Macht Sie der steigende Ölpreis glücklich, weil Oerlikon Solar davon profitiert?

Jeannine Sargent: Ja. Natürlich freue ich mich nicht an den Folgen, welche der hohe Ölpreis für uns alle hat. Doch die Preishausse der fossilen Energiestoffe verhilft den erneuerbaren Energien zu noch mehr Aufmerksamkeit.

Steigt die Akzeptanz der erneuerbaren Energien parallel zum Ölpreis?

Sargent: Zumindest das Bewusstsein nimmt zu, dass wir eine Alternative brauchen. Solarenergie ist nicht nur wegen der steigenden Produktionskosten konventioneller Energien immer kosteneffizienter, sondern auch, weil die Produktionskosten von Solarstrom stetig sinken.

Wollen Sie damit sagen, dass die Herstellung von Solarenergie von höheren Produktionskosten verschont bleibt?

Sargent: Ausgenommen sind wir nicht, aber wir sind viel weniger abhängig von Öl. Ein Vorteil von Dünnfilm-Silizium-Photovoltaik ist, dass es sehr wenig Energie braucht, um ein Solarkraftwerk zu errichten ? deutlich weniger als für eine Kohlen- beziehungsweise Gasfabrik oder ein Atomkraftwerk. Und wenn das Solarkraftwerk steht, sind die Operations- und Unterhaltskosten für die nächsten 25 Jahre de facto null.

Bis 2010 wollen Sie mit Solarstrom Netzparität erreichen, also gleich teuer sein wie konventioneller Strom. Ist das realistisch?

Sargent: Wenn wir von Netzparität sprechen, meinen wir damit die Kostenparität in der Mehrheit der Regionen zu Spitzenzeiten. In einigen Regionen der Welt besteht heute schon Netzparität zu Spitzenzeiten, weil die lokalen Kosten für die Stromherstellung so teuer sind. Derzeit liegen die Produktionskosten von Dünnfilm-Solarstrom zwischen 15 bis 17 US-Cent pro Kilowattstunde. In Rom am Mittag oder in einigen US-Staaten wie Hawaii und Kalifornien kostet der Strom zu Spitzenzeiten 18 bis 22 Cent pro Kilowattstunde.

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Was bedeutet das für Ihr Ziel?

Sargent: Für 2010 geht man von einem durchschnittlichen Netzpreis von 8 bis 11 Cent pro Kilowattstunde aus. Diesen Preis soll auch der Solarstrom erreichen. Heute liegen wir zwischen 14 bis 16 Cent.

Ist in Ihren Prognosen der neue Trend, Subventionen für Solarstrom zurückzufahren, wie in Deutschland enthalten?

Sargent: Zwar sind wir sehr froh darüber, dass es in einigen Märkten wie Deutschland und Spanien Einspeisetarife gibt oder dass die USA Investitionskredite erwägen für erneuerbare Energien. Doch wenn wir von Netzparität reden, klammern wir jegliche Subventionen aus. Um auf einem Massenmarkt bestehen zu können, müssen wir Netzparität ohne Unterstützung erreichen. Schon jetzt werfen Solaranlagen mit den Einspeisevergütungen hohe Renditen ab. In Spanien, Griechenland und Italien sieht man Returnrates zwischen 9 und 13%.

Dennoch wird die Nachfrage in Europa stark von Fördermassnahmen getrieben.

Sargent: Die grösste Nachfrage wird die nächsten vier bis sieben Jahre von ausserhalb Europas kommen. Europa ist heute noch der grösste Markt, teilweise, weil er von Einspeisevergütungen beschleunigt wurde. Jetzt, wo die Kosten sinken, werden China und die USA als die grössten Solarkonsumenten hervorgehen. Dort wird die Nachfrage nach Solarenergie nicht von Einspeisetarifen und anderen Subventionen abhängen.

Sie glauben, für den Erfolg der Solarenergie in den nächsten vier Jahren in den USA, kommt es nicht darauf an, wer Präsident wird und welche Klimapolitik er betreibt?

Sargent: Unser Businessplan ist unabhängig von politischen Strömungen und basiert allein auf ökonomischen Annahmen. Wenn wir unser Preisziel erreichen, dann sind alle Regulierungen, seien es CO2-Emissions-Taxen oder Anreize zum Gebrauch von erneuerbarer Energie, eine zusätzliche Erleichterung. Wir brauchen keine Marktstützen.

Ist der Erfolg der Solarenergie für Sie nur eine Frage des Preises?

Sargent: Ja, es geht nur ums Geld. Solarstrom und Elektrizität sind eine Ware. Wer sie günstig zur Verfügung stellen kann, wird von der Nachfrage profitieren. Zu erwarten ist auch, dass in verschiedenen Ländern neue CO2-Steuern oder Strafen für CO2-Emissionen eingeführt werden. Wenn das Emittieren von CO2 zu den Produktionskosten der Unternehmen hinzukommt, dann werden erneuerbare Energie und saubere Technologien umso attraktiver. Natürlich hoffe ich, dass die Entscheidungsträger auf saubere Energie setzen und das Richtige für die Umwelt tun. Doch am Ende bin ich davon überzeugt, werden sie aus finanziellen Gründen gar keine Wahl haben.

Wer investiert in Asien in die Solarenergie?

Sargent: In Südkorea und Japan etwa engagieren sich Städte, lokale Privatinvestoren sowie multinationale Konzerne, zum Beispiel Energiekonzerne, die ihr Portfolio geografisch und punkto Energiequellen diversifizieren wollen.

