1. Home
  2. Unternehmen
  3. Wie PC-Hersteller Acer auf die tierische Wende hofft

Strategie
Wie PC-Hersteller Acer auf die tierische Wende hofft

Acer: Neue Produkte sollen das Minus aus dem PC-Markt ausgleichen.  zvg

Computerhersteller Acer hat es nicht leicht: Seit Jahren schrumpft der PC-Markt und das Unternehmen gleich mit. Nun setzen die Taiwanesen auf Nischenprodukte - sogar für Nutzer aus der Tierwelt.

Von Thomas Heuzeroth («Die Welt»)
am 26.09.2017

Ein Hundehalsband, das in der Lage ist, die Gefühlslage des Tieres seinem Besitzer anzuzeigen? Was Jason Chen bei seinem jüngsten Auftritt Ende August in Berlin auf der Bühne zeigte, erstaunte viele Beobachter. Der Chef des Computerherstellers Acer zeigt üblicherweise zum Start seiner Präsentationen die neusten Notebooks, schnellsten Desktop-PCs und grössten Monitore.

Doch dieses Mal war alles anders: Pawbo Wag Tag und Pawbo iPubby Go machten den Auftakt der Acer-Show: ein Hunde-Emotionen-Tracker und ein Fitnessknopf, der am Halsband eines Haustieres die Schritte, Aktivität und Schlafgüte von Hunden und Katzen festhält.

Strategie setzt auf «Petware»

Chen grinst, als er im Nachhinein darauf angesprochen wird. «Ich wollte zeigen, dass sich eben nicht alles bei uns um Computer dreht», sagt der 55-jährige Manager und freut sich, dass ihm diese Überraschung gelungen ist. «Einige haben unseren Wag Tag als Hundedolmetscher bezeichnet, so weit würde ich aber nicht gehen.» Chen nennt die neue Gerätekategorie «Petware». Sie ist Teil seiner Turnaround-Strategie, für die er die Bezeichnung «Reboot Acer» treffend findet.

Als Chen vor dreieinhalb Jahren den Chefposten bei Acer übernahm, war er der vierte CEO innerhalb von zwei Monaten. Acer habe sich in einer «Notfallsituation» befunden, sagt er heute. Tatsächlich war das Unternehmen dabei, finanziell auszubluten.

Kleiner Markt, grosse Konkurrenten

Acers grösstes Problem: Der Konzern ist in einer Branche tätig, die seit Jahren nur noch schrumpft. Weltweit werden immer weniger Computer verkauft, nicht zuletzt, weil viele Nutzer sich entweder mit ihren alten Geräten oder mit Smartphones und Tablets zufrieden geben.

Das Unternehmen aus Taiwan, das im vergangenen Jahr seinen 40. Geburtstag feierte, hat es hart erwischt. Seit 2011 haben sich die Umsätze praktisch halbiert auf zuletzt 7,2 Milliarden Euro. Der Anteil am Weltmarkt für Computer sinkt stetig, zuletzt noch einmal um gut zwölf Prozent. Acer muss sich inzwischen in der Statistik einreihen hinter HP, Lenovo, Dell, Apple und Asus.

Mit weniger zu mehr

Wie hält man einen solchen Schrumpfkurs auf Dauer aus? Indem man auf Allmachtsfantasien verzichtet und eben nicht an der Spitze der grössten Computerhersteller mitspielt. «Wir haben uns entschieden, Geld zu verdienen», sagt Chen. Acer habe von jeher ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis gehabt. «Das ist gut, aber das reicht nicht», sagt Chen, «weil das auf die Gewinnmarge drückt.»

Acer ist heute dabei, sich gesund zu schrumpfen. Der Acer-Chef sieht sein Unternehmen inzwischen auf gutem Weg: Die Bruttomarge habe sich in seiner Amtszeit annähernd verdoppelt, das operative Ergebnis liege bei mehr als 1,5 Prozent, so viel wie seit sechs Jahren nicht mehr.

Computerspieler als Kunden entdeckt

Ist damit der Turnaround geschafft? «Wir fangen an, Licht am Ende des Tunnels zu sehen», schrieb der frühere Acer-Chairman George Huang zuletzt an die Aktionäre, bevor Chen auch diesen Posten im Juni übernommen hat. Tatsächlich stürzt sich der Konzern auf Nischen, in denen noch Wachstum möglich ist.

Dazu gehört der Markt der Computerspieler, die für ihre leistungsfähigen Notebooks, Computer und Monitore viel Geld ausgeben. Der Predator 21 X, ein Notebook mit gebogenem Display, das von Computerspielern den Spitznamen «Raubtier» bekommen hat, kostet 10'000 Euro.

