Wie bringt man die Wirtschaft am besten wieder in Schwung?

Hans-Rudolf Merz: Jedes Land hat zur Belebung der Konjunktur seine eigenen Rezepte. Da das Gedeihen der Exportwirtschaft - in der Schweiz der eigentliche Motor des Wachstums - stark von der konjunkturellen Situation im Ausland abhängt, ist der Turnaround am ehesten zu schaffen, wenn im Inland weiter investiert und konsumiert wird. Aufgabe des Staats ist es, die dafür optimalen Voraussetzungen zu schaffen.

Wie wird die Welt nach der gegenwärtigen Krise aussehen?

Merz: Wie die Welt nach der Krise aussehen wird, vermag heute niemand zu sagen. Ich hoffe, dass die Akteure, vor allem jene der Finanzmärkte, wieder zu den traditionellen Werten zurückfinden und diese dem reinen Profitdenken voranstellen.

Welches sind aus Ihrer Sicht derzeit die grössten Herausforderungen für die Schweizer Wirtschaft?

Merz: Wir sind gefordert, bei allem Realismus nicht in Schwarzmalerei zu verfallen und die Krise praktisch herbeizureden. Wir dürfen uns jetzt nicht lähmen lassen. Wir müssen uns auf unsere eigenen Kräfte besinnen und nicht sämtliches Heil vom Staat erwarten. Die Voraussetzungen dafür, den Aufschwung zu schaffen, sind nämlich gar nicht so schlecht. So sorgen etwa die tiefe Teuerung im Verbund mit den in weiten Kreisen der Wirtschaft gewährten Lohnerhöhungen und den vom Bund beschlossenen Steuersenkungen dafür, dass 2009 mehr Geld ausgegeben werden kann.

Inwiefern müssen die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft verändert werden für die Zeit nach der Krise: Welche Rolle soll der Staat in der Wirtschaft künftig haben?

Merz: Wir müssen aufpassen, dass wir wegen eines Versagens des Markts nun nicht in Regulierungswut verfallen. Im Finanzmarktbereich muss der Staat jedoch eine aktivere Rolle wahrnehmen. Gewisse Korrekturen haben wir auf nationaler Ebene bereits beschlossen oder zumindest aufgegleist. Ich verweise auf den verstärkten Einlegerschutz und auf die Eigenmittelvorschriften im Bankensektor. Darüber hinaus müssen Aufsicht und Regulierung im Finanzbereich global neu ausgerichtet werden. Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit erfordert globale, für alle Player gleichermassen verbindliche Spielregeln.

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Jede Krise bietet auch Chancen: Wo orten Sie solche für Schweizer Unternehmen?

Merz: Die Wirtschaft und die einzelnen Unternehmen sollten im Wirtschaftsabschwung eine Chance sehen, Innovationen anzupacken. Die aktuelle Krise ist eine Chance für eine bessere Vereinigung von Ökologie und Ökonomie durch Innovation.

Wie können die Vertrauenskrise gelöst und das Vertrauen von Kunden und Investoren in die Wirtschaft gestärkt werden?

Merz: Vertrauen lässt sich nicht auf Knopfdruck wieder herstellen. Jedes Wirtschaftssubjekt ist in seinem Bereich gefordert, durch ehrliche Arbeit, solides Geschäftsgebaren und Risikobewusstsein, kurzum in der täglichen Arbeit, das Vertrauen zurückzuerkämpfen. In einigen Wirtschaftskreisen ist nach den einzig auf Profit und Wachstum ausgerichteten Höhenflügen der Vergangenheit eine Rückbesinnung auf eine gewisse Bescheidenheit vonnöten.

Was erhoffen Sie sich persönlich von der Teilnahme am diesjährigen World Economic Forum?

Merz: Wie jeder Teilnehmer möchte auch ich als Bundespräsident und Finanzminister auf diesem informellen Parkett neue Kontakte knüpfen, Fundamente schaffen, die die anstehende Problembewältigung bilateral oder multilateral erleichtern. Es würde mich mit Stolz erfüllen, wenn es diesem Davoser WEF gelingen würde, als Antwort auf die grossen aktuellen Herausforderungen erste Marksteine zu setzen.