Es war einer jener Momente, bei denen selbst ein durch und durch disziplinierter Konzern wie Nestlé nicht darum herumkommt, sich selbst ein bisschen zu feiern: Im November vor drei Jahren, bei der Eröffnung des Nestlé Institute of Health Sciences auf dem Campus der ETH Lausanne – aus den Lautsprechern drangen sphärische Klänge, eine Lichtorgel schickte weisse und violette Strahlen über die Köpfe der Gäste hinweg. Science-Fiction-Feeling. Genau das Richtige für eine Einrichtung, die das Leben der Menschen verändern soll.

Heute beschäftigt das Nestlé-Institut 150 Wissenschafter aus 20 Nationen. Es geht um die Bekämpfung der grossen Plagen der westlichen Welt: Demenz, Diabetes, Fettleibigkeit und entzündliche Erkrankungen des Darmtrakts. Ihr Ziel ist die Entwicklung von therapeutischen Nahrungsmitteln: Ein Joghurt, das den Ausbruch von Alzheimer verzögert, ein Keks, der die Zuckerkrankheit nicht ausbrechen lässt. Immer der genetischen Disposition des Einzelnen angepasst. 

Milliardenmarkt – in 20 Jahren

Noch ist es nicht so weit. Die Strategie der «alicaments», der Nahrungsmittel mit therapeutischer Wirkung, für die der Konzern in einer ersten Phase «mehrere 100 Millionen Franken» veranschlagt hat, ist wie ein Weitschuss: Wer weiss, wie lange es dauern wird, bis er sein Ziel erreicht? Wer weiss, ob er überhaupt ankommt? Der Markt für therapeutische Nahrungsmittel befindet sich noch im Embryostadium. Dafür verspricht er gross zu werden. Experten rechnen in den nächsten Jahren mit zweistelligen Wachstumsraten. In 20 oder 30 Jahren soll der Markt 150 Milliarden Dollar gross sein – sollte er sich denn wirklich herausbilden.

Die Realität: Aus der Küche des Nestlé Institute of Health-Science gab es seit der Eröffnung keine grossen Neuigkeiten mehr. Das Alzheimerjoghurt lässt auf sich warten. Dafür tastet sich die Einheit Nestlé Health Sciences kontinuierlich in Richtung therapeutische Nahrungsmittel vor. Im Februar 2011 hat Nestlé die Londoner CM&D Pharma übernommen. Im Juli des gleichen Jahres kam es zu einer strategischen Mehrheitsbeteiligung an der neuseeländischen Vital Foods.

Kaugummi, der den Phosphatspiegel im Blut senkt

Das Unternehmen vertreibt einen Kaugummi auf Basis einer Kiwi-Substanz, die den Phosphatspiegel im Blut von Nierenkranken senkt. Ein vielversprechendes Investment ist der Mannschaft unter Behar im Februar mit dem 65 Millionen Dollar teuren Einstieg bei der amerikanischen Seres Therapeutics gelungen. «Die Investition passt zu unserer Strategie», liess sich Behar damals zitieren. Seres Therapeutics sei führend in der Entwicklung von Therapien auf Basis von Mikroorganismen.

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Die Kalifornier suchen seit ein paar Wochen Probanden, um ein mikrobiotisches Präparat zu testen, das gegen wiederkehrendes Clostridium difficile wirken soll. Clostridium difficile ist eine entzündliche Darmerkrankung, die nach Antibiotikabehandlungen auftritt und die sich vor allem in den USA zunehmend zu einem Problem entwickelt: 700’000 Fälle pro Jahr, 250’000 Hospitalisierungen und 14’000 Todesfälle. Eine Krankheit mit Blockbuster-Potenzial. Zudem hat die Krankheit in den USA Orphan-Drug-Status. Das heisst, ein zur Behandlung zugelassenes Präparat unterstünde nicht nicht nur dem Patentschutz, es würde auch zumindest während einer bestimmten Zeit Marktexklusivität geniessen.

Auf der Suche nach einer Akquisition

Gut täte dem Unterfangen Gesundheitskonzern allerdings eine grössere Akquisition. Oben auf der Einkaufsliste dürfte das 1,4 Milliarden Euro starke Medical-Nutrition-Geschäft von Danone stehen. Doch bis jetzt gibt es keine Anzeichen, dass die Franzosen verkaufen möchten. Wie viel das Geschäft mit der medizinischen Ernährung heute zu Umsatz und Gewinn von Nestlé beiträgt, lässt sich nur schätzen.

Der Konzern rapportiert verschiedene Produktkategorien in der Division Nutrition & Health Science, die mit einem Volumen von 13 Milliarden Franken (2014) rund 15 Prozent des Umsatzes ausmachten. Romano Monsch, Nestlé-Analyst bei der Credit -Suisse, schätzt, dass davon drei Viertel auf den Bereich Nutrition entfallen, also die Babynahrung. Die medizinischen Ernährungslösungen würden sich demnach zusammen mit den Hautprodukten in den restlichen 25 Prozent verstecken.

Minimalziel zweimal verpasst

Die Profitabilität der Division dürfte nach Schätzungen des Credit-Suisse-Analysten bei etwa 20 Prozent liegen, also knapp 5 Prozentpunkte über derjenigen des Gesamtunternehmens. Auch beim Umsatzwachstum, bei dem der Konzern 2014 zum zweiten Mal in Folge das mittelfristige Minimalziel von 5 Prozent nicht erreichte, das sich Nestlé selbst gesetzt hat, dürfte es bei Nutrition & Health Care besser aussehen als für den ganzen Konzern. Monsch geht für den Bereich Nutrition weiterhin von einer Wachstumsrate von etwa 8 Prozent aus. «Das Ziel ist meiner Meinung nach klar: Der Konzern versucht dort zu wachsen, wo die Profitabiliät besser ist.»

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