Politische Beobachter sind sich einig: In Washington ist der «Wind of change» schon zu spüren. Seit klar ist, dass Barack Obama US-Präsident wird, erwartet quasi die ganze Welt einen neuen Stil im Weissen Haus – und eine neue Politik. Das gilt auch und insbesondere für die Energiepolitik. Anders als George W. Bush, der zwar Sonnenenergie auf seiner Ranch nutzt, ansonsten aber eher seine Freunde aus der Ölbranche protegierte, will Obama die Abhängigkeit vom Öl verringern und alternative Energien fördern. Das weckt in der Branche enorme Hoffnungen.

Um CO2-Emissionen einzudämmen, hat Obama ein Gesetz zum Umgang mit erneuerbaren Energien angekündigt. Er will fünf Mio neue Arbeitsplätze schaffen, «indem wir in erneuerbare Energiequellen investieren». Unterm Strich sollen in den kommenden zehn Jahren rund 150 Mrd Dollar in die Förderung alternativer Energien und die effizientere Nutzung von Energie investiert werden. Der Anteil der grünen Energie an der US-Energieversorgung soll so bis 2025 von 8 auf 25% steigen.

Höhere Steuern für Ölindustrie

Der New Yorker Wirtschaftsprofessor Nouriel Roubini erwartet, dass der neue US-Präsident die Ölindustrie höher besteuern wird, um sein ehrgeiziges Programm finanzieren zu können. «Mit Obama könnte sich ein ganz neuer Trend für die Anbieter alternativer Energien in den Vereinigten Staaten ergeben und sich ein riesiger Markt öffnen», hofft Thilo Müller, Geschäftsführer der Fondsgesellschaft MB Fund Advisory.

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Die Windbranche erlebt bereits einen Wachstumsschub. In den Prärien weht beständig eine Brise. Im US-Energiemix steht der Windstrom in wirtschaftlicher Hinsicht deshalb gut da. Die Erzeugungskosten sind an günstigen Standorten etwa so hoch wie die des teuersten Stroms aus Kernkraftwerken.

Allerdings hat der Kongress das entsprechende Förderprogramm wieder nur für ein Jahr verlängert. Für Anleger, die in den Bau von Windkraftanlagen investieren wollen, ist das ein Lotteriespiel. Denn sobald Kongress und Senat das Programm nicht mehr verlängern, würde der Absatz von Windanlagen einbrechen. Jedoch stehen die Chancen gut, dass Obama 2009 die Förderung mindestens zu gleichen Konditionen verlängert.

Bis Ende 2008 rechnet der US-Windverband AWEA mit 7500 Megawatt (MW) neuen Kapazitäten. Gegenüber dem Rekordjahr 2007 wäre das ein Plus von 43%, die Gesamtleistung würde sich auf über 24 000 MW erhöhen. Zwar rechnet AWEA für 2009 mit einer Verlangsamung des Ausbaus.

Neue Ära in der Sonnenbranche

Auch in die Sonnenbranche werden grosse Erwartungen gesetzt. Nach Ansicht des Marktforschungs- und Beratungsunternehmens Gartner könnte die Wahl Obamas eine neue Ära der Solarenergieentwicklung in den USA einläuten. «Die Nachfrage nach Solarenergie bleibt abhängig von staatlichen Fördermitteln, weil sie teurer ist als herkömmliche Formen der elektrischen Energiegewinnung», sagt James Hines, Research Director und Lead Analyst für Solartechnologien bei Gartner. «Trotzdem wird die neue US-Regierung versuchen, Investitionen in Solarprojekte zu fördern, wenn sie durch die Mehrheit in beiden Kammern ihre Pläne umsetzen kann.» Ein grösserer Schwerpunkt auf erneuerbaren Energien und eine Erhöhung des Investitionsfreibetrags für Solarprojekte von 30%, die vergangenen Monat verabschiedet wurde, könnten das enorme Potenzial der USA in Sachen Solarenergie schliesslich zur Geltung bringen. Das, so Gartner, könnte schliesslich dazu führen, dass die USA in ein paar Jahren Deutschland den Rang als grösster Fotovoltaikmarkt abspenstig machen.

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Ingenieure der Columbia-Universität in New York versuchen, Obama von ihrem Masterplan Solarenergie zu überzeugen. «Bis 2050 lassen sich damit gut 70% des amerikanischen Strombedarfs decken», ist Colum-bia-Professor Vasilis Fthenakis überzeugt. Möglich machen sollen das Solarkraftwerke mit Parabolrinnentechnik, bei der ein gekrümmter Spiegel die Sonnenwärme auf eine Flüssigkeit in einem Rohr leitet. Über einen Wärmetauscher wird Wasserdampf erzeugt, der eine Turbine mit Stromgenerator antreibt.

Um den Strom von derart riesigen Anlagen in die Ballungsgebiete zu transportieren, müssten jedoch die Stromnetze umgebaut und Energiespeicher ausgebaut werden. Eine teure Angelegenheit: Rund 400 Mrd Dollar müsste der Staat in den nächsten 40 Jahren dafür investieren. Dadurch liessen sich aber 300 Kohle- und 300 Gaskraftwerke einsparen, so die Ingenieure.

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Schon vor der Wahl hat Amerika durch eine achtjährige Verlängerung der Steuervergünstigungen für erneuerbare Energien das Fundament für den Ausbau der Sonnenenergie gelegt. Demnach können 30% der Investitionssumme für eine Solaranlage mit der Einkommensteuer verrechnet werden.

Der US-Solarverband SEIA rechnet mit einer Verdoppelung der installierten Solarleistung für 2009. Im Sonnenstaat Kalifornien erwarten die Marktforscher schon für 2011 «Grid Parity». Das heisst: Ab diesem Zeitpunkt soll die Herstellung von Sonnenstrom nicht mehr teurer sein als die Produktion herkömmlicher Energie. Spä-testens dann dürften auch die Stromversorger in grossflächige Solarparks investieren. Die etwas teureren Kleinanlagen könnten der Studie zufolge 2014 «Grid Parity» erreichen.

Auch für Schweizer Firmen

Von Obamas New-Energy-Plänen dürften in der Sonnenbranche unter anderem die US-Firmen First Solar und SunPower profitieren. Im Windsektor ist General Electric gut aufgestellt.

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Auch für exportorientierte Firmen aus anderen Ländern ergeben sich gute Perspektiven. Das gilt auch für die schweizerischen. Im Solarbereich dürften OC Oerlikon und Meyer Burger profitieren, im Windbereich ABB und Gurit.

Bei den grossen deutschen Firmen können sich die führenden Unternehmen wie Solarworld, Q-Cells oder Nordex einige Hoffnungen machen.

Dennoch sollten Anleger zunächst vorsichtig sein: Noch ist nichts unterschrieben, und die Wirtschaftskrise wirkt sich auch in den grünen Branchen aus. Schliesslich ist noch offen, ob die bekannten wirtschaftlichen und haushaltspolitischen Probleme der USA hohe Förderungen für Wind und Sonne überhaupt ermöglichen.