Wir befinden uns im Zug von Zürich nach Bern - eine interessante Reisedestination. Besuchen Sie Ihre «Bund»-«Berner-Zeitung»-Baustelle?

Martin Kall: Das ist keine Baustelle! Die Espace Media Groupe, die wir 2007 übernommen haben, hat sich mit ihren Zeitungen im vergangenen Jahr gut geschlagen. Immerhin eine Ebit-Marge von 9%, und das ist besser als die Ergebnisse fast aller Konkurrenten. Gleichzeitig haben wir sehr viel investiert. Nicht nur in unser neues Gebäude - das war übrigens die einzige Baustelle in Bern, die es gab (lacht).

In der Schweiz gibt es immer noch überdurchschnittlich viele Print-Titel pro Kopf. Kürzlich hat Tamedia mit der Übernahme von Edipresse für Schlagzeilen gesorgt. In welchem Tempo geht die Konsolidierung weiter?

Kall: Das hängt im Wesentlichen davon ab, wie schnell die strukturellen Veränderungen ablaufen, gerade auch beim Nutzungsverhalten der Leser. Wie schnell Menschen auf neue Titel wie die Pendlerzeitungen und das Internet umsteigen. Hinzu kommt: Je schneller diese neuen Medien interessante Werbeangebote entwickeln, desto schneller steigen auch die Werbekunden um. Und: Wenn viele Wettbewerber sagen: «Ich spare lieber noch einmal in meiner ohnehin zu kleinen Redaktion anstatt mit einem Partner intelligent zu kooperieren», dann geraten diese Titel umso schneller in Schwierigkeiten.

Kooperieren anstatt sich zu Tode sparen?

Kall: Ja. Der «Landbote» mit Tamedia oder die Berner Oberland Medien mit Espace Media haben sehr kluge Formen der Zusammenarbeit entwickelt. Sie stellen sicher, dass es ein Angebot gibt, aber auch ein hohes Mass an Unabhängigkeit. Im Berner Oberland sind wir nur mit 50% beteiligt, in Winterthur - der «Landbote» hat letztes Jahr das beste Resultat seiner Geschichte als Unternehmen erzielt - sind wir nur mit 20% beteiligt.

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Wird Tamedia nach Edipresse weitere Übernahmen tätigen?

Kall: Mit den beiden Schritten, die wir jetzt unternommen haben, dem Zusammengehen mit Espace Media und jetzt der Fusion mit Edipresse, sind wir sehr stark gefordert. Finanziell ist das für uns eine Belastung, denn wir wollen uns nicht stark verschulden. Aber wir gehen auch ans Limit in Bezug auf unsere Fähigkeiten. Wir waren viele Jahre schwerpunktmässig ein Zürcher Medienhaus, jetzt haben wir substanzielle Aktivitäten im Thurgau, in Bern, künftig auch in der Romandie. Nun müssen wir ein gemeinsames Unternehmen entwickeln.

Aber wegen der Medienkrise sind Firmen aus der Branche tief bewertet. Verpassen Sie da nicht Einstiegschancen?

Kall: Das kann sein. Wir haben aber die Erfahrung gemacht, dass die Dinge, die werthaltig sind, noch immer ihren Preis haben - siehe Edipresse. Wir haben zudem noch immer die finanziellen Möglichkeiten, Projekte selber anzustossen und zu entwickeln. Wir haben ja nicht nur Unternehmen gekauft, sondern auch vieles mit eigenen Mitteln weiterentwickelt. Wir haben «20 Minuten» mit 50 Vollzeitstellen übernommen und beschäftigen heute weit über 200 Angestellte. Das ist uns nicht zugeflogen, sondern war mit viel Arbeit verbunden und bedeutete hohe Investitionen. Solche Projekte wollen wir auch in den nächsten Jahren weiterhin umsetzen. Deshalb sind wir in Bezug auf die Finanzierung konservativ.

Welche Perspektiven sehen Sie für mittelgrosse Verlagshäuser im Aargau oder in der Innerschweiz? Müssen sich diese mittelfristig Kooperationspartner suchen?

