Es strömen wieder mehr Touristen in die Schweiz. Hängt das auch mit der Abwertung des Schweizerfrankens gegenüber dem Euro zusammen?

Christoph Juen: Der schwächere Franken ist sicher eine Erklärung. Auch die gute Konjunktur hat uns Touristen zurückgebracht. Zudem wurde erheblich in die Infrastruktur investiert. Die Schweiz ist begehrt. Wenn wir diese qualitativ hochstehende Swissness in den Köpfen verankern können, dann tritt auch der Preisfaktor etwas in den Hintergrund. Kommt dazu, dass sich das Preisniveau in den konkurrierenden Nachbarländern dem schweizerischen stark angenähert hat.

Die Schweiz gilt vom Image her aber als teures Land.

Juen: Dieses Image hängt uns zu Unrecht an. Wir sind immer noch etwas teurer, aber auch wertvoller. Der Tourist holt sich Erlebniswerte und er bewegt sich in einem sicheren Land.

Klagen wegen eines starken Frankens sind kaum mehr zu hören.

Juen: Die gute Mengenkonjunktur hat einiges zugedeckt. Der Dollar und das britische Pfund haben sich markant abgeschwächt. Das spüren wir bei den Gästen aus den USA und Grossbritannien.

Haben die zusätzlichen Investitionen speziell im Bereich der Vier- und Fünfsternehotels die Attraktivität der Destination erhöht?

Juen: Ja, nur war die Entwicklung in der Stadt- und der Tourismushotellerie sehr unterschiedlich. Insgesamt beobachten wir im langfristigen Trend seit den 70er Jahren eine Stagnation bei den Übernachtungszahlen, die bis zu Beginn dieses Jahrzehnts angehalten hat. In dieser Phase hat die Stadthotellerie kräftig zugelegt, während die Tourismusdestinationen geschrumpft sind.

Hält dieser Trend an?

Juen: Sofern der globale Touristenstrom nicht zunimmt und damit auch die Übernachtungszahlen steigen, sind wir weiterhin zum Strukturwandel verurteilt. Die durchschnittliche Hotelgrösse hat bereits über die letzten 50 Jahre hinweg ständig zugenommen. Diese Konsolidierung setzt sich fort.

Wie sieht die Entwicklung bei den Dreisternehotels aus?

Juen: Im mittleren Segment der Hotellerie gibt es einen Teufelskreis. Die Substanz und Ertragskraft zum Investieren fehlt in vielen Fällen. Zahlreiche Betriebe sind aus eigener Kraft nicht aus dieser Abwärtsspirale herausgekommen. Auch in diesem Bereich wird aber von den Systemanbietern die Qualität betont. Die Ein-, Zwei- und Dreisternehotels werden exakt nach ihren klar definierten Leistungen gebrandet. Das ist überschaubar und entsprechend haben die internationalen Hotelketten die Schweiz entdeckt. Herausgefordert sind speziell die Dreisternehäuser, die oft nur über ein durchschnittliches Angebot verfügen, aber mit einem hohen Kostenblock zu kämpfen haben.

Anzeige

Sind die Gäste bereit, mehr Geld auszugeben?

Juen: Ja, in der Hochkonjunktur geben die Leute mehr Geld aus. Einzelne Gästegruppen, beispielsweise aus China oder Indien, wollen möglichst wenig für die Übernachtung ausgeben, dafür aber die Original-Schweizeruhr am Ursprungsort kaufen.

Was hat die Euro 08 für das Image der Schweiz als Ferienland gebracht?

Juen: Der unmittelbare Eindruck ist positiv. Das gilt vor allem für das Image. Wir haben nie die Zielsetzung gehegt, dass in einem bestimmten Zeitraster sehr viel Wertschöpfung generiert werde. Für uns gilt: Der Fussballfan von heute, ist der Gast von morgen.

Schlägt sich das auch positiv in den Übernachtungszahlen der Schweizer Hotellerie nieder?

Juen: Das hängt davon ab, wie dieser günstige Imagefaktor in der Tourismuspolitik umgesetzt wird. Schweiz Tourismus und speziell auch die Austragungsorte sind da herausgefordert. Dank diesem sportlichen Grossanlass können wir vor allem die grossen europäischen Quellenmärkte revitalisieren.

Auf den Kongresstourimus entfallen rund 5% der gesamten Hotelübernachtungen. Sehen Sie in dieser Sparte künftig noch ein Entwicklungspotenzial?

Juen: Ja, auf jeden Fall. Viele internationale Firmen errichten in der Schweiz ihre Stützpunkte für das europäische oder weltweite Geschäft. Das löst einen Sog für Businessreisen und Kongressaktivitäten aus.

Haben vor allem die grossen Städte mit ihren Businesshotels gute Chancen im Kongressgeschäft?

Juen: Das ergibt sich schon aus der Struktur dieser Hotels, die in den meisten Fällen über umfangreiche Seminar- und Kongresskapazitäten verfügen. Rund 70% der Kongresse haben weniger als 500 Teilnehmer. Viele Städte profilieren sich in diesem mittleren Tagungssegement. Ein Beispiel ist Winterthur mit seinem Museen- und Kulturumfeld. Im Ausland wird die Kongressinfrastruktur teils stark gefördert. Auch in der Schweiz müsste es vermehrt Partnerschaften zwischen dem Staat und den Tourismusanbietern geben. Pontresina etwa hat das mit dem Kongresszentrum Rondo vorbildlich umgesetzt.