Wer sind diese Firmen?

Sargent: Die französische EdF, welche bereits weltweit grosse Windparks besitzt, hat angekündigt, in Europa und den USA Solarparks aufzustellen. Auch die japanische Sharp hat sehr aggressive Expansionspläne für die nächsten Jahre: Sie plant in Japan einen Solarpark von einigen hundert Megawatt bis zu 1 GW und weltweit Anlagen von 6 GW. Sharp geht dafür auf mehreren Kontinenten Solarpartnerschaften ein; als letzte gab sie jene mit der italienischen Enel bekannt. Neuerdings spannen Energiekonzerne mit Hightechunternehmen zusammen, um Solarprojekte zu lancieren.

Sind Gigawattparks in Europa politisch überhaupt umsetzbar?

Sargent: Wenn Firmen von Gigawattkapazitäten bis 2012 sprechen, meinen sie damit manchmal mehrere Standorte. In Europa wurden letztes Jahr total 3 GW Solar- PV installiert, das sind 80% aller Kapazitäten weltweit. Im nächsten Jahr wird Europa durch Asien und die USA abgelöst und schätzungsweise nur noch 30% der installierten Solarkapazitäten erhalten.

Bieten Solaranlagen künftig ein Ersatz für Atomkraftwerke?

Sargent: Ich sehe es als Portfolio. Heute machen erneuerbare Energien weniger als 10% aller Energiequellen aus, Solar weniger als 1% davon. Wenn Solarenergie dereinst 5% beisteuert, sind wir schon sehr zufrieden.

In Anbetracht des Potenzials, das Sie in der Solarenergie sehen ? wie schätzen Sie die 16 Mio Fr. Einspeisevergütung des Bundes für Sonnenenergie von Total 320 Mio Fr. ab 2009 ein?

Sargent: Der Stellenwert, den erneuerbare Energien in der Schweiz einnehmen, ist im Vergleich beachtlich. Es freut uns, dass die Förderung erneuerbarer Energien verstärkt wird ? natürlich könnte man noch mehr tun. Im Vergleich zu anderen Ländern in Europa schneidet die Schweiz punkto Konsumenten- und Industriebewusstsein nicht schlecht ab. Allerdings könnten die Anreize bei der Energieproduktion stärker bei erneuerbaren Energien gesetzt werden.

Welche Anreize sind am sinnvollsten?

Sargent: Investitionserleichterungen, bei Steuern und Krediten, finde ich sehr konstruktiv. Wenn Firmen Investitionsanreize hätten, Solarpanels auf ihre Dächer zu montieren, würden die nicht nur der Umwelt nützen, sondern auch rentieren.

Oerlikon Solar will bis 2012 50% des Dünnfilmmarktes kontrollieren. Mitbewerber Meyer Burger rechnet damit, dass Dünnfilm künftig höchstens 20% des Marktes ausmachen wird und dass das Wachstumspotenzial von seinem kristallinen Siliconfilm-System höher ist.

Sargent: Der Dünnfilmanteil von 20% heute wird in fünf bis sieben Jahren schätzungsweise auf bis zu 40% steigen. Bei Dünnfilm gibt es einen Kostenvorteil von mindestens 30 bis 40%, sogar wenn der Siliziumpreis sinkt. Innerhalb des Dünnfilmbereichs ist Oerlikon Solar bei Siliziumdünnfilm führend. Dort wollen wir mehr als die Hälfte des Marktes kontrollieren ? heute sind es mehr als 70%. Die Zukunft gehört der Dünnfilmtechnologie.

Ihr Ziel ist aber nicht realistisch, wenn Unternehmen wie Sunfilm, gegen die Sie kürzlich eine Patentklage eingereicht haben, Ihre Technologie abkupfern können.

Sargent: Sunfilm ist ein potenzieller Kunde von uns. Das Produkt, das Sunfilm herstellen will, übernimmt aus unserer Sicht jedoch unsere Technologie. Das können wir nicht hinnehmen.

Sind Sie überrascht, dass Sie gegen Deutsche respektive Amerikaner und nicht gegen Chinesen klagen müssen?

Sargent: Nein, ich arbeite seit 25 Jahren in der Hightechindustrie. Jetzt, wo der Solarmarkt durchstartet, ist es höchste Zeit Grenzen zu setzen, was unsere Eigentumsrechte anbelangt.

Die Schweiz und besonders die Universität Neuenburg ist für Oerlikon Solar seit den 90er Jahren eine wichtige Quelle von F&E. Man sagt, die Schweiz habe den Zug als Herstellerin von Solarenergie verpasst. Wie sieht es auf der Know-how-Seite aus?

Sargent: Der Schwerpunkt unserer Forschung wird weiterhin in der Schweiz liegen, in Neuenburg und in Trübbach. Es gibt einen sehr breiten Talentepool in der Schweiz. Doch aufgrund der Grösse des Solarmarkts werden wir in Singapur bald einen weiteren Standort mit Pilotlinie sowie Forschung und Entwicklung eröffnen.

Wann werden Sie mehr zu einem allfälligen IPO von Oerlikon Solar sagen?

Sargent: Früher sagte ich, fragen Sie mich wieder zum IPO, wenn wir die Milliardengrenze erreichen. Doch da dies sehr bald sein kann, sollten Sie erst wieder fragen, wenn wir für weniger als 1 Dollar pro Watt produzieren können. Wir haben innerhalb von Oerlikon alle Unterstützung, um weiterzuwachsen. Der Börsengang hat derzeit keine Priorität.