Sie tragen keine Krawatte.

Stefan Borgas: Lonza ist kein Pharmaunternehmen, sondern ein Produktionsbetrieb, und da trägt man keine Krawatte.

Aber Sie sind eng mit Pharma verknüpft, da kommen die meisten Aufträge her.

Borgas: Ja, Pharma macht etwa 65% unseres Umsatzes aus.

Ihr Gewinn ist eingebrochen. Warum?

Borgas: Nebst der weltweiten Rezession haben wir mit einer Innovationsschwäche der Life-Science-Industrie zu kämpfen, aber auch mit einer strukturellen Verschiebung nach Asien.

Woher kommt diese Innovationsschwäche im Gesundheitsbereich?

Borgas: In den vergangenen zehn Jahren gab es weniger neue wirksame Produkte, die auf den Markt kamen, als in den zehn Jahren zuvor. Die Forschungseinrichtungen werden immer grösser, bürokratischer und unflexibler. Und, wichtiger noch: Wir sind so risikoscheu geworden, dass wir am liebsten gar nichts Neues mehr auf den Markt bringen.

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Was heisst «wir»?

Borgas: Die westlichen Gesellschaften. Nordamerika ist mehr und mehr juristisch getrieben, Europa technophobisch. Wir trauen uns nicht mehr, neue Dinge auszuprobieren, bei denen - weil sie neu sind - ein gewisses Risiko besteht.

Lässt sich das belegen?

Borgas: Zum Beispiel die Medikamente, die in den 90er-Jahren zugelassen wurden: Nach den heutigen Regeln würde es davon weit weniger als die Hälfte schaffen.

Sie erklären die schwierige Lage von Lonza mit aufgeschobenen Aufträgen. Gibt es auch hausgemachte Fehler?

Borgas: Es gibt immer auch Hausgemachtes. Aber Auslöser sind die verschobenen Aufträge aufgrund von Resultaten klinischer Studien sowie die Rezession. Wenn weltweit die Nachfrage zurückgeht, leiden auch wir darunter - stärker, als wir gedacht haben. Vielleicht haben wir das unterschätzt, das müssen wir uns vorwerfen.

Was genau werfen Sie sich vor?

Borgas: Vielleicht waren wir noch vor einem Jahr zu wenig auf Absicherung bedacht. Wir hätten das Risiko besser im Auge behalten müssen. Fünf grosse Produkte sorgen im Bereich Biopharmazeutika für 50% des Umsatzes, das ist ein echtes Klumpenrisiko. Das hätten wir früher und deutlicher kommunizieren müssen.

Und warum haben Sie die Probleme erst im letzten Oktober kommuniziert?

Borgas: Wir konnten gar nicht früher, denn innerhalb von zehn Tagen erfuhren wir von den Verzögerungen bei vier grossen Produkten, was uns im 4. Quartal 2009 mehr als 60 Mio Fr. Ergebnis gekostet hat.

Warum kam es zu den Verzögerungen?

Borgas: In drei Fällen waren es die klinischen Tests unserer Kunden, im vierten lag es am Abbau von Lagerbeständen.

Können Sie sich nicht besser absichern?

Borgas: Die Verträge für Produkte, die auf dem Markt sind, enthalten Mindestmengen, die der Kunde pro Jahr und auch über die gesamte Laufzeit des Vertrages beziehen muss. Wenn ein Produkt noch nicht auf dem Markt ist, tragen wir das Risiko eines Misserfolgs teilweise mit.

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Lonza leidet auch unter dem Preisdruck der Pharma. Wie gravierend ist das?

Borgas: Das ist sehr wesentlich. In der Pharma verschiebt sich das Wertegefüge bei der Beurteilung der Produktionskette. Ursprünglich ging es ausschliesslich um Qualität und Liefersicherheit. Heute geht es immer mehr auch um die Kosten. Diese Verschiebung wird jetzt durch die Rezession und die Innovationsschwäche noch beschleunigt.

Dieser Wandel hinterlässt aber auch strukturelle Spuren. In den USA schliessen Sie Produktionsstandorte, in China bauen Sie neue auf. Ist das der Trend der Globalisierung, wonach sich der Nabel der Wirtschaft von Westen nach Osten verschiebt?

Borgas: Wir verschieben die Produktion vor allem wegen der Märkte nach Asien, und nicht primär aus Kostengründen. Der Kostenvorteil in Asien ist bald einmal weg, spätestens in zehn Jahren.

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Aber der wichtigste Markt sind immer noch die USA. Was spricht denn gegen die USA?

Borgas: Nordamerika ist je länger, je weniger attraktiv, wenn es um neue Produktionsanlagen geht. Das Risiko wächst mit der Verschärfung des Rechtssystems. Und mit der neuen Administration spielen bei den Entscheidungen politische Kriterien eine immer wichtigere Rolle.

Und wie sieht es am Standort Schweiz aus, in Visp, wo 3000 Leute arbeiten?

