Nach dem furiosen Börsengang im November ist beim Kurznachrichtendienst Twitter Ernüchterung eingekehrt. Zwar steigt die Zahl der registrierten Konten an – und könnte in diesen Wochen auf rund eine Milliarde steigen (siehe Grafik unten). Doch das Gros der registrierten Nutzer zwitschert selbst kaum: Laut Twopcharts, einem Webdienst, der die Aktivität bei Twitter misst, gab es Ende März lediglich rund 126 Millionen Konten, von denen in diesem Monat mindestens ein Tweet abgesetzt wurde.

Von fast der Hälfte der Konten (44 Prozent) wurde demnach sogar noch nie eine Nachricht geschrieben. «Die Beteiligung bleibt eine Herausforderung», urteilen daher die Fachleute der Investmentbank Wells Fargo in einer nun veröffentlichten Analyse. Sie rechnen für Twitter am Aktienmarkt deshalb mit einer unterdurchschnittlichen Entwicklung (Rating: «underperform»). Im Gegensatz zur gesamten Internetbranche: Hier lautet die Empfehlung eindeutig «übergewichten».

«Beteiligung bleibt eine Herausforderung»

Eine grosse Befürchtung von Wells Fargo bestätigt die Kritik vieler Twitter-Skeptiker: Der amerikanische Kurznachrichtendienst könnte für gelegentliche Nutzer zu schwierig in der Handhabung sein.

Deshalb ist unklar, ob das Medium auf lange Sicht wirklich massentauglich ist. Um Twitter attraktiver zu gestalten, baute der Dienst kürzlich sein Profil-Design um. Nutzer können nun unter anderem sehen, welche ihrer Tweets die meiste Aktivität nach sich ziehen. Zudem finden Fotos mehr Beachtung.

Anzeige

Twitter-Aktie seit Wochen im Sinkflug

Das reichte jedoch nicht aus, die Talfahrt der Aktie nachhaltig zu stoppen. Anfang Februar stürzte der Kurs ab, verlor stetig und liegt inzwischen bei nur noch rund 44 Dollar. Dabei feierte Twitter Anfang November noch ein spektakuläres Börsendebüt: Wurden die Papiere zum Start für 26 Dollar ausgegeben, kletterte der Preis in den darauffolgenden Wochen auf über 70 Dollar.

Was war geschehen? Mit Veröffentlichung der Zahlen fürs vierte Quartal Anfang Februar hatte der Dienst mit den 140-Zeichen-Meldungen Börsianer mit einem nur mässigen Kundenwachstum erschreckt. Laut Rechnungsmethode von Twitter lag die Zahl der aktiven Nutzer Ende 2012 bei durchschnittlich 241 Millionen. Der Nachrichtendienst zählt im Gegensatz zu Twopcharts jene Nutzer, die sich mindestens einmal pro Monat einloggen. Sie brauchen also keine eigene Nachricht geschrieben haben, um als aktiv registriert zu werden. Laut Twitter sei diese Zahl aussagekräftig genug.

Als passiver Nutzer zieht man von Twitter freilich viele Vorteile – zu lesen gibt es genug. Aktive Nutzer, die selbst Nachrichten schreiben, retweeten und favorisieren, sind für werbende Firmen laut Wells Fargo jedoch interessanter. Entsprechend kann der Nachrichtendienst also in Zukunft vor allem mit diesen aktiven Konten Geld verdienen. «Tweaters sind wertvoller als Leser», heisst es bei Wells Fargo.

Als problematisch könnte sich nun erweisen, dass der Anteil der nach Twitter-Definition aktiven Nutzer seit Ende 2011 stetig gesunken ist. Laut Wells Fargo war das auch Anfang 2014 der Fall. Die amerikanische Bank rechnet damit, dass die entsprechende Quote inzwischen nur noch bei rund 26,1 Prozent liegt – nach 26,4 Prozent Ende 2013. Insgesamt dürfte die Zahl der aktiven Nutzer laut Wells Fargo auf zuletzt 254 Millionen gestiegen sein.

Anzeige

Twitter-Müdigkeit womöglich grösser als angenommen

Hinzu kommt: Laut Twopcharts twittern besonders jene Nutzer sehr viel, die erst kürzlich ein Konto erstellten. Demnach schrieben 43,7 Millionen Mitglieder, die ihren Zugang im Jahr 2013 einrichteten, im vergangenen Dezember mindestens eine Nachricht. Im März 2014 waren es von den Neuzugängen des vergangenen Jahres hingegen nur noch 31,3 Millionen. Dies könnte ein zusätzliches Indiz für eine wachsende Twitter-Müdigkeit sein nach dem Börsenboom im vergangenen Jahr.

Über ein Drittel aller Konten wurde seit 2006 gelöscht

Nach Auffassung von Kritikern bleibt auch die Zahl der Spam-Konten für Twitter eine grosse Herausforderung. So schätzt Twopcharts, dass rund 35 Prozent aller seit Gründung 2006 eingerichteten Konten, inzwischen wieder gelöscht oder auf Eis gelegt wurden.

Anzeige

Die Fachleute von Wells Fargo skizzieren in ihrer Analyse beispielhaft einen amerikanischen Firmengründer, der 500 Twitter-Konten erstellte, um so eine höhere Reichweite seiner Marketingaktivitäten zu erzielen.

Twitter selbst äussert sich nicht zu Nutzerzahlen, die von Drittparteien veröffentlicht wurden. Wells Fargo hält die Zahlen von Twopcharts für belastbar.