US-Präsident Donald Trump hat sich den nächsten Gegner vorgenommen. Dieses Mal legt sich der amerikanische Präsident mit einem der mächtigsten Konzerne der Welt an: Amazon. Der Internethändler würde der steuerzahlenden Einzelhandelsbranche grossen Schaden zufügen, liess Trump via Twitter wissen. «Gemeinden, Städte und Bundesstaaten überall in Amerika werden hart getroffen, viele Jobs gehen verloren», schrieb er über den Kurznachrichtendienst.

Amazon ist für Trump ein Politikum, nicht nur weil Amazon-Lenker Jeff Bezos die einflussreiche «Washington Post» besitzt, die mit der «New York Times» um die kritischste White-House-Berichterstattung konkurriert. Bezos wird auch für den Niedergang des Einzelhandelssektors und den Verlust von Tausenden Jobs verantwortlich gemacht, der die Arbeitsmarktstatistik des Präsidenten schmälert. Gerade hat Bezos zu einem weiteren Schlag ausgeholt.

Bezos füllt die Kasse

Er hat mal so nebenher Anleihen im Volumen von 16 Milliarden Dollar verkauft. Mit dem Geld will er nicht nur die Übernahme der Lebensmittelkette Whole Foods finanzieren, sondern sich auch noch eine Kriegskasse für die weitere Expansion schaffen.  Amazon-Gründer Jeff Bezos hat einen Traum: Er will Touristen ins All bringen. Dazu will er jedes Jahr Anteile an Amazon in einem bestimmten Wert verkaufen. Man stehe vor einem goldenen Zeitalter.

Sein Ziel ist kein geringeres, als einen globalen Handels- und Mediengiganten zu schaffen, der von Lebensmitteln über Bücher und Kleidung bis zu digitalem Entertainment den Kunden am heimischen Computer alles aus einer Hand anbietet. Mithilfe des potenten Anleihenmarktes könnte Amazon seinem Ziel noch näher kommen.

Ein Heer von Investoren

Die aktuelle Anleiheplatzierung hat offenbart, dass Bezos auf eine Armee von Investoren setzen kann, die alle für den Internethändler mit in den Kampf ziehen. Amazon verkaufte sieben Tranchen mit Laufzeiten zwischen drei und 40 Jahren zu Traumkonditionen. Für die zehnjährigen Schuldtitel musste Amazon gerade mal einen Aufschlag von 0,9 Prozentpunkten gegenüber den sicheren amerikanischen Staatsanleihen zahlen. Das lag deutlich unter den Erwartungen des Marktes. Und selbst bei den 30-jährigen Papieren wurde lediglich eine Risikoprämie von 1,24 Prozentpunkten fällig.

Das dokumentiert, dass Investoren fest darauf setzen, dass Bezos’ Vision des globalen Handelsmonopolisten aufgehen wird. Bei den Ratingagenturen geniesst Amazon wegen seiner niedrigen Profitabilität dagegen kein so hohes Ansehen. Moody’s bewertet den Einzelhändler mit Baa1, das liegt gerade mal drei Stufen über Schrottniveau, dem sogenannten Junk. Unternehmen mit einer solchen Bonitätsbewertung müssten eigentlich viel höhere Risikoaufschläge zahlen.

Amazon geniesst einen Sonderstatus

Doch Amazon spielt in einer anderen Klasse. Bezos hat das Unternehmen zum grössten Spieler im Handel gemacht. Amazon bringt 472 Milliarden Dollar auf die Börsenwaage. Das ist fast doppelt so viel wie der einstige Platzhirsch Wal-Mart. Andere Einzelhändler wie Home Depot oder das französische Carrefour, die einstmals viel grösser waren, haben nur noch einen Bruchteil der Amazon-Bewertung.

Schon jetzt hat es der charismatische Bezos geschafft, das Einkaufsverhalten der Konsumenten grundlegend zu verändern und damit die gesamte Branche aufzumischen. Die schnelle und kostenfreie Lieferung hat die Messlatte für die Konkurrenz gelegt. Und weitere Initiativen dürften folgen. Mit Amazon Wardrobe experimentiert das Unternehmen mit einem Kleidungsverkauf, bei dem Konsumenten erst im Nachhinein zahlen müssen.

Der Konzern setzt Massstäbe

Mit Amazon Go soll der Lebensmitteleinkauf ohne Kassiererin möglich werden. «Amazon hat sich in unseren Köpfen festgesetzt und könnte noch stärker unsere Einkaufserwartungen verändern», sagt Paul Lejuez, Analyst bei der Citi in New York. Wer mit Amazon konkurrieren wolle, müsse ähnliche Services bieten. «Das könnte zu einem Problem für weite Teile der Branche werden», meint Lejuez.

Fast scheint es, als reife ein Monopolist heran, der den gesamten Einzelhandel dominieren könnte. Konkurrenten sprechen von einem «schwarzen Stern». Frank Blake, Ex-Chef der Baumarkt- und Einrichtungskette Home Depot, sagte jüngst auf einer Veranstaltung in Atlanta. «Ich mag Amazon nicht», er kritisierte dabei unter anderem auch den digitalen Assistenten Alexa, den Amazon derzeit in die Wohnzimmer der Menschen verkauft. Alexa erzählt auf Wunsch Witze, es werden Fragen beantwortet und Pizza oder andere Produkte bestellt. Doch Alexa würde bei bestimmten Bestellungen Amazon bevorzugen, kritisierte Blake. Das digitale Megaunternehmen erstellt und archiviert zudem Transscripts aus den Unterhaltungen mit Alexa und kann so die Kundenwünsche der Konsumenten noch besser verstehen.

Expansion nach gleichem Muster

Die Expansion erfolgt immer nach dem gleichen Muster. Neukunden werden im Zweifel zulasten der Gewinnmarge gewonnen. Leisten kann sich das nur derjenige, der genug Geld auftreiben kann, um auch Verluste schultern zu können. Und hier kommt der Bondmarkt ins Spiel. Nur wenige multinationale Unternehmen können derzeit milliardenschwere Emissionen stemmen wie Amazon.

Dieser Text erschien zuerst bei unserem Schwesterblatt «Die Welt» unter dem Namen «Eine Armee von Investoren macht Amazon unbesiegbar».