spitzenreiter

Ein weiteres Absatzproblem: Viele exklusive Tropfen aus Japan werden ausschliesslich für den heimischen Markt produziert – und kommen erst gar nicht nach Europa, sagt Monnier. «Dieses Problem hat sich nach dem Tsunami in Fukushima im März 2011 noch etwas verschärft.» Dennoch rechnet er damit, dass der Anteil der japanischen Whiskys künftig auch in der Schweiz wachsen wird.

Bis die japanischen Hersteller den etablierten Brennereien aus Schottland und Irland hierzulande den Rang ablaufen, dürften also noch einige Lagerzyklen verstreichen: Laut Zollverwaltung kommen heute noch immer zwei Drittel beziehungsweise 2,7 Millionen Liter der Schweizer Whisky-Importe aus dem Vereinigten Königreich.