Sie sind studierter Mathematiker. Sind Sie als Chef eher der kühle «Stratege» oder der umtriebige «Macher»?

Siegfried Gerlach: Das überrascht Sie vielleicht, aber ich bin wohl eher der Macher. Wäre ich der grosse Stratege, würde ich heute wahrscheinlich auf dem Stuhl von Konzernchef Peter Löscher sitzen ?

? ist das ein Fernziel von Ihnen?

Gerlach (lacht): Nein, nein, in meinem Alter hat man solche Träume nicht mehr! Im Ernst: Ich bin ganz glücklich mit meinem Job in der Schweiz.

Wie eigenständig können Sie Siemens Schweiz führen? Sind Sie eher Statthalter oder Unternehmer?

Gerlach: Als Siemens kennen wir eine klassische Matrix-Organisation. Bei grossen Angeboten, bei denen wir mitbieten - wie zum Beispiel dem Angebot für die Doppelstockzüge - gibt es klare Prozesse im Konzern. Der Weltunternehmer entscheidet, in welche Richtung es geht. Als Länderchef habe ich aber ein Mitentscheidungsrecht. Bei kleineren Aufträgen bin ich aber mein eigener Herr und treffe die Management-Entscheidungen selbst. Das funktioniert in der Praxis gut.

Der jüngste SBB-Grossauftrag ging an Ihren Konkurrenten Bombardier. Wann haben Sie erfahren, dass Sie leer ausgehen?

Gerlach: Am Tag, als die SBB kommuniziert hatten. Es ist immer ein Risiko, bei der Abgabe eines Preises für einen solch hohen Betrag richtig zu liegen. Ich war optimistisch bezüglich unseres Angebots und ich war sehr enttäuscht, als der negative Entscheid kam. Aber ich bin nicht vom Stuhl gefallen, als ich erfahren habe, dass wir nicht zum Zug kommen. Jetzt schauen wir wieder nach vorne.

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Mit Stadler Rail war auch ein lokaler Anbieter im Rennen. Ist Heimatschutz hier fehl am Platz oder sollten solche Grossaufträge doch in erster Linie an inländische Firmen gehen?

Gerlach: Ich denke, einen gewissen Aufschrei hätte es in jedem anderen Land auch gegeben. Was mich aber stört an der Diskussion ist, dass Siemens nicht als schweizerischer Anbieter gesehen wird. 85% unserer Mitarbeiter in der Schweiz sind Schweizer. Wir sind mit 6400 Mitarbeitern der grösste industrielle Arbeitgeber der Schweiz - und trotzdem werden wir nicht als Schweizer Anbieter wahrgenommen. Das ärgert mich.

Schwingt da ein Stück Selbstkritik mit, dass man diesen Aspekt zu wenig kommunizieren konnte?

Gerlach: Es ist schwer, weil wir an der Börse in Deutschland kotiert sind. Wenn die ABB einen Auftrag gewinnt, steht das überall. Wenn Siemens etwas gewinnt, steht es vielleicht in der «Süddeutschen Zeitung». Diesen Nachteil können wir nie wettmachen.

Stellt sich Siemens nach dem entgangenen SBB-Auftrag nun die generelle Frage: Wie weiter im Bahnmarkt Schweiz?

Gerlach: Dass wir den SBB-Auftrag nicht bekamen, war sicher eine bittere Pille. Wir müssen uns künftig genau überlegen, wie wir bei solchen Grossaufträgen vorgehen werden. Sie müssen sich einmal vorstellen: In Spitzenzeiten arbeiteten 120 Mitarbeiter an der SBB-Offerte, da geht es um Kosten in signifikanter Millionenhöhe. Aber für Siemens arbeiten in Wallisellen 750 Leute fast ausschliesslich und sehr erfolgreich für die Bahnsicherung. Daran wird sicher nicht gerüttelt.

Sie sind ja auch Zulieferer von Bombardier. Gibt es noch Zusatzaufträge?

Gerlach: Für den Bereich der Zugsicherung werden wir sicher unsere Leistungen anbieten. Da denke ich, haben wir auch gute Chancen. Zweistellige Millionenaufträge liegen da noch drin.

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Mit dem internationalen Hauptsitz von Building Technologies, der Gebäudetechniksparte von Siemens in Zug, sind Sie sehr dezentral organisiert. Wie managen Sie das?

Gerlach: Von Zürich aus wird das gesamte Geschäft aller Siemens-Divisionen in der ganzen Breite koordiniert. Auch jene Leute, welche die Gebäudetechnik für die Schweiz betreuen, sind bei der Regionalgesellschaft angesiedelt und damit unter meiner Ägide. Das läuft ganz gut so. Es gibt nicht dieses tagtägliche Miteinander zwischen Zug und Zürich. Ich bin im Schnitt vielleicht ein, zwei Mal pro Monat in Zug.

Wie oft findet der Austausch mit Deutschland statt?

Gerlach: Wir sehen uns regelmässig, vielleicht einmal pro Monat. Auch virtuell, mit Video Streaming, finden Sitzungen statt.

Sie sind Deutscher. Gibt es bei den vielen Schweizer Mitarbeitern von Siemens Schweiz auch wirklich eine schweizerische Unternehmenskultur?

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Gerlach: Ich glaube, die Deutschen bei uns werden rasch sozialisiert (lacht). In der Schweiz wird wirklich anders miteinander umgegangen - angenehmer, wie ich finde. Ich denke, Siemens Schweiz ist sehr schweizerisch. Und es ist auch schon vorgekommen, dass ich einem deutschen Mitarbeiter sagen musste: So trittst du dann aber beim Kunden nicht auf!

Blicken wir auf den aktuellen Geschäftsgang. Wie zufrieden sind Sie mit dem laufenden Jahr?

Gerlach: Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht und die Weichen richtig gestellt. Dadurch sind wir besser durch die Krise gekommen als andere. Unser Halbjahresergebnis kann sich sehen lassen. Ich blicke sehr optimistisch auf den Jahresabschluss.

Was waren die wichtigen Hausaufgaben?

Gerlach: Wir haben rechtzeitig gemerkt, dass wir unsere Kostenposition in Ordnung bringen müssen. Daneben haben wir versucht, uns die Welt von morgen vorzustellen. Unser strategischer Ansatz ist das Projekt «Picture of the future», wo wir Zukunftsszenarien entwickeln und die Megatrends wie Urbanisierung und demographischer Wandel identifiziert haben. Auch das Thema Ökologie sind wir konsequent angegangen. Mittlerweile erzielen wir fast einen Viertel unseres Umsatzes mit Produkten und Systemen aus unserem Umweltportfolio.

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Wie sieht es in den klassischen Bereichen aus?

Gerlach: Es sieht sehr gut aus, wir sind mit allen Geschäftsfeldern zufrieden. Die heutige Siemens Schweiz AG ist eine völlig andere als noch im Jahr 2000: Damals haben wir noch mehr als 50% unseres Umsatzes im Telekomgeschäft erzielt. 2008 fast nichts mehr. Die anderen Geschäftsfelder wie die Gebäude- und Energietechnik, der Gesundheitsbereich oder die Bahnverkehrstechnik wurden in der Zwischenzeit so weit entwickelt, dass die Rückgänge im Telekