Das schwierige wirtschaftliche Umfeld macht auch vor den Logistikdienstleistern nicht Halt. Wie hat sich die Militzer & Münch-Gruppe bisher im Jahr 2009 behauptet?

Ewald Kaiser: Auch wir konnten uns nicht von der allgemeinen Konjunkturentwicklung abkoppeln und mussten ebenfalls Umsatzrückgänge hinnehmen, die allerdings geografisch betrachtet unterschiedlich ausgefallen sind. Auf diese Entwicklung haben wir mit Kostensenkungen reagiert und die Kapazitäten an die geringeren Mengen angepasst. Damit konnten wir die Umsatzrückgänge weitestgehend kompensieren. Qualitätsrelevante Bereiche haben wir jedoch nicht angetastet, sondern im Gegenteil weiter ausgebaut wie beispielsweise unser Netz und die IT.

Der Gruppenumsatz im vergangenen Jahr betrug nach unseren Informationen netto rund 710 Mio Fr. Wie verteilt sich dieser auf die drei Schwerpunktaktivitäten Bahn- /Landverkehr, Luft- und Seefracht sowie Projektlogistik?

Kaiser: Im Bereich Strassengüter- und Bahnverkehr erwirtschaften wir 60% des Umsatzes. Ein Viertel entfällt auf den Bereich der weltweiten Luft- und Seefracht, und rund 15% trägt die Projektlogistik zum Umsatz bei. Der hohe Anteil der Strassengüter- und Bahnverkehre hängt auch mit unserem Tätigkeitsfeld zusammen. In Zentral- und Osteuropa sowie in Zentralasien ist der Landverkehr das dominierende Transportmittel.

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Im Bereich des Landverkehrs gibt es verschiedene Konkurrenten, welche diese Aktivität ausbauen wollen. Als Folge davon herrscht eine harte Konkurrenz unter den Anbietern. Welche Strategie verfolgt Militzer & Münch in diesem Geschäftsfeld?

Kaiser: Verschiedene Konkurrenten haben das Ziel, ein flächendeckendes Verkehrsnetz in Europa zu betreiben. Wir verfolgen ein anderes Ziel. Wir fokussieren uns als Ostspezialist eindeutig auf unsere Kernmärkte zwischen West- und Osteuropa sowie vom Maghreb bis in den Mittleren und Fernen Osten. Diese langen Achsen wollen wir in Zukunft weiter stärken. Dabei stehen nicht die «klassischen Rennstrecken» im Vordergrund, sondern vielmehr Routen, die aufgrund der noch jungen politischen und wirtschaftlichen Integration noch unternehmerische Entwicklungsmöglichkeiten bieten, wie zum Beispiel die Relationen Deutschland-Usbekistan oder Türkei-Marokko.

Wie beurteilen Sie aufgrund ihrer Erfahrung die Chancen einer stärkeren Verlagerung bestimmter Güter von der Strasse auf die Schiene beziehungsweise des Schienengüterverkehrs ganz allgemein?

Kaiser: Die Bahn hat durchaus Chancen, aber vorwiegend auf langen Achsen. Wir rechnen denn auch mittelfristig mit einer weiteren Verlagerung der Güter auf die Schiene, vor allem auf Strecken zwischen West und Ost und umgekehrt.

Wie sehen Sie die derzeitige Situation in der Luft- und Seefracht, die ja ebenfalls unter der Wirtschaftskrise leiden?

Kaiser: Luft- und Seefracht waren die klaren Gewinner der Globalisierung und des rapide gewachsenen Welthandels in den vergangenen Jahrzehnten. Im Zuge der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise hat sich auch der Warenaustausch jedoch deutlich verringert, was sich auf die beiden Bereiche auswirkte. Bei einer Erholung der Wirtschaft werden Luft- und Seefracht aber wieder die Ersten sein, die profitieren.

Im Bereich der Logistikdienstleistungen sind eine ganze Reihe familiengeführter Firmen tätig, ich denke an Namen wie Dachser, Fiege, Gondrand, M+R Spedag. Welche Rolle sehen Sie für Militzer & Münch in den kommenden Jahren?

Kaiser: Wir sind ein mittelständisches Unternehmen im Bereich der internationalen Logistik und Spedition und wollen unsere starke Position und unsere vorhandenen Kompetenzen in den genannten Kernmärkten und in unseren Kerngeschäftsfeldern M&M road, M&M rail, M&M sea sowie M&M projects weiter ausbauen.

Es gibt Logistikdienstleister, die investieren teils grosse Summen in teure Infrastrukturen wie etwa Logistikcenters und Fuhrparks, andere wiederum sind stolz, mit möglichst wenigen Assets auszukommen. Welche Strategie verfolgt Militzer & Münch?

Kaiser: Militzer & Münch verfolgt eine Asset-light-Strategie, das heisst, wo immer möglich arbeiten wir mit Subunternehmern zusammen oder mieten Umschlagsanlagen an. Ausnahmen sind Weissrussland, Russland und der Maghreb. Dort betreiben wir auch eigene Fuhrparks und Trailerpools, um unseren Kunden eine gleichbleibend hohe Dienstleistungsqualität zu gewährleisten.

Erfolgreiche Konzepte in der Kontraktlogistik setzen eine enge Verzahnung von Kontraktlogistiker und Kunde voraus, aber auch eine minimale Vertragslaufdauer, sonst können die dafür getätigten Investitionen zum Risiko werden. Wie beurteilen Sie diese Situation?

