Die Richtlinien der Schweizer Börse sind eigentlich glasklar. Wenn eine börsenkotierte Firma einen Gewinneinbruch erwartet, muss sie darüber informieren. Bei der Credit Suisse jedoch blieb eine solche Gewinnwarnung trotz absehbar tiefroten Zahlen aus, was die Bank mit früheren Mitteilungen begründet.

Die Credit Suisse liess die Bombe mit der offiziellen Bekanntgabe des Jahresresultats platzen. Wegen einer Wertberichtigung schliesse die Bank das Geschäftsjahr 2015 mit einem Minus von 2,9 Milliarden Franken ab, teilte sie am 4. Februar mit. Das traf zwar die Aktionäre nicht ganz unvorbereitet. Schon in den Tagen davor hatten bereits Analysten und Medien auf mögliche rote Zahlen hingewiesen. Von der Grossbank selbst jedoch wurden sie erst an diesem Donnerstag informiert.

Kursrelevantes muss kommuniziert werden

Der normale Aktionär durfte sich demnach an diesem Donnerstag je nach Temperament ärgern oder wundern. Steht doch im Artikel 53 des Kotierungsreglement der Börsenbetreiberin SIX zur Ad hoc-Publizität klipp und klar, dass jedes an der SIX kotierte Unternehmen den Markt über kursrelevante Tatsachen informieren muss, sobald es von der Tatsache in ihren wesentlichen Punkten Kenntnis hat.

Dass ein Gewinneinbruch in Umfang der Credit Suisse kursrelevant ist, versteht sich von selbst. Die SIX führt diesen Fall aber auch detailliert in ihrem 56 Seite umfassenden Kommentar zur Ad-hoc Publizität aus. Beim Zeitpunkt ist zu vermuten, dass die Grossbank bereits am 21. Oktober über «die Tatsache in ihren wesentlichen Punkten Kenntnis» hatte.

Hinweis in der Präsentationsunterlage

Mit der Bekanntgabe der umfassenden Umbaupläne sagte CS-Finanzchef David Mathers nämlich an diesem Tag an einer Investorentagung in London, dass die Bank infolge der Restrukturierung wahrscheinlich eine «substanzielle» Wertberichtigung auf einer Bilanzposition von 6,3 Milliarden Franken vornehmen werde. Dieser Hinweis findet sich auch zweimal in den Präsentationsunterlagen dieser Veranstaltung und einmal im Bericht zum dritten Quartal, wobei jedoch in den schriftlichen Formen die Qualifizierung als «substanziell» fehlt. In den Präsentation und im Quartalsbericht wird jedoch darauf hingewiesen, dass diese Wertberichtigung Auswirkungen auf den Gewinn haben wird.

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Auf Anfrage begründet die Credit Suisse denn auch damit den Verzicht auf eine eigentliche Gewinnwarnung. CS-Sprecher Christoph Meier will sich dazu nur wie folgt zitieren lassen: «Die Credit Suisse hält sich an die Regeln und Vorschriften.»

«Durchschnittlicher Marktteilnehmer»

Dies abzuklären ist Sache der Börsenbetreiberin SIX. Die SIX hat bis jetzt in diesem Fall keine Einleitung einer Untersuchung publik gemacht. Offen bleibt, ob die Credit Suisse im Sinn und Geist dieser Regeln gehandelt hat. Denn die Grossbank hat es sowohl formal wie inhaltlich ihren Teilhabern schwer gemacht, ihre Botschaft und deren mögliche Auswirkungen zu verstehen.

In den Richtlinien zur Ad-hoc Publizität steht zu den inhaltlichen Erfordernissen, dass eine Mitteilung so verfasst werden muss, «dass deren Inhalt von einem durchschnittlichen Markteilnehmer bezüglich Kursrelevanz eingeschätzt werden kann.» Die konkrete Frage in diesem Fall ist, ob ein CS-Aktionär von der angekündigten Wertberichtigung tatsächlich auf einen Unternehmensverlust in dieser Höhe schliessen kann und muss. Dabei fällt vor allem ins Gewicht, dass wer die Investorentagung in London nicht mitverfolgt hatte, nicht einmal wusste, dass die Wertberichtigung substanziell sein wird.

Suche nach der Nadel im Heuhaufen

Ganz sicher hat die Credit Suisse aber diese Hinweise auf die Wertberichtigung formal nicht wie vorgeschrieben an «prominenter Stelle» publiziert. Prominent und üblich wäre gewesen, wenn die Grossbank diese Hinweise in den Medienmitteilungen platziert hätte. In diesen zum Umbau der Bank und zum Quartalsergebnis findet sich dazu jedoch kein Wort.

Wer davon erfahren wollte, musste die 56-seitige Präsentationsunterlage oder den 178 Seiten umfassenden Quartalsbericht durchblättern, wo der Aktionär auf den Seiten 19 und 43 respektive auf Seite 14 die Hinweise fand. Für den Aktionär war es eine Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Denn die Credit Suisse hatte an diesem Tag ohne Tabellen 15 Dokumente mit insgesamt 538 Seiten publiziert.

Die Börsenbetreiberin SIX wollte auf Anfrage den Fall Credit Suisse nicht kommentieren. SIX-Sprecher Stephan Meier sagte nur, dass die Börsenaufsicht SIX Exchange Regulation sich die Kommunikation der börsenkotierten Unternehmen sehr genau anschaue. «Sollte die SIX eine Untersuchung eröffnen, würden wir das kommunizieren.»

(sda/cfr(ise)