Bei Valora herrscht das grosse Zügelfieber. Warum die Unruhe?

Thomas Vollmoeller: Ich wollte die Führung an einem Standort konzentrieren, darum sind die Mitarbeiter von Zürich und Bern nach Muttenz umgezogen. Und die Logistik zieht nun von Muttenz nach Egerkingen.

Bleibt Muttenz die Konzernzentrale?

Vollmoeller: Das ist noch unklar, aber jedenfalls bleiben wir in der Region Basel.

Ist Ihre Familie nun auch in die Schweiz umgezogen?

Vollmoeller: Nein, meine Frau und meine Töchter wohnen noch in Hamburg. Im ersten Jahr wollte ich mal schauen, wie es mir gefällt und wie es läuft.

Also werden Sie die Schweiz schon bald wieder verlassen?

Vollmoeller: Nein, überhaupt nicht. Ich fühl mich sehr wohl. Ich bin angetreten, um die Valora zu drehen. Das geht nicht in kurzer Zeit. Ich bleibe in diesem Land.

Sie haben vor kurzem selber in einem Kiosk gearbeitet. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Vollmoeller: Am 23. Dezember habe ich in Bülach am Kiosk gearbeitet. Ich konnte einmal den Tagesablauf einer Filialdame erleben. Ich wurde überall eingesetzt, so musste ich auch in den dunklen, kalten Keller mit 5 Grad Wärme hinuntersteigen und dort die Lottoscheine und Rubbellose auszählen.

Was haben Sie dabei herausgefunden?

Vollmoeller: Der administrative Auf- wand einer Filialleiterin ist ungeheuer gross.

Das hat auch damit zu tun, dass Valora immer noch kein geschlossenes Warenwirtschaftssystem besitzt.

Vollmoeller: Wir wissen nicht, wie gross das Lager zu jedem Zeitpunkt, an jedem einzelnen Kiosk ist. Aber bis Mitte Februar werden wir das geändert haben.

Welche Produkte laufen am Kiosk gut?

Vollmoeller: Die Hälfte des Umsatzes machen Zigaretten aus. Besonders Frauen kaufen Zigaretten. Von zehn Zigarettenkäufern sind acht Frauen.

Dabei heisst es doch immer, Tabak sei am Kiosk rückläufig.

Vollmoeller: Wir steigern zurzeit den Zigarettenverkauf, weil die Leute mehr Einzelpackungen beim Kiosk kaufen statt Stangen im Laden.

Und wie läuft das Pressegeschäft?

Vollmoeller: Zeitungen haben ein Problem, aber Zeitschriften mit Glamour und Frauenzeitschriften sind stark gefragt.

Welche Produkte werden weniger verlangt?

Vollmoeller: Wir tun uns schwer mit NonFood-Artikeln wie Plüschtieren, Taschen und Portemonnaies. Solche Artikel wurden in den letzten Jahren im Sortiment stark ausgebaut, weil die Margen hoch sind. Aber wenn diese Artikel nicht verkauft werden, lohnen sich auch die höchsten Margen nicht.

Sie bauen den Kiosk also um?

Vollmoeller: Ja. Wir bauen den Kiosk radikal um. Denn wir führen zu grosse Kioske mit teilweise falschen Produkten. Wir wollen Kioske mit einer Fläche von 50 m2 und mit den drei Kernsortimenten Tabak, Zeitschriften und Lotto. Ich nenne das die drei kleinen Sünden: Der «Playboy», die Zigarette, das Lotto. Das ergänzen wir unter anderem mit Süsswaren, Getränken, Snacks und Riegeln. Ich war in Wengen Ski fahren und wollte meiner Familie einen Müesliriegel kaufen, doch dieses Produkt führte der Kiosk leider nicht.

Werden Sie Standorte schliessen?

Vollmoeller: Nein. Das aktuelle Niveau mit 1000 Kiosken bleibt erhalten. In der Regel werden pro Jahr 50 Kioske für Umbauten geschlossen und rund 10 neue eröffnet.

Und wo sehen Sie weitere Verbesserungsmöglichkeiten?

Vollmoeller: Das ganze Thema Dienstleistung wie Lotto wollen wir ausbauen. Unser Mitbewerber Naville testet zum Beispiel Geldtransaktionen ins Ausland. Der Ticketverkauf ist eine weitere Möglichkeit. Zurzeit befinden wir uns aber noch in den Vorbereitungen.

Food-Artikel wie Salate wollen Sie also nicht mehr an Kiosken anbieten?

Vollmoeller: Das Frischethema werden wir mit unseren Convenience-Läden Avec abdecken. Wir wollen künftig drei Formate führen: Kiosk, Avec sowie Presse und Buch.

Gilt das auch für die Schweiz?

Vollmoeller: Das deutsche Modell Presse und Buch wollen wir auch in der Schweiz einführen. Bevor wir dieses Konzept breit ausrollen, testen wir es aber.

Wie soll ein solcher Laden denn aussehen?