Weg vom Billigimage

Acer wächst aber auch mit Notebooks, die sich als Tablets nutzen lassen, wenn ihr Display vollständig umgeklappt ist. Chen nennt diese Geräte 2-in-1. Erfolgreich ist Acer auch mit seinen Detachables, Tablets, an denen eine Tastatur angesteckt werden kann, und mit Chromebooks, günstige Notebooks, auf denen Googles hauseigenes Betriebssystem Chrome OS läuft.

Insgesamt will Acer aber das Image des Billiganbieters ausmerzen, die Geräte sollen jetzt edel und innovativ wirken. Damit das gelingt, musste der Konzern seine Forschung und Entwicklung neu aufbauen. Die Acer Group hatte sich im Jahr 2000 aufgespalten und das Geschäft mit der Fertigung für andere Hersteller einschliesslich der Forschungs- und Entwicklungsabteilung in das unabhängige Unternehmen Wistrom ausgelagert, an dem Acer heute nur noch weniger als fünf Prozent Anteile hält.

So dünn wie kein anderer

«Inzwischen melden wir jedes Jahr Hunderte neuer Patente an», sagt Chen. In vielen neuen Produkten seien Technologien verbaut, die aus ganz anderen Bereichen kämen. So setzt Acer bei seinen Notebooks eine Flüssigkühlung ein, die sich in ähnlicher Form in der Raumfahrtforschung wiederfindet. Acer habe das dünnste Notebook der Welt gebaut und den leistungsfähigsten Laptop für Computerspieler.

Obwohl Acer nach wie vor 80 Prozent seines Umsatzes mit Computern macht, will Chen sein Unternehmen nicht als PC-Hersteller verstanden wissen. «Wir sind ein Technologieunternehmen», sagt er. «Auf diese Weise können wir uns breiter aufstellen und neue Chancen wahrnehmen.» Die Kunst dabei sei, zu erkennen, welche Möglichkeiten man nicht wahrnehmen sollte.

Neue Rundum-Kamera

Tatsächlich hat sich Acer auch schon die Finger verbrannt. Über viele Jahre hinweg hat der Konzern versucht, in den Smartphonemarkt einzusteigen – ohne Erfolg. «Wenn man sich die Industrie ansieht, gibt es mit Apple und Samsung nur zwei Hersteller, die hier Geld verdienen», sagt Chen.

Acer sei nun vorsichtig geworden. Doch auch hier meint Chen, eine Nische gefunden zu haben. Zuletzt zeigte Acer eine 360-Grad-Kamera, die sich mit dem Mobilfunknetz verbindet, um Rundumfotos in die sozialen Netzwerke laden zu können. Die Holo 360 soll noch in diesem Jahr erscheinen.

Grosse Ziele

Tracker an Hunden gehören zu den Geschäften, an denen sich Acer in Zukunft beteiligen will. Im vergangenen Jahr hat sich Acer ausserdem in den Nischen-Tablet-Anbieter grandPad eingekauft, um in den Tabletmarkt für Senioren einzusteigen.

Chen hat intern eine ganze Reihe von Entwicklungen angeschoben, deren Ergebnisse sich aber noch zeigen müssen: darunter Investitionen in künstliche Intelligenz, Big Data, Smart Cities und Healthcare. Am Ende, so das Ziel, will Acer ein grösserer Anbieter im Internet der Dinge sein.

Mehrwert bieten

Ähnliche Vorstellungen hat der Acer-Chef, wenn es um virtuelle Realität geht. Dazu hat Acer das Joint-Venture Star VR gemeinsam mit dem schwedischen Spieleentwickler Starbreeze Studios gegründet. Zudem beteiligt sich Acer an einem Fonds, den IMAX für die Produktion von VR-Filmen und VR-Spielen aufgelegt hat. In den Kinos gibt es dann für einen Aufpreis nach einem normalen Film eine zusätzliche Virtual-Reality-Show.

Eine VR-Brille für Verbraucher will Acer noch in diesem Jahr auf den Markt bringen. Dafür sei es wichtig, auch Inhalte anbieten zu können, sagt Acer-Chef Chen. «Wir müssen den Leuten ja etwas zeigen, das über die Datenblätter hinausgeht.»

Dieser Artikel erschien zuerst bei «Die Welt» unter dem Titel «Warum Acer jetzt ausgerechnet auf Tierprodukte setzt».

Anzeige