Wie stark hat Adecco die letzten Jahre von den bilateralen Verträgen profitiert?

Dieter Scheiff: Unsere Schweizer Organisation hat sicherlich profitiert. Aber es ist auch wichtig für das Wachstum der Schweiz, dass Fachkräfte aus dem Ausland ohne Hindernisse hier angestellt werden können. Fachkräfte aus dem Ausland haben entscheidend mitgeholfen, das starke Wirtschaftswachstum der letzten Jahre zu tragen. Die Personenfreizügigkeit ist nicht nur für die Schweiz, sondern für ganz Europa ein entscheidender Erfolgsfaktor für künftiges Wachstum.

Steht der Hauptsitz Adeccos in der Schweiz zur Debatte, wenn die Bilateralen scheitern – immerhin bilanziert Adecco bereits in Euro?

Scheiff: Nein. Wir haben Schweizer Wurzeln und fühlen uns hier sehr wohl.

Sie sehen sich aber trotzdem nicht dazu veranlassst, für die Fortsetzung der Bilateralen zu lobbyieren?

Scheiff: Wir teilen unsere Ansichten mit dem Wirtschaftsdachverband und anderen Organisationen in der Schweiz. Als Konzern sind wir selbst bei supranationalen Themen verstärkt in Europa tätig und punktuell in grossen Märkte wie den USA, China oder Indien. Die Lobbyingarbeit bei nationalen Themen überlassen wir den Ländergesellschaften.

Die Wirtschaft steht derzeit im Banne einer drohenden Rezession in den USA. Adecco hat in den USA seine Kostenstruktur bereits angepasst. Sind weitere Anpassungen nötig?

Scheiff: Die Abkühlung in den USA haben wir bereits Ende 2006 registriert und Kostenanpassungen kontinuierlich vorgenommen. Ob die derzeitige wirtschaftliche Schwäche der USA in einer Rezession mündet oder nicht, kann ich nicht voraussagen. In der Zeitarbeit muss man auf solche Situationen vorbereitet sein. Zurzeit sehe ich jedoch keine Anzeichen für eine globale Rezession.

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Sie wiederholen stets, keine klaren Anzeichen für eine deutliche Abschwächung oder gar globale Rezession zu sehen. Gibt es Geschäftsbereiche in den USA, die wachsen?

Scheiff: Zurzeit sehe ich tatsächlich keine Anzeichen einer globalen Rezession. Wie sich die Wirtschaft in den USA weiter entwickelt, wird sich in den nächsten Monaten zeigen. Die zentrale Frage ist, ob die USA in eine Rezession abdriftet oder nicht. Wir werden anlässlich unserer Jahresbilanzpressekonferenz vom 4. März 2008 eine Einschätzung zu den Umsatzaussichten in den USA abgeben. Gut hat sich in den USA das Ingenieurgeschäft und das Outplacement Business entwickelt. Letzteres läuft nicht nur gut, weil es sich antizyklisch verhält, sondern auch wegen Umstrukturierungen als Folge von Fusionen und Übernahmen.

In Frankreich kämpfen Sie an anderen Fronten. Welches ist Ihre Strategie, um wieder zum Marktwachstum aufzuschliessen? Wo liegt das Potenzial?

Scheiff: Das Potenzial liegt in der Spezialisierung unseres traditionellen Geschäfts mit der Vermittlung weniger qualifizierter Mitarbeitender. Weiter arbeiten wir an der Optimierung unserer Distribution, was uns erlauben wird, das Geschäft mit Grosskunden auszubauen und besser auf die Bedürfnisse der kleineren Kunden einzugehen. Natürlich bauen wir die Fachkräftevermittlung weiter aus.

Für den Konzern rechnen Sie mit einem durchschnittlichen Umsatzwachstum von 7 bis 9% in den Jahren 2005 bis 2009, welches Sie 2007 verfehlt haben. Hinzu fügen Sie immer, dass diese Prognose für normale ökonomische Bedingungen gilt. Was heisst das?

Scheiff: Wenn die Weltwirtschaft in eine globale Rezession fallen würde, können wir dieses durchschnittliche Wachstum bis 2009 kaum erreichen.

Wichtiger Teil der neuen Adecco-Strategie ist die Erhöhung des Umsatzanteils in der hochmargigen Spezialistenvermittlung von heute 18% auf 21%. In welchem Zeitrahmen?

Scheiff: Bis Ende 2009.

Gibt es weitere regionale Initiativen zu Fachkräftemangel und Weiterbildung wie jene in der Uhrenbranche Schweiz?