Vollmoeller: Auf 150 m2 sollen die Kunden Raum und Zeit haben, um in Büchern und Presseartikeln, vor allem in Zeitschriften, zu stöbern.

Wann soll das erste Geschäft in der Schweiz eröffnet werden?

Vollmoeller: Im März dieses Jahres.

Der Buch- und der Pressemarkt werden von Online-Angeboten immer stärker konkurrenziert. Weshalb setzen Sie trotzdem auf ein solches Format?

Vollmoeller: Mit solchen Läden haben wir in Deutschland grossen Erfolg. Wir sind überzeugt, dass auch in der Schweiz ein Markt dafür besteht, vor allem an Bahnhöfen und an Flughäfen. Wir glauben, damit gerade ein jüngeres Publikum zu erreichen.

Jüngere lesen doch eher weniger Bücher.

Vollmoeller: Wir werden uns auf Bestseller und insbesondere auf Taschenbücher, Comics und Manga konzentrieren.

Also verkleinern Sie die Kioske und benutzen die übrige Fläche für Avec und Ihr neues Buch- und Presseformat?

Vollmoeller: Wir wollen die grösseren Kioskflächen für unsere Buch- und Presseläden und für Avec brauchen. Das wird aber nicht überall gehen, weil man für Avec manchmal einen Parkplatz braucht oder wir keinen Buch- und Presseladen hinstellen wollen, weil daneben bereits ein Orell Füssli steht. Vielleicht werden wir Kioskflächen auch untervermieten.

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Wollen Sie mit dem Umfunktionieren Ihrer Kioske die Anzahl Avec-Läden auf 100 erhöhen?

Vollmoeller: Teilweise. 30 bis 40 Kioske bauen wir in Avec-Shops um und 20 bis 30 Kioske in Buch- und Presseläden.

Verhandeln Sie mit BP, Esso oder Tamoil bezüglich Convenience-Shops?

Vollmoeller: Wir führen viele Gespräche. Im Augenblick ist diesbezüglich nichts spruchreif. Wir wollen aber auch in Deutschland das Avec-Format einführen und werden das im ersten halben Jahr dort im Ruhrgebiet testen. Ich bin überzeugt, dass Convenience ein stark wachsender Markt ist - auch in Deutschland.

Wollen Sie mit Ihrer Kaffeekette Spettacolo auch nach Deutschland?

Vollmoeller: Nein. Kaffeebars rentieren in Deutschland nicht.

In der Schweiz legen Sie bei Spettacolo ein Scheckentempo vor.

Vollmoeller: Wir verdienen gutes Geld damit, aber gross ausbauen wollen wir dieses Geschäft nicht. Der grosse Wurf muss in der Profitabilisierung des Kiosks, dem Wachstum von Avec und der Internationalisierung des Retail liegen.

Mit ihren Kiosken besetzen Sie sehr gut frequentierte Standorte. Ich kann nicht verstehen, weshalb sie nur eine Ebit-Marge von 0,7% erreichen.

Vollmoeller: Einverstanden. Wenn man mit 8000000 kaufenden Kunden pro Tag kein Geld verdient, macht man etwas falsch, aber das ist kein Quick-Job. Sie müssen Ihre Kunden verstanden haben, das richtige Team haben, die richtigen Tests gemacht haben.

Ihre Vorgänger haben auch immer auf später vertröstet.

Vollmoeller: Wir haben in kurzer Zeit drei neue Formate entworfen, die wir mit den Kunden testen. Und wir haben die richtige Retail-Mannschaft angestellt, mit Jörg Brun, der von Migros kommt, Kaspar Niklaus von Coop und Hanspeter Büchler von Thalia. Das ist doch ein gutes Timing.

Das Timing mit der anlaufenden Rezession ist aber weniger glücklich.

Vollmoeller: Da bin ich zuversichtlicher. Auch in der Vergangenheit hat unser Geschäft von der Rezession wenig gespürt. Der kleine Luxus zwischendurch leistet sich der Kunde auch in schlechten Zeiten. Lotto wird weiter gespielt.

Wie entwickelt sich 2009?

Vollmoeller: Gut. Erste Massnahmen wie Micropricing sind in der Umsetzung: Wir haben die Preise am Flughafen erhöht, und das läuft bestens. Wir wollen nicht überall die gleichen Preise anbieten. Bis Ende dieses Jahres will ich die Logistik und die Informatik umgestellt haben, neue Formate und 100 Avec-Shops führen. Wir werden 2009 die Margen leicht verbessert haben, aber den grossen Sprung im Ergebnis werden wir erst 2010 machen; mit einer Ebit-Marge von rund 3%. Dann sind wir auf dem Weg zu der 4%-Ebit-Marge. Schaffen wir das nicht, habe ich versagt.

Sie haben letztes Jahr in Deutschland zugekauft. Wollen Sie weiter zukaufen?

Vollmoeller: Natürlich. Aber bevor wir wirklich grosse Akquisitionen tätigen, müssen wir das Retailgeschäft beherrschen.