Die Aluminium-Branche wurde 2009 kräftig durchgeschüttelt. Verschiedene Exponenten zeigen sich aber bereits wieder optimistisch, einige behaupten gar, die Branche habe sich 2010 recht gut erholt. Wie manifestiert sich diese Erholung?

Marcel Menet: Nach dem Krisenjahr 2009 mit den grössten Produktionseinbrüchen der Geschichte erlebten wir dieses Jahr bisher eine Erholung mit einer ebenso grossen Dynamik.

Sind wir wieder auf dem Niveau, das vor der Krise für Rekordwerte gesorgt hatte?

Menet: Ja, wir blicken 2010 auf ein Boomjahr zurück. Die verkauften Tonnagen liegen voraussichtlich wieder auf dem Niveau des Rekordjahres 2008.

Ist die Erholung bereits nachhaltig oder nur ein kurzes Strohfeuer, weil die Abnehmer ihre Läger aufbauen?

Menet: Dies ist eine der meistdiskutierten Fragen in unserer Industrie. Eine gewisse Verunsicherung über die Nachhaltigkeit dieser Boomphase ist vorhanden.

Der Maschinenbau wurde von der Krise stark betroffen. Wie läuft es dem letztjährigen «Sorgenkind»?

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Menet: Im Maschinenbau reduzierte sich das Absatzvolumen letztes Jahr um dramatische 50 Prozent. Im laufenden Jahr ist wieder ein Aufschwung spürbar; dieser ist jedoch sehr unstetig. Das Niveau von 2008 ist im Maschinen- und Apparatebau noch lange nicht erreicht.

Hoffnungsträger war - und ist wohl weiterhin - die Sparte Verkehr: Wie sieht es mit dieser Sparte aus?

Menet: Die Produktion für die Automobilindustrie ist voll ausgelastet. Die CO?-Problematik und die damit verbundenen, gesetzlich verschärften Rahmenbedingungen zwingen die Automobilindustrie, Aluminium als Leichtbauwerkstoff in allen Personenwagen-Klassen verstärkt einzusetzen. Die gleiche Entwicklung sehen wir im Nutzfahrzeugbereich.

Aus der Bauwirtschaft hört man unterschiedliche Eindrücke. Der Wohnungsbau floriert, der Geschäftsbau hingegen entwickelt sich eher zaghaft. Aluminium wird allerdings vorwiegend im Geschäfts- und Industriebau eingesetzt. Damit profitiert die Aluminium-Industrie eher nicht von der positiven Baukonjunktur.

Menet: Nein, diese Vermutung ist falsch. Unsere Aluminium-System-Anbieter berichten von einem positiven Geschäftsverlauf, da sie eine führende Position mit innovativen Entwicklungen, die zugleich ökologische und ästhetische Anforderungen erfüllen, einnehmen.

Wo es Gewinner gibt, stösst man meist auch auf Verlierer: Wer sind die Verlierer?

Menet: Der Schienenfahrzeugbereich boomte in den letzten Jahren enorm. Doch aufgrund der finanziellen Schieflage einiger europäischer Länder, bedingt durch die Finanzkrise, sind in diesem Bereich einige Investitionsstopps vorgenommen worden.

Muss man unterscheiden zwischen der Inland- und der Exportnachfrage?

Menet: Ja, die Auftragseingänge der Presswerke sind in den ersten elf Monaten in diesem Jahr gegenüber der Vorjahresperiode bei der Inlandnachfrage um 37 Prozent angestiegen. Im Exportgeschäft lag der Anstieg lediglich bei 14 Prozent.

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Wie präsentiert sich die Lage der schweizerischen Aluminium-Industrie im Vergleich mit den Branchengrössen im Ausland?

Menet: Die positive Situation in der Schweiz kann in etwa mit derjenigen in Deutschland verglichen werden. Andere Länder haben deutlich mehr Mühe. Es zahlt sich heute aus, dass sich die Schweizer Aluminium-Industrie dank der Spezialisierung und Fokussierung auf höhere Wertschöpfung in ausgewählten Märkten in den letzten Jahren vorteilhaft positioniert hat.

Gibt es weitere Wachstumsmotoren oder zumindest schlagkräftige Impulsgeber?Zu nennen wären «grüne Technologien».

Menet: Bei der Solartechnik profitiert die Aluminium-Industrie als Zulieferer von pflegeleichten und korrosionsbeständigen Konstruktionen seit Jahren vom grossen Wachstum dieser Branche. Und dank seinem geringen Gewicht trägt Aluminium im Fahrzeugbau wesentlich zur CO2-Reduktion bei. 1 Kilogramm Aluminium im Fahrzeug anstelle von schweren Metallen ergibt eine Treibhausgas-Reduktion von 20 Kilogramm, bezogen auf die Lebensdauer eines Autos.

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Die Rohstoffpreise machten in den letzten Monaten riesige Sprünge: Wie hat sich der Preis für Rohaluminium entwickelt?

Menet: Die steigende Nachfrage nach Aluminium spiegelt sich auch in steigenden Notierungen an der Metallbörse LME in London. Nach dem Tiefststand von 1300 Dollar pro Tonne Aluminium zu Beginn des Jahres 2009 bewegte sich der Rohaluminium-Preis in diesem Jahr zwischen 2000 und 2500 Dollar. Die Lagerbestände an der LME sind gesunken.

Was macht der Preis für Rohaluminium in den nächsten Monaten?

Menet: Die Auguren sehen weiterhin feste oder sogar noch leicht steigende Aluminium-Preise.

Macht die Euro-Schwäche Sorgen?

Menet: Rund 80 Prozent der Schweizer Aluminium-Halbzeuge gehen in den Export, vor allem in den Euro-Raum. Aufgrund der sehr raschen Aufwertung des Schweizer Frankens waren die Firmen meistens nicht in der Lage, so kurzfristig ihre Kosten weiter zu optimieren. Dies führte zu markanten Einbussen bei den Margen. Diese wesentliche Verschlechterung der Wettbewerbsfähigkeit macht uns grosse Sorgen und wird die Firmen auch in den kommenden Monaten belasten.

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Ihre Mitgliederfirmen erarbeiten aktuell die Budgets für 2011: Mit welchem Wachstum - wenn überhaupt - rechnen Sie?

Menet: Da erste Anzeichen einer Abschwächung auszumachen sind und wir das laufende Jahr wieder mit einem Rekordabsatz abschliessen werden, gehen wir von einer Stabilisierung oder einem leichten Rückgang auf diesem - notabene - hohen Niveau aus.

Krisen bieten auch immer Chancen für Veränderungen. Hat die Alu-Branche das Krisenjahr 2009 wirklich genutzt?

Menet: Durchaus! Viele Firmen haben Produktlinien mit geringer Wertschöpfung abgestossen. Dank der Konzentration auf zukunftsträchtige Segmente und dank der laufenden Optimierung der Prozesse, der Abläufe und der Kostenstrukturen hat sich die Schweizer Aluminium-Industrie im globalen Wettkampf optimal positioniert.