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Fussball
Wie sich das Machtgefüge im Fussball-Business zementiert

Champions League Finale in Kiev
Champions League: Liverpool und Real Madrid treffen im Finale in Kiev aufeinander.Quelle: Keystone .

Europäischer Fussball: Das Finale der Champions League ist Sinnbild einer wachsenden Dominanz weniger Grossclubs.

Von Thomas Mersch und Stefan Merx
am 25.05.2018

Für Claudius Schäfer ist das Finale der Champions League gesetzt. «Das werde ich mir sicher angucken», sagt der Chef der Swiss Football League. Wenn am Samstagabend der FC Liverpool das zuletzt übermächtige Real Madrid herausfordert, ist Schäfer einer von mehreren hundert Millionen TV-Zuschauern weltweit. «Eine schöne Paarung, weil mit Liverpool ein Club dabei ist, der in den letzten Jahren nicht auf absolutem Topniveau gespielt hat.»

Schäfer kündigt an: Er wird dem englischen Underdog die Daumen drücken.Real dagegen will zum Seriensieger werden – und als erster Club drei Mal in Folge die Trophäe gewinnen. Ökonomisch betrachtet ist Real der Favorit. Der Umsatz der Spanier liegt um fast 60 Prozent über dem der Engländer. 675 Millionen Euro ermittelte die Beratungsfirma Deloitte in ihrer Rangliste «Football Money League» für die Spielzeit 2016/17 – Rang zwei nach Manchester United, das nur hauchdünn vorne liegt. Liverpool kommt als Neunter auf 424 Millionen Euro (siehe unten).

David gegen Goliath? Nicht ganz. In Kiew treffen eher der grosse und der kleine Goliath aufeinander. Ein Blick auf die Schweizer Super League zeigt Schäfer, was echtes Aussenseitertum bedeutet: 88,5 Millionen Franken setzte Liga-Krösus FC Basel zuletzt um. Der Serienmeister überstand zwar die Gruppenphase der Champions League, doch die Euphorie währte nur kurz. 23 Minuten benötigte Manchester City im Achtelfinal-Hinspiel, um für klare Verhältnisse zu sorgen. 0:3 stand es da. Beim Schlusspfiff hatten die Engländer ihren Gegner mit 0:4 deklassiert. «Das war eine Machtdemonstration sondergleichen», sagt Liga-Chef Schäfer.

Ein elitärer Zirkel schliesst die Türen

Geht es um Europas elitärsten Club-Wettbewerb, haben Schweizer nur begrenzt Grund zum Jubeln. Die Schweizer Beteiligung erschöpft sich im Geldverdienen des Europäischen Verbandes Uefa, der in Nyon sitzt und das Spektakel Champions League perfekt inszeniert. Derweil sinken die Siegeschancen der Clubs der kleinen Fussballnationen von Jahr zu Jahr.

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Die grössten Fussball-Clubs Europas

Umsatz in Millionen Euro (Sainson 2016/17)

  1. Manchester United, 676
  2. Real Madrid, 675
  3. FC Barcelona, 648
  4. FC Bayern München, 588
  5. Manchester City, 528
  6. Arsenal, 488
  7. Paris Saint-Germain, 486
  8. Chelsea, 428
  9. Liverpool FC, 424
  10. Juventus Turin, 406

Datenquelle: Deloitte, KPMG, Transfermarkt, Daily Mirror

Reiche Grossclubs beherrschen Europas Fussball – und das äusserst planmässig. Ein elitärer Zirkel strebt danach, die Türen für kleinere Wettbewerber möglichst fest zu verschliessen. Und der Verband Uefa leistet tatkräftige Hilfe: Gut 1,3 Milliarden Euro schüttet er in diesem Jahr an die 32 Teilnehmer aus – auch abhängig vom sportlichen Abschneiden und der Grösse des nationalen TV-Markts.

Das meiste Geld in diesem sich selbst verstärkenden System bekommen die ohnehin schon besser gestellten Clubs: Sechs der acht Viertelfinalisten der diesjährigen Königsklasse zählen zu den Top Ten der «Football Money League». Wo finanzielle Chancengleichheit schwindet, droht der sportliche Wettbewerb auf der Strecke zu bleiben. «Wir müssen Wege finden, um zu verhindern, dass die reichen Clubs immer reicher werden und zunehmend unter sich bleiben», fordert Liga-Chef Schäfer, der auch dem Vorstand der Interessenvereinigung European Leagues angehört.

Er möchte den Hebel beim Prämiensystem in den europäischen Wettbewerben ansetzen. Das Ziel: Kleinere Ausschüttungen in der Champions League, dafür mehr Geld für die Europa League. Deren 48 Teilnehmer müssen sich in dieser Spielzeit mit 400 Millionen Euro begnügen.