Zürich verfügt als grösste Schweizer Stadt über kein modernes Kongresszentrum, das sich mit ausländischen Angeboten messen kann. Ein Neuprojekt wurde soeben vom Stimmvolk abgeschmettert.

Juen: Ich war enttäuscht über das Abstimmungsergebnis. Zürich konnte sich vorerst nicht zu einer neuen Lösung durchringen. Der Standort verfügt über die notwendigen Voraussetzungen, wie die Anbindung an den internationalen Flugverkehr, die Hotelinfrastruktur und das Freizeitangebot. Wir brauchen in der Schweiz zwei bis drei grosse Kongresshäuser, die Megaveranstaltungen mit mehreren Tausend Leuten beherbergen können.

Wird genügend in die Modernisierung der Kongressinfrastruktur investiert?

Juen: Es gibt gute Beispiele für zukunftsgerichtete Investitionen, wie etwa in Interlaken oder Montreux. Der durchschnittliche Tagungsteilnehmer erwartet ein minimales Angebot, ähnlich wie im Wellnessbereich der gehobenen Klasse. Insgesamt sind wir bei der qualitativen Verbesserung der Infrastruktur auf gutem Weg.

Welche Regionen sind für das internationale Tagungsgeschäft ideal positioniert?

Juen: Bei globalen Vergleichen schneidet die Schweiz nicht schlecht ab. Genf liegt an 32. Stelle, Zürich auf Rang 37 und Basel auf Position 68. Alle diese Destinationen zeichnet die Nähe zu einem Flughafen aus.

Die Bergregionen haben es im Kongressgeschäft schwieriger.

Juen: Im Vergleich zu den grossen Städten, die vor allem vom Businessgeschäft profitieren, müssen sich die Tourismusdestinationen vor allem auf Events und Kulturanlässe konzentrieren, die auch das Ferienempfinden der Teilnehmer ansprechen. In diese Kategorie gehört Gstaad mit sportlich-kulturellen Anlässen, die vom Tennisturnier über Beachvolleyball bis zum Yehudi-Menuhin-Konzert reichen.

Könnte mit solchen zusätzlichen Aktivitäten der Saisonbetrieb in den Bergen verlängert werden?

Juen: Ja, wir sehen das in beschränktem Ausmass bereits. Viele Hoteliers verlängern in der Wintersaion die Öffnungszeiten nach Ostern um einige Wochen, weil sie ihre Betten dank Kongressen und Events füllen können.

Fliesst genügend Geld in die Vermarktung der Kongressdestination Schweiz?

Juen: Schweiz Tourismus ist in dieser Sache der Akteur. Die verfügbaren Mittel werden in dieser Promotionsagentur sehr effizient und professionell eingesetzt.

Die Mitglieder des Hotelierverbandes investieren rund 1 Mrd Fr. jährlich in die touristische Standortförderung. Fällt auch etwas für das Kongressgeschäft ab?

Juen: Nein, leider zu wenig. Das viele Geld wird vom einzelnen Anbieter in kleinen Portionen investiert. Manchmal sind nach dem Druck des Hotelprospektes schon alle Mittel ausgegeben. Es fehlen dann die Ressourcen, um diese Werbeinstrumente auch unter die Leute zu bringen. Sinnvoller ist eine Konzentration der Gelder, damit sie im regionalen Verbund oder auch national und global einsetzbar sind.

Hotelleriesuisse und Schweiz Tourimus arbeiten im Marketing zusammen. Sehen Sie noch Verbesserungspotenzial?

Juen: Es gibt einen Hotelmarketing-Beirat mit Vertretern der beiden Organisationen, die in einer Art rollender Planung den Markt bearbeiten. In diesem Rahmen wird auch das Thema MICE (Meeting, Incentive, Congress, Exhibition) mit einer Kampagne angegangen.

Sie haben den Hauptsitz in Bern. Verleiht das dem Kongressstandort mehr Anziehungskraft?

Juen: Das glaube ich nicht. Der Standort ist aber nicht zufällig. In Bern geschieht die Meinungsbildung: Im Parlament, bei der Regierung und in den Ämtern.

Wo kämpfen Sie primär um bessere Rahmenbedingungen?

Juen: Für uns ist alles wichtig, was zum Abbau des Kostensockels und der Hochpreisinsel Schweiz beiträgt. Das beginnt bei den Landwirtschaftsprodukten. Mit einem bilateralen Agrarabkommen mit der EU hätten wir viele Probleme gelöst. Über die Umsetzung des Cassis-de-Dijon-Prinzips gilt es, die technischen Handelshemmnisse zu beseitigen. Einen wesentlichen Beitrag würden auch die Parallelimporte bringen ?

? nur wurde das im Parlament jüngst blockiert.

Juen: Da dürfte sich mit der Zeit die Erkenntnis durchsetzen, dass alles, was am Vorabend der EWR-Abstimmung für gut befunden wurde, wie gerade die Parallelimporte, auch in anderem Zusammenhang ökonomisch Sinn machen kann. Zudem haben wir die Personenfreizügigkeit ganz oben auf unserer Agenda. Dies nicht nur wegen des Austauschs von Personal, sondern ebenso wegen des Images der Schweiz gegenüber den EU-Mitgliedländern. Schliesslich gibt es auf dem Binnenmarkt noch immer einen grossen Nachholbedarf, sei das bei der Telekommunikation, der Post, der Energie oder Verkehrsinfrastruktur.