Kall: Für viele kleine Medienunternehmen kann ihre Nische ein grosser Vorteil sein. Wenn der Schuster bei seinen Leisten bleibt, ist auch das kleinere Unternehmen nicht gefährdet. Gefährdet sind solche, die eine mittlere Grösse haben, die sich in vielen verschiedenen Aktivitäten zu verzetteln drohen, etwa im Bogendruck, im Rollendruck, die etwas Radio, etwas im Fernsehen machen und auch noch Zustellaktivitäten besitzen. Darum war es für uns auch wichtig, mit der Espace Media Groupe und Edipresse die kritische Grösse zu gewinnen. Wir waren mit unserer Börsennotierung und mit unseren Strukturen im Vorfeld dieser beiden Schritte fast zu aufwendig aufgestellt. Das verbessert sich nun, weil wir künftig über 1 Mrd Fr. Umsatz machen werden.

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Wären NZZ oder Ringier in ferner Zukunft weitere mögliche Partner?Kall: Man kann nur einmal heiraten. Wir sind jetzt mit Edipresse verlobt, und in den nächsten Jahre ergibt sich für uns dort keine Möglichkeit. In fünf oder zehn Jahren?

Kall: Nein. Eine Branche lebt auch vom Wettbewerb. Diese Vielfalt stärkt den Standort. Ich würde es sehr bedauern, wenn es am Schluss in der Schweiz nur noch ein oder zwei Medienunternehmen geben würde. Am Standort Zürich wird es auch längerfristig drei oder vier ganz starke Medienunternehmen geben. Ob am Ende alle in Schweizer Hand bleiben, das wird die Frage sein.

Wird es in Zürich auch in Zukunft mehrere grosse Tageszeitungen geben, etwa den «Tages-Anzeiger» und die «NZZ»?

Kall: Davon bin ich überzeugt. Wir würden nicht so stark in den «Tages-Anzeiger» investieren, wenn wir nicht an die Zukunft des Mediums Tageszeitung glauben würden. Das heisst aber auch: Wer die Marke pflegt, hat noch immer hervorragende Möglichkeiten. Man darf jetzt nicht alles schlecht reden. Als wir 2001 den Sender TV3 schliessen mussten, war die Stimmung bei Tamedia ganz schlecht. 2002 und 2003 restrukturierten wir. Danach hatten wir hervorragende Resultate.

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Will Tamedia nach den Zukäufen im Inland auch im Ausland wachsen?Kall: Nein. In den nächsten vier, fünf Jahren haben wir mit Espace Media und Edipresse eine einmalige Chance, aber auch eine grosse Aufgabe vor uns. Warum wurde das französischsprachige Wirtschaftsmagazin «Bilan» aus dem Edipresse-Deal herausgelöst?

Kall: Weil Edipresse im Luxussegment international ein grosses Potenzial sieht. «Bilan» ist zwar ein Wirtschaftsmedium, weist aber auch eine enge Verbindung mit Luxusprodukten auf. Edipresse sieht «Bilan» darum als idealen Titel für die internationale Zusammenarbeit.

Hätten Sie «Bilan» gerne bekommen?Kall: Selbstverständlich.Was sind die grössten Fehler, die Verleger in den nächsten fünf Jahren nicht machen dürfen?

Kall: Der grösste Fehler ist, zu glauben, alles bleibe so, wie es ist. Und mehr Zeit und Energie darauf zu verwenden, das Bestehende zu pflegen und zu hüten. Es braucht immer wieder neue Ideen, bei denen es auf Menschen ankommt. Das zeigt der Erfolg unserer Produkte «20 Minuten», «Homegate» und «Newsnetz». Wer Mut und Kraft hat, wird auch in den nächsten Jahren gute Chancen haben. Auch im Wettbewerb mit den grossen internationalen Medienunternehmen.

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Tamedia macht zwei Drittel des Umsatzes mit Zeitungen. Sind Sie der letzte Idealist der Schweizer Medienszene?

