Sie sind seit 40 Jahren für den Kühne + Nagel-Konzern in führenden Positionen tätig. Was hat sich in der Welt der Logistik während dieser Zeit nachhaltig verändert?

Klaus Herms: Verändert hat sich das zu transportierende Gütervolumen, welches in den vergangenen Jahren überproportional angestiegen ist. Die stärkste Veränderung im Logistikgewerbe ist sicherlich die deutlich verbesserte Transparenz in den Transportprozessen. Heute wissen Verlader und Logistiker jederzeit, wo sich die Ware befindet. Das war früher doch anders. Dank der deutlich verbesserten Informatik können globale Güterströme optimiert werden, gleichzeitig wird den einzelnen Unternehmen ermöglicht, ihre Bestände zu reduzieren. Im Weiteren ist die Ausgliederung der Produktion in kostengünstigere Regionen ? beispielsweise von Europa nach Asien ? durch die Logistik stark erleichtert worden. Diese Entwicklung führte schliesslich zu einem stark wachsenen Welthandelsvolumen.

Aber auch das Outsourcing hat die Entwicklung geprägt...

Herms: ...absolut, die Konzentration vieler Unternehmen auf deren Kernaktivitäten und damit das Auslagern der Logistik an professionelle Dienstleister prägte und prägt noch heute die Welt der Logistik nachhaltig.

Welche Rolle wird die Logistik in der Zukunft innerhalb der Unternehmensführung spielen?

Herms: Eine exakte Voraussage lässt sich heute kaum machen. In den vergangenen Jahren konnten viele Unternehmen ihre Produktionskosten dank der moderaten Inflation sowie der Verlegung der Produktionskapazitäten an kostengünstigere Standorte senken beziehungsweise zumindest auf dem bisherigen Niveau halten. In den kommenden Jahren ist damit zu rechnen, dass sich dieser Trend nicht in gleichem Masse fortsetzen wird. Auch in den Ländern mit kostengünstigeren Strukturen sind Veränderungen festzustellen.

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Mit welchen Veränderungen rechnen Sie?

Herms: Nehmen wir das Beispiel China. Bis anhin wurden die Produktionskapazitäten vorwiegend in der Küstenregion konzentriert. In den kommenden Jahren wird China mehr und mehr gezwungen sein, Produktionskapazitäten im Hinterland aufzubauen, was zusätzliche Transportkapazitäten erfordert und auch höhere Kosten nach sich zieht. Im Weiteren ist mit einem Anstieg der Lohnkosten in den Schwellenländern zu rechnen. All dies wird zu einem Kostenschub führen, der wiederum die Importe aus Fernost verteuern wird.

Könnte dies zu einem Umdenken in der Produktionsverlagerung führen?

Herms: Eine Rückverlagerung der Fertigung nach Europa, aber auch in die USA, ist nicht auszuschliessen, denken Sie nur an den starken Kursverfall des Dollar. Dieser macht eine Fertigung in Nordamerika wieder attraktiv.

In rund einem Jahr übergeben Sie den Kühne + Nagel-Konzern ihrem Nachfolger Reinhard Lange. Welche Ziele wollen Sie bis dahin noch erreichen?

Herms: Mein unmittelbares Ziel ist es, die Komplettierung unseres Geschäftsmodells zu gewährleisten, konkret, dass wir die Bereiche Luft- und Seefracht, Landverkehre und Kontraktlogistik weiter ausbauen und stärken und dem Konzept des Full-Service-Providers auch in Zukunft treu bleiben werden.

Einer der Bereiche, den Kühne + Nagel weiter stärken will, ist der europäische Landverkehr. Hier peilt man mittelfristig ein Umsatzvolumen von 5 Mrd Fr. an. Wie weit ist man auf diesem Weg heute?

Herms: Wir haben mit einem Umsatz von rund 1 Mrd Fr. in diesem Bereich angefangen und liegen heute bei fast 3 Mrd Fr. Wichtig in diesem Geschäft ist es, über das erforderliche Netzwerk und das damit verbundene Transportvolumen zu verfügen. Im vergangenen Jahr sind wir im Bereich Landverkehre mit plus 14% deutlich stärker gewachsen als der Markt, der um rund 3% zulegte. Wir werden in den kommenden Jahren weiter wachsen auch durch Akquisitionen, vor allem in Frankreich, in Spanien und Italien.

Welche Rolle spielt im europäischen Landverkehr der Schienengüterverkehr, denn die Bahnen wollen sich ja auch einen grösseren Anteil am Transportvolumen erkämpfen?

Herms: Wir hätten gerne mehr Verkehr auf der Schiene, aber wir sind durch die relativ stringenten Bestimmungen über die Nutzung der verschiedenen Trassen eingeschränkt. Auch die Transparenz in der Kostenrechnung im Schienengüterverkehr muss verbessert werden. Wir unterhalten verschiedene Ganzzugverbindungen in Europa, die zu unserer Zufriedenheit funktionieren und auch gut ausgelastet sind.