Das Produkt Fussball ist in Gefahr

Neben neuen Verteilungsschlüsseln plädieren Experten auch für mehr Wachsamkeit beim Mittelzufluss. Eine stärkere Kontrolle von Investoren etwa aus dem Nahen Osten, die Clubs übernehmen und für die grosse Shoppingtour auf dem Spielermarkt ausstaffieren, halten Experten für dringend nötig. «Ohne ein Gegensteuern läuft das Produkt Fussball Gefahr, stark verwässert zu werden», sagt Matthias Lehleiter, Sportbusiness-Fachmann der Hamburger Privatbank Berenberg. «Es droht Langeweile.»

Salah
Mohamed Salah: 80 Millionen Euro ist der Marktwert des Liverpool-Stars.
Quelle: Keystone .

In der Deloitte-Geldliste belegen die obersten zwanzig Ränge ausschliesslich Clubs aus England, Spanien, Deutschland, Frankreich und Italien. Ein Wettkampf auf Augenhöhe? Daran glaubt kein Funktionär einer kleineren Liga mehr. Zu unterschiedlich sind die Voraussetzungen allein durch die Vermarktung nationaler TV-Rechte. Die Schweiz etwa kommt auf 40 Millionen Franken pro Saison – ein Bruchteil der im Schnitt 1,7 Milliarden Pfund, die die englische Premier League derzeit pro Spielzeit unter ihren Clubs verteilt.

Freilich sprudeln auch die anderen Erlösquellen in grösseren Märkten viel ergiebiger – von Sponsoring- über Hospitality- und Ticketeinnahmen.Die Sondereinnahmen aus der Champions League sind höchst willkommen, um sportliche Vorherrschaft zu zementieren – und sich ein Abo für die Meisterschaft zu sichern.

In der Bundesliga holte Bayern München gerade den sechsten Titel in Folge – mit 21 Punkten Vorsprung. In der französischen Ligue 1 ist Paris Saint-Germain (PSG) weit enteilt – nur einmal in den vergangenen sechs Spielrunden war der Club nicht die Nummer eins. Die neue Rekordablöse von 222 Millionen Euro zahlte PSG im vergangenen Sommer an den FC Barcelona für die Verpflichtung des Brasilianers Neymar. Für diese Summe gäbe es das ganze Profikader des FC Basel dreieinhalb Mal zu kaufen.Lange nur Mittelmass, beschäftigt PSG heute ein Starensemble.

Den Aufstieg an die europäische Spitze verdankt Paris Katar, das den Verein im Jahr 2011 über die Qatar Sports Investment kaufte und seitdem Hunderte Millionen Euro für neue Spieler locker machte. Das Muster entspricht dem von Manchester City, wo Investoren aus Abu Dhabi das Kommando übernommen haben. Der neue englische Meister distanzierte den über Jahre dominanten Stadtrivalen Manchester United in dieser Saison mit 19 Punkten.

«Fussball ist ein vergleichsweise kleines und teilweise geschlossenes ökonomisches System», sagt Experte Lehleiter. «Zusätzlich einströmende Gelder können es stark verändern.» Genau damit sei zu rechnen, sagt Claudius Schäfer: «Es wird vermehrt Investoren aus Nahost und auch aus China geben.» Das Versprechen grösserer Balance könnte leer bleiben, weil der Druck der Geldgeber wächst.

Sind alle Schranken gefallen?

Simon Chadwick, Co-Direktor des Centre of Sports Business an der Salford University in Manchester, zeichnet ein pessimistisches Bild: «Die Grenzen setzen die Leute mit Geld – abhängig von ihrer Entscheidung, wie sie es ausgeben wollen.» Der Fussball sei inzwischen tief verankert in einem globalen Netzwerk von Wirtschaft und Politik – mit zum Teil überraschenden Verbindungen. Ende 2014 berichteten Medien über einen 350-Millionen-Pfund-Deal zwischen Real Madrid und Manchester-City-Eigentümer Scheich Mansour für den Umbau des Bernabéu-Stadions von Madrid.

«Diese Art von grenzüberschreitenden Allianzen nimmt zu», sagt Chadwick. «Es unterstreicht die geopolitischen Motive der Beteiligten.»Eigentlich existieren Regeln, die den unbegrenzten Zufluss von Investorengeld beschränken sollen: das sogenannte Financial Fairplay der Uefa. Teilnehmer an einem europäischen Wettbewerb dürfen danach nur das Geld ausgeben, das sie aus eigener Kraft erwirtschaften.

«Die Uefa aber hat bisher noch keine drakonischen Sanktionen aufgelegt», sagt Lehleiter.

Es geht nicht um Rendite, sondern um Anerkennung

Geldstrafen hält Lehleiter bei den aus dem Nahen Osten finanzierten Clubs für wenig wirksam – ebenso wie im Fall des vom russischen Oligarchen Abramowitsch gepäppelten FC Chelsea, der 2012 die Champions League gewann. «Selbst 100 Millionen Euro würde Katar ohne weiteres stemmen können», sagt er.