Kall: Entweder glaubt man an das Medium Tages- und Wochenzeitung, dann sollte man investieren und die Marktposition ausbauen, oder man sollte es lassen. Schauen Sie sich den Erfolg der Pendlerzeitung «20 Minuten» an: Die Zeitung ist keinesfalls Vergangenheit. Die Schweiz hat heute mehr Zeitungsleser als je zuvor. Die jungen Leser reissen uns «20 Minuten» aus den Händen. Sicher, die bezahlte Zeitung tut sich schwerer, aber die Unbezahlte hat mit Medien wie «20 Minuten» eine Blüte erreicht. «20 Minuten» ist vermutlich die grösste Medieninnova- tion der vergangenen 20 Jahre in der Schweiz.

Wie wird sich das Zeitungsgeschäft entwickeln?

Kall: Sein Anteil wird eher abnehmen, weil die Online-Medien an Einfluss gewinnen. Hierbei spreche ich weniger vom Umsatz, mehr vom Ergebnis. Die Online-Medien werden vom Umsatz her nicht so bedeutend sein, aber viel zum Gewinn beisteuern. Zugewinne bei Online-Medien bedrängen die etablierten Zeitungstitel, deshalb ist es für Tamedia so wichtig, beides zu haben. Wir müssen uns so aufstellen, dass wir je nach Entwicklung an den Umsätzen teilhaben können.

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Wie werden die Konzernergebnisse von Tamedia im Krisenjahr 2009 ausfallen?

Kall: Wenn es eine normale Krise ist, wird es einen beachtlichen Rückgang bei Umsatz und Gewinn geben. Deshalb müssen wir auch dagegenhalten. Die erheblichen Investitionen in neue Medien sollten sich sukzessive reduzieren.

Werden Sie das Ergebnis von 2007 längerfristig wieder erreichen?

Kall: 2007 war ein Spitzenjahr, aber ich hoffe, dass wir es im nächsten Konjunkturzyklus überbieten werden.

Haben Sie eine mittelfristige Guidance?

Kall: Wir investieren nicht in Edipresse und Espace Media, um am Schluss die gleichen Gewinne zu haben, wie wir sie vorher allein hatten. Dafür sind die Investitionen zu beachtlich. Wir rechnen nach dem Zusammenschluss mittelfristig mit einem Umsatz von 1,2 bis 1,3 Mrd Fr. Über einen Zyklus von sieben bis zehn Jahren sollten wir eine Betriebsmarge auf Stufe Ebit von 15 bis 20% erzielen können.

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Die Investoren sind weniger optimistisch, der Aktienkurs ist stark gefallen.

Kall: Alle Aktien haben verloren. Dazu kommt, dass Medienaktien vor zehn Jahren noch die Lieblinge der Investoren waren. Jetzt bestehen viele Zweifel, etwa darüber, wie sich die Mediennutzung der Konsumenten verändert. Viele haben Angst davor, dass das alte Mediengeschäft zerbricht, ohne dass ein neues, substanzielles Geschäftsmodell bereit steht. Daran glaube ich nicht, aber wir müssen den Tatbeweis erbringen.

Welche Folgen hat die Schliessung von «.ch» auf die Tamedia-Pendlerzeitung «News»? Es gibt Stimmen, die behaupten, Sie schliessen «News», wenn «.ch» vom Markt ist.

Kall: Nein. Die Schliessung von «.ch» werden wir im Werbemarkt gar nicht merken, weil wir von nichts nichts gewinnen können. Die Zukunft von «News» entscheidet sich bei einer anderen Frage: Schaffen wir es mit «News», in Kombination mit den beteiligten Regionalzeitungen, neue exklusive Leser zu gewinnen? Und: Können wir «News» im Verbund mit dem «Tages-Anzeiger», mit der «Basler Zeitung» oder mit der «Berner Zeitung» vermarkten? Wenn die beiden Punkte erfüllt sind, ist es uns egal, wie viele andere Pendlerzeitungen noch existieren. Aber wenn wir keine neuen Leser gewinnen und wir die Leserschaft nicht kommerzialisieren können, dann hilft uns auch die Einstellung von «.ch» nicht. «News» hat sein Schicksal selber in der Hand.

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