Ein Wachstumsfeld von Kühne + Nagel ist auch die Kontraktlogistik, hier hat sich in jüngster Zeit der Umsatz auf über 4,7 Mrd Fr. fast vervierfacht. Welche Perspektiven sehen Sie in diesem Geschäft?

Herms: In der unmittelbaren Zukunft wird sich der Trend zur Verlagerung der Produktionsstätten, oder Teilen davon, in kostengünstigere Regionen weiter fortsetzen. Dies wiederum wird eine weitere Zunahme der Nachfrage nach Dienstleistungen im Bereich der Kontraktlogistik zur Folge haben. Wir sind derzeit weltweit der drittgrösste Anbieter in der Kontraktlogistik und können dank unseres internationalen Netzwerkes und auch durch die Synergien aus dem Luft- und Seefrachttransport dem Kunden umfassende Dienstleistungen entlang der gesamten Supply Chain anbieten.

Sowohl in der Luft- wie in der Seefracht ist Kühne + Nagel in den vergangenen Jahren deutlich stärker gewachsen als der Markt. Was ist das Erfolgsgeheimnis dahinter?

Herms: Das Erfolgsgeheimnis in der Luft- und Seefracht sind sicher die umfassenden IT-gestützten Transportdienstleistungen, die wir über unser internationales Netzwerk anbieten können. Unsere neuen, laufzeitendefinierten Luftfrachtprodukte sowie beispielsweise das Sammelcontainergeschäft in der Seefracht stossen im Markt auf eine hohe Akzeptanz. Wir können mit diesen Angeboten die Laufzeiten für den Kunden verkürzen und damit Kosteneinsparungen für beide erzielen.

Kühne + Nagel bietet Logistikdienstleistungen für verschiedene Schlüsselindustrien an. Inwieweit lassen sich realisierte Lösungen im Supply Chain Management für einzelne Branchen auch für andere Branchen nutzen?

Herms: Wir sind in den wichtigsten Branchen, welche eine hohe Nachfrage nach Logistikdienstleistungen generieren, wie etwa Fast Moving Consumer Goods, Elektronik, Hightech, Unterhaltungselektronik oder Textilien/Schuhe sehr gut vertreten. Wir können durchaus Synergien zwischen den Logistiklösungen in einzelnen Branchen realisieren und nutzen.

Kühne + Nagel bietet aber auch branchenspezifische Logistikdienstleitungen an.

Herms: Dazu gehören die Bereiche Hotel Logistics, Aviation Logistics, Shipspares Logistics und Perishable Logistics. In allen diesen Bereichen bieten wir unseren Kunden ganz spezifische Dienstleistungen entlang ihrer gesamten Supply Chain an. Diese Nischenprodukte werden wir in den kommenden Jahren weiter ausbauen. Auch hier spielt unser weltumspannendes Netzwerk eine zentrale Rolle.

Das Dienstleistungsangebot im Öl-Energie- und Projektgeschäft wurde in jüngster Zeit stark ausgebaut, so durch die Übernahme der Firma Elite Airfreight in Texas. Wird diese Aktivität zu einem weiteren Standbein von Kühne + Nagel?

Herms: Diesen Bereich werden wir in Zukunft gezielt weiter ausbauen.

Zu den Zukunftsmärkten werden neben China, Indien und anderen Ländern auch Osteuropa und Russland gezählt. Welche Bedeutung hat diese Region für Kühne + Nagel?

Herms: Eine sehr grosse Bedeutung. Diese Märkte bieten enorme Chancen, gleichzeitig ist es aber nicht so einfach, dort Fuss zu fassen. In Russland wollen wir in Zukunft stärker präsent sein als bisher. Für diese Expansion haben wir unsere Organisationseinheiten in Südost- und Nordosteuropa zusammengefasst und eine Region geschaffen, die von Wien aus das Osteuropageschäft steuern und überwachen wird. Vor allem in der Kontraktlogistik sehen wir gute Wachstumsmöglichkeiten.

Denkt man dabei auch an Akquisitionen?

Herms: Es kann durchaus sein, dass wir ein kleineres Unternehmen kaufen, um uns besser im Markt zu etablieren. Grössere Akquisitionen allerdings kommen für uns kaum in Frage, vor allem nicht bei den Preisvorstellungen, welche Firmen in Osteuropa und besonders in Russland derzeit haben. Auch die mangelnde Transparenz bei Akquisitionen lässt uns äusserst vorsichtig sein.

Chinesische Logistikdienstleister drängen verstärkt auf die einzelnen Märkte, vor allem auf den europäischen Markt. Wie ernst ist diese Konkurrenz zu nehmen?

Herms: China ist heute mengenmässig für etwa ein Drittel des weltweiten Gütervolumens zuständig. Dass die Chinesen auch ausserhalb ihres eigenen Landes stärker präsent sein wollen, ist eine logische Folge dieser Entwicklung. Bis die chinesischen Logistikanbieter allerdings über ein funktionierendes Netzwerk verfügen, wird es noch einige Zeit dauern.