Kaiser: In der Kontraktlogistik stossen zwei gegensätzliche Interessen aufeinander. Der Kunde ist an grösstmöglicher Flexibilität und maximaler Absicherung interessiert, während der Logistikdienstleister die eigenen Investitionen, vor allem in Immobilien und Inventar, so weit wie möglich absichern will. Der Dienstleister ist bestrebt, sich Auslastungsgarantien zusichern zu lassen. Ziel beider Partner muss es deshalb sein, in diesem Spannungsfeld einen beiderseits tragbaren Kompromiss zu erzielen.

Konzentriert sich Militzer & Münch auf bestimmte Branchen im Bereich der logistischen Dienstleistungen?

Kaiser: Grundsätzlich sind wir in der Lage, die unterschiedlichsten Kundenwünsche zu erfüllen. Aufgrund der Märkte, in denen wir tätig sind, ergeben sich gewisse Schwerpunkte. Beispielsweise werden in Zentralasien derzeit zahlreiche Infrastrukturprojekte realisiert, das bedeutet, dass wir hier Dienstleistungen im Bereich der Projektlogistik erbringen müssen. Im Verkehr mit den Maghreb-Ländern dominiert der Lohnveredelungsverkehr vor allem im Textilbereich, was wiederum andere Dienstleistungen erfordert. Im Kaukasus schliesslich stehen Projekte in der Öl- und Gasindustrie und damit die Projektlogistik im Vordergrund.

Militzer & Münch ist in verschiedenen osteuropäischen Staaten und in Russland tätig, in Ländern mit teilweise völlig anderen politischen Verhältnissen, als wir es in Westeuropa gewohnt sind. Wie schwierig ist es, in diesen Regionen tätig zu sein?

Kaiser: Wir sind Geschäftsleute und keine Politiker, das bedeutet, dass wir in diesen Ländern unbedingt darauf achten müssen, unsere Unabhängigkeit zu bewahren.

Welchen Einfluss hat die sogenannte Globalisierung auf die Dienstleistungspalette international tätiger Speditions- und Logistikkonzerne?

Kaiser: Diese Frage muss für drei Gruppen von Logistikdienstleistern differenziert betrachtet werden: Die global tätigen Logistikkonzerne, die eine One-stop-shopping-Strategie betreiben, versuchen, im Zuge der Globalisierung ihr internationales Netz und ihre Produktpalette zu komplettieren. Die international tätigen und auf Kontraktlogistik spezialisierten Dienstleister sind bestrebt, ihre bestehenden Kunden in die neuen Märkte «mitzunehmen». Und für Mittelständler wie Militzer & Münch gilt es, ihr eigenes Profil zu schärfen und den Fokus ihrer Aktivitäten auf einzelne Märkte oder Produkte zu legen und sich dort als Spezialist zu profilieren.

In jüngster Zeit ist der Begriff «Green Logistics» stärker in den Vordergrund gerückt. Wie «grün» kann Logistik überhaupt sein?

Kaiser: Moderne, ausgefeilte Logistikkonzepte mit modernem Equipment, wie beispielweise Euro-5-Lastwagen, und mit einem hohen Auslastungsfaktor helfen mit, die internationalen Supply Chains zu optimieren. Dies führt zu geringeren Lagerbeständen und weniger Einzeltransporten. Je weniger Transporte, desto «grüner» wird die Logistik, denn der beste Transport ist derjenige, der gar nicht stattfindet.

Lange war die Rede davon, dass Weltkonzerne, welche ihre Distribution outsourcen, nur noch einen Ansprechpartner wünschen. Ein Trend, der sich bisher auf breiter Basis nicht durchsetzte. Was ist aus Ihrer Sicht der Grund dafür?

Kaiser: Im Logistikbereich verzeichneten wir in den vergangenen Jahren einen Konzentrationsprozess auf Dienstleisterebene. Insbesondere die grossen Logistikkonzerne sind durch Firmenübernahmen überproportional gewachsen. Der Markt ist aber immer noch so fragmentiert, dass es einen starken Gegenpol zu den grossen Logistikkonzernen gibt. Die Folge ist, dass viele Kunden - auch internationale Konzerne - für bestimmte Geschäftsfelder oder besonders anspruchsvolle Märkte auf die Kompetenzen starker Spezialisten setzen, die solche Märkte mit hoher Priorität und umfassendem Know-how bearbeiten.

Stichwort Outsourcing. Setzt sich dieser Trend auch in den kommenden Jahren fort? Sehen Sie hier noch Möglichkeiten, zugunsten des Kunden Kosten einzusparen?

Kaiser: Absolut, insbesondere bei der Erschliessung neuer Märkte in Osteuropa, Zentralasien und dem Maghreb ist Logistik-Outsourcing erst am Anfang und wird mit wachsendem Reifegrad zukünftig eine immer grössere Rolle spielen.

In welchen Regionen der Welt bestehen aus der Sicht von Militzer & Münch noch Expansionsmöglichkeiten im Bereich Supply Chain Management?

Kaiser: Wir sehen in allen Märkten, in denen wir vertreten sind, Expansionsmöglichkeiten. Die grössten Geschäftschancen sehen wir in den GUS-Staaten.

Wie wichtig sind für Militzer & Münch die neuen EU-Länder in Osteuropa?

Kaiser: Diese Länder sind für uns sehr wichtig, und zwar sowohl aufgrund der Verbindungen in die Länder Zentralasiens als auch in die EU-Länder Zentraleuropas. Wir sind in diesen Ländern bereits stark vertreten. Ein Beispiel ist Bulgarien, wo wir nach der Öffnung des Landes 1989 der erste Logistikdienstleister im Lande waren.