Die Investitionen seien nicht primär von wirtschaftlichen Interessen geleitet – die emotionale Rendite in Form von Anerkennung stehe im Vordergrund. Auch bessere Kontakte in die europäische Wirtschaft und Politik zählten zu den nationalen Interessen. «Ein Ausschluss von der Champions League könnte mehr bewegen», sagt Lehleiter. «Die Topstars würden dann trotz dem vielen Geld nicht mehr zwangsläufig kommen. Hier könnte die Uefa meines Erachtens ansetzen.»

Dass tatsächlich einer der geförderten Grossclubs aus der Königsklasse ausgeschlossen wird, gilt als unwahrscheinlich. Hängt doch die Attraktivität des Wettbewerbs davon ab, dass die Zugpferde dabei sind. Die Uefa würde sich also auch selbst schaden.

Hinzu kommt: Die Fifa setzt die Uefa unter Druck. Aktuell liebäugelt der Weltverband mit der Idee einer erweiterten Club-WM von sieben auf 24 Teams mit kolportierten 2,5 Milliarden Euro Prämien – offenbar im Alleingang. «Es fand bisher kein Entscheidungsprozess statt, bei welchem alle wichtigen Anspruchsgruppen wie Ligen, Clubs und Spieler miteinbezogen wurden», so Schäfer. Skeptisch sagt er: «Es ist ein Wettbewerb mehr in einem gesättigten Markt.»

Ronaldo
Cristiano Ronaldo: 120 Millionen Euro ist der Marktwert des Real-Madrid-Stars.
Quelle: Keystone .

Der Druck wächst

Um ihre Ziele durchzudrücken, drohen die Topvereine regelmässig damit, die Champions League zu verlassen – und eine Konkurrenzveranstaltung in Eigenregie aufzuziehen. «Falls die Uefa die Financial-Fairplay-Regeln tatsächlich strikt anwendet, werden bedeutende Investoren und die Clubs potenziell versuchen, sich der Rechtsprechung des Verbands zu entziehen», erläutert Simon Chadwick. «Werden die Regeln nur abgeschwächt vollzogen, gerät die Uefa dagegen ins Visier kleinerer nationaler Verbände.»

Das sei ein permanenter Drahtseilakt, so der Professor für Sportwirtschaft. Es sei dringend nötig, gegenzusteuern, um die Spiele spannend zu halten, sagt der Schweizer Liga-Chef Schäfer: «Sonst droht ein Totalumbruch, in dem sich die grossen Clubs am Ende tatsächlich in einen eigenen Wettbewerb verabschieden.»Das Regiment der Platzhirsche zeigte sich auch bei der jüngsten Champions-League-Reform.

Dort gelang es den grossen Ligen, zusätzliche garantierte Startplätze zu sichern – auf Kosten der kleineren Ligen, deren Teilnahmechancen gesunken sind. Nach dem Rücktritt des wegen dubioser Millionenzahlungen gesperrten Uefa-Präsidenten Michel Platini im Jahr 2016 habe es ein Machtvakuum im Verband gegeben, sagt Schäfer.

Die Reform bis zum Jahr 2020 zugunsten der grossen Ligen sei dann «sehr clever an allen vorbei» entschieden worden. «Wir haben nun die Konsequenzen zu tragen.»Schäfer pocht auf mehr Ausgleich: «In den Statuten der Uefa kommt die Solidarität vor allem anderen. Und das stimmt nicht mehr.» Hoffnungen setzt er in den neuen Uefa-Präsidenten Aleksander Ceferin: «Er hat die Wichtigkeit der Ausgeglichenheit des Wettbewerbs betont.»

Wissenschafter Chadwick sieht jedoch mächtigere Gegenspieler am Werk – auch bei Clubs wie Real Madrid, die nicht direkt von Investoren kontrolliert werden, sondern zumindest formal von den Fans. «Real Madrid hat einen dünnen Anstrich von Demokratie – ansonsten ist der Club eine kommerzielle und politische Maschine, die Umsätze bringen und Spanien repräsentieren soll.» Man zeigt sich beweglich: Bei Deals mit Geldgebern aus dem Nahen Osten lässt der königliche Verein in seinem Logo schon mal das christliche Kreuz auf der Krone verschwinden.

Liverpool FC

Gewinn (Saison 2016/17): 44,2 Mio. Euro

Marktwert (Kader Saison 2017/18): 549 Mio. Euro

TV-Einnahmen (Geschäftsjahr 2016): 183 Mio. Euro

Real Madrid

Gewinn (Saison 2016/17): 21,4 Mio. Euro

Marktwert (Kader Saison 2017/18): 963 Mio. Euro

TV-Einnahmen (Geschäftsjahr 2016): 237 Mio. Euro