Die hohe Uhrmacherkunst begann nicht etwa – wie immer wieder angenommen wird – in der Schweiz, sondern im frühen 16. Jahrhundert in Frankreich und den freien Reichsstädten Deutschlands, wenig später, aber umso intensiver, dann auch in England. Von diesen Pionieren waren Schweizer Uhrmacher schon in frühen Zeiten begeistert. Und mit der Rückkehr der Mechanik in den späteren 90er Jahren wiederholt sich diese Begeisterung jetzt in der Gegenwart.

Zuerst mit The British Masters

So bauten etwa Uhrendesigner Pierre-André Finazzi und Metallingenieur Eric Loth mit Ernst Thomke als stillem Aktionär 1995 die Firma Les Monts (heute The British Masters) auf, um ehemals berühmte britische Uhrenmarken wie Graham sowie Arnold & Son neu zu interpretieren und marktfrisch zu lancieren.

Für diese beiden Uhrenmarken entwickelte Finazzi ganz spezielle Chronographen und Uhren mit weiteren Komplikationen und gab so den alten Markennamen ein neues Gesicht. Für das heute erfolgreichste Modell der Marke Graham, den Chronofighter, entwickelte Finazzi die links angebrachte Steuerung mittels grossem Hebel und übergrosser Krone, welche international patentiert ist.

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... später dann mit Ellicott

Als sich die beiden Geschäftspartner nach sechs Jahren trennten, war für Finazzi klar, dass er nochmals einen Neustart wagen und ebenfalls mit einem englischen Pionier zu den uhrmacherischen Anfängen zurückkehren wollte. Nicht etwa bezüglich Design und Machart, aber mit vollem Respekt für die damalige britische Pionierzeit von Gross- und Taschenuhren, als die meisten Erfindungen in der Uhrenbranche gemacht worden sind.

Vom Designer zur eigenen Marke

Fündig wurde Pierre-André Finazzi bei John Ellicott, der seine Uhrmacherausbildung bei John Waters 1687 abschloss und die erste Taschenuhr mit zentralem Sekundenzeiger fertigte. Zu grossen Ehren kam jedoch sein Sohn gleichen Namens (1706–72): John Ellicott jun. wurde 1738 Mitglied der Royal Society und persönlicher Uhrmacher von König George III.

Eine seiner Taschenuhren überlebt im Museum Patek Philippe in Genf. Deshalb sollte sich die neue Aktiengesellschaft, die er mit seiner Frau Marie-Anne und uhrenleidenschaftlichen Partnern 2002 in La Chaux-de-Fonds gründete, Ellicott SA nennen; seine neue Marke Ellicott verband er mit der ruhmreichen Jahreszahl 1738.

Der damals 48-jährige Finazzi war in der Uhrenbranche längst kein unbeschriebenes Blatt mehr. Nach seiner fundierten Ausbildung in Design, Gemmologie und Edelsteinfassung an der Schule für angewandte Kunst in La Chaux-de-Fonds absolvierte er ein Nachstudium in Projektmanagement auf der Ingenieur-Schule in St-Imier, bevor er seine Karriere 1977 bei Ebel als Designer startete. 1980 wagte Finazzi seinen ersten Sprung in die Selbstständigkeit und gründete das Studio Finazzi Design in La Chaux-de-Fonds. In der Folge war er als Konzepter-Designer, Produktentwickler und Diamantenfasser für namhafte Uhrenhersteller tätig, u.a. für Corum, Eterna, Patek-Philippe, Piaget, Waltham und einzelne Marken der Gruppen Richmont (Montblanc) oder Swatch (Jaquet-Droz).

Für den Sitz seines neuen Uhrenunternehmens fand er an der Rue Numa-Droz in La Chaux-de-Fonds ein zur Marke passendes historisches Haus in Miete mit prachtvollem Treppenaufgang zu schmiedeeisernen Schaltern eines ehemaligen «Comptoir d’Horlogerie». In ruhig-gediegener Atmosphäre entwickelte Finazzi dort mit zwei Angestellten und Teilzeithilfe von seiner Frau die ersten drei Uhrenmodelle Ellicott 1738 und präsentierte sie auf der «BaselWorld» 2008.

Mit königlichem Touch

Dass «Innovation Through Time» als Markenslogan nach speziellen Uhren verlangt, ist vom vielseitig erfahrenen Designer nicht anders zu erwarten. Als Hommage an das 18. Jahrhundert, an dessen Ende der Schweizer Abraham-Louis Breguet das Tourbillon erfand – eine grosse Komplikation der Uhrmacherei und deshalb heute wieder von der Haute Horlogerie gefertigt –, entwickelte auch Finazzi seine Tourbillonuhr Springfield ECW 1.

Der Tourbillon-Mechanismus kann sowohl durch die Öffnung im Zifferblatt als auch seitlich durch die Saphirfenster im Gehäuse bewundert werden und dient mit dem roten Zeiger gleichzeitig als Kleine Sekunde. Dank der skelettierten Zifferblattgestaltung mit acht Öffnungen können weitere Teile des Automatikwerks ECW 1 beobachtet werden, das eine Gangreserve von 85 Stunden garantiert.

Für die besonderen Zeiger liess sich der Designer von jenen einer Ellicott-Taschenuhr inspirieren und adaptierte sie in die heutige Moderne. Das in Roségold oder Titan gefertigte Tourbillon ist auf Wunsch auch in Platin oder mit Diamantenfassung erhältlich.

Ganz anders, aber nicht minder interessant präsentiert sich der sportliche Automatik-Flyback-Chronograph Mach One Airforce. Sein Automatikkaliber EMO 1 umfasst neben den üblichen Chronographenfunktionen eine Flybackfunktion von einer Fünftelsekunde aus der Mitte heraus, die über die links angebrachten Drücker bedient werden. Mit der zusätzlichen Krone kann die verstrichene Zeit via Drehlünette reguliert werden. Inspiriert vom Flugzeugbau, ist das Gehäuse ebenfalls aus leichten Materialien wie Titan, Tantal oder Stealth Karbon hergestellt.

Für die Damenwelt legt sich der Designer und Sertisseur besonders ins Zeug, wie sein erstes Modell Lady-Tuxedo-Automatikchronograph aus Weiss- oder Roségold sowie aus Titan mit vollem oder teilweisem Diamantenbesatz beweist. Das konkav gewölbte Tonneau-Gehäuse schmiegt sich jedem zarten Handgelenk elegant an. Passend dazu sind die tropfenartigen Drücker zum Auslösen der Chronographenfunktionen und die Krone mit grossem schwarzem Cabochon.