Scheiff: Ich bin der Meinung, dass wir uns für unsere externen Mitarbeiter als Arbeitgeber genauso verantwortlich zeigen müssen wie für unsere internen. Das bedeutet auch, dass wir ihnen nicht nur eine Beschäftigung nach der anderen anbieten und sie durch konsekutive Jobs binden, sondern dass wir sie auch gezielt weiterbilden. Damit steigern wir ihre Qualifikationen und damit auch ihre Beschäftigungsfähigkeit. Qualifizierte Mitarbeitende erhalten einen höheren Lohn, und wir können den Kunden für unsere Leistung mehr verrechnen. Apropos Bildung: Wir bilden im externen Bereich auch Lehrlinge aus.

Ist das neu?

Scheiff: Das ist ein Novum für unsere Branche. Im internen Bereich haben wir bisher schon Lehrlinge beschäftigt. Doch nun haben wir erstmals in Deutschland auch im externen Bereich Lehrlinge eingestellt. In einzelnen Ländern ist das noch verboten. Die Ausbildung von Lehrlingen ist nicht einfach umzusetzen, weil wir diese Ausbildung nicht bei uns, sondern bei unseren Kunden organisieren und die Qualität sicherstellen müssen.

Sind das Kunden, die die Lehrlingsausbildung selber nicht managen können?

Scheiff: Wir haben uns für die Lehrlingsausbildung entschieden und dann Partner gesucht, die bereit waren, gemeinsam mit uns die Ausbildung durchzuführen.

In der Schweiz wäre das auch ein guter Ansatz, um die ausländischen Firmen dazu zu bewegen, mehr für Lehrlinge zu machen.

Scheiff: Diese Form der Lehrlingsausbildung über drei bis vier Jahre kennen nur Deutschland, Österreich und die Schweiz. Mir persönlich ist es sehr wichtig, diese zu behalten, weil sie die Basis der guten Facharbeiter darstellt. Leider verstehen ausländische Konzerne dies oft nicht und betrachten die Lehrlingsausbildung noch als Bürde. Dies wird sich mit der zunehmenden Verknappung gut ausgebildeter Fachkräfte ändern, davon bin ich fest überzeugt.

Das heisst, Sie ziehen die Lehrlingsvermittlung auch in der Schweiz in Betracht?

Scheiff: Wir haben das Projekt vor einigen Monaten in Deutschland mit 50 Lehrlingen gestartet und machen unsere ersten Erfahrungen. Ein Gelingen ist auch immer eine Frage der Möglichkeiten und Partner. Wir sehen mittelfristig durchaus Chancen auch in der Schweiz.

Was halten Sie von der Blue Card, mit der die EU Fachkräfte aus Drittstaaten anlocken will?

Scheiff: Mit Hilfe deregulierter Arbeitsmärkte konnte die Zeitarbeitsbranche seit 2003 rund 700000 neue Stellen in Europa schaffen. Bis 2012 könnten weitere 2,1 Mio neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Vor diesem Hintergrund unterstütze ich die Bemühungen der EU, Fachkräfte für Europa zu gewinnen, da wir tatsächlich gut qualifizierte Leute brauchen und als Standort für ausländische Fachkräfte attraktiver werden müssen. Wenn heute Inder oder Chinesen an Jobs im Westen denken, dann zieht es sie in die USA. Dies reicht jedoch nicht. Die Staaten in Europa sind auch gefordert, viel mehr Geld in die Bildung unserer Kinder zu stecken. Das wird aus meiner Sicht noch ungenügend gemacht.

Was macht Sie so sicher, dass Adecco auch nach der Fusion der Konkurrenten Randstad/Vedior – sofern die Fusion gelingt – weltweiter Marktleader bleiben wird?

Scheiff: Mit über 20 Mrd Euro ist unser Umsatz auch nach einer Fusion noch deutlich höher. Die Wettbewerbssituation würde sich nicht grundsätzlich verändern, da ich nur in Belgien und den Niederlanden eine starke Überlappung sehe. Gespannt bin ich auf die Fusion der Unternehmenskulturen. Ich habe Vedior und Randstad immer als sehr unterschiedliche Firmen wahrgenommen. Die eine ist eher zentristisch geführt und die andere sehr dezentral organisiert.

Sehen Sie auf dem Markt ein Unternehmen, das für Adecco ähnlich ergänzend wäre, wie es bei Vedior und Randstad der Fall ist.

Scheiff: Es ist wichtig, nicht nur auf die Grösse zu schauen. Wenn wir etwas kaufen, dann soll es im Professional-Staffing-Bereich sein. Uns stehen dafür 1 Mrd Euro zur Verfügung. Bei einer Akquisition in unserer Branche gehen vor allem Menschen zusammen, und es werden keine Produktionsstätten fusioniert. Deshalb ist es für uns wichtig, dass das Management und die Kultur zu Adecco passen. Zudem finde ich, sollte das Management einer neuen Partnerschaft eine Verstärkung unseres eigenen Managements bilden.