Borgas: Da spielt der einheimische Markt keine grosse Rolle - wir produzieren zu 97% für den Export. Visp ist jedoch ein starker Verbundstandort, der als solcher nicht gefährdet ist. Aber einzelne Teile davon sind unter mehr oder weniger grossem Wettbewerbsdruck.

Welche Teile sind das?

Borgas: Es sind diejenigen, bei denen die Integration in die gesamte Produktionskette gering ist. Sie stehen unter Angriff aus Asien, weil man die Produkte leicht imitieren kann. Zudem sind die Investitionen hoch und die Abläufe arbeitsintensiv. Diese Teile schauen wir uns jetzt an.

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Sie haben angekündigt, 450 bis 500 Stellen zu streichen. Wie viele in der Schweiz?

Borgas: Wir benötigen noch etwa sechs Wochen, um das zu definieren. Was man sagen kann: Der Stellenabbau soll ab nächstem Jahr 60 bis 80 Mio Fr. Einsparungen an Fixkosten bringen. Daran soll die Schweiz ungefähr 40% beisteuern.

Also etwa 250 Stellen in der Schweiz?

Borgas: Wir werden Mitte März die genaue Anzahl der betroffenen Stellen kommunizieren können.

Wie gross ist die natürliche Fluktuation?

Borgas: Bei den rund 3150 Mitarbeitern in der Schweiz bei ungefähr 5%.

Das wären 150 Stellen, also müssten rund 100 Kündigungen ausgesprochen werden.

Borgas: Auch dazu können wir vor Mitte März nichts sagen.

Schrauben Sie auch am Portfolio? Ist Lonza nicht immer noch zu breit aufgestellt? Die Produktepalette reicht von Schneckenkörnern über Sonnenschutz- und Desinfektionsmittel, Werkstoffe und Vitamine bis hin zu Wirkstoffen für Medikamente.

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Borgas: Wir verfolgen nicht eine Produkt-Logik, sondern eine Technologie-Logik. Wir konzentrieren uns auf Spitzentechnologien, auf Dinge, die nicht jeder kann. Wir stellen zum Beispiel weder Zitronensäure noch Antibiotika her, sondern Antikörper und Proteine. Seit 2005 haben wir viele Aktivitäten, die nicht dazu passten, verkauft - insgesamt 40% der alten Lonza.

Planen Sie weitere Verkäufe, vielleicht von Bereichen, die zu wenig rentabel sind?

Borgas: Wir arbeiten immer an unserem Portfolio, und es gibt einzelne Geschäfte, deren Verkauf wir uns in zwei bis drei Jahren vorstellen könnten. Nicht wegen zu geringer Profitabilität, sondern weil sie nicht zum Rest passen, sich nicht gut integrieren lassen.

Woran denken Sie?

Borgas: Ich will lieber nicht darüber reden, sonst entsteht dort Nervosität.

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Würden sich Käufer finden?

Borgas: Ja, für eines der Geschäfte haben wir dauernd Anfragen. Es ist ein attraktives, gutes Geschäft. Es ist nicht ganz losgelöst vom Rest der Lonza, aber rela- tiv wenig integriert in die andern Aktivitäten.

Wie wichtig ist die Integration der einzelnen Geschäfte?

Borgas: Wir erzielen etwa 15% des Ergebnisses mit Synergien. Immer wenn ein Geschäft nicht zu den andern passt und nicht integriert ist, müssen wir uns fragen, ob es bei Lonza am richtigen Ort ist.

Sie haben in den letzten Jahren auch zugekauft und wollen dies weiterhin tun. Was interessiert Sie?

Borgas: Technologische Nischen, die wir andocken können an das, was wir schon haben. Das bedeutet viel Aufwand, deshalb können wir in einem Jahr nicht mehr als zwei bis drei verkraften.

Im laufenden Jahr wollen Sie 400 Mio Fr. investieren. Auch für Zukäufe?

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Borgas: Es ist gut möglich, dass wir etwas kaufen. Das ist schwer planbar und hängt davon ab, wie die Projekte laufen. Aber das Geld wäre vorhanden.

Wie viel?

Borgas: Wir reden von Transaktionen im Wert von bis zu 100 Mio Fr.

Dennoch haben Sie für das laufende Jahr nur ein Ergebnis im Rahmen des letzten Jahres angekündigt - was die Investoren enttäuschte und zu weiteren Kursverlusten an der Börse führte.

Borgas: Die Börse können wir nur durch Leistung überzeugen, und das dauert jetzt eben sechs bis zwölf Monate, bis die Börse sieht, dass wir das Wachstumspotenzial auch tatsächlich abliefern.

Wie gross ist dieses Potenzial?

Borgas: Beim operativen Gewinn sind das in den nächsten drei Jahren 170 bis 260 Mio Fr., die wir zulegen können.

Wie hat das neue Jahr angefangen?

Borgas: Das 1. Quartal sieht gut aus. Wir wissen nicht, ob das so weitergeht. Aber wenn, dann sieht es besser aus als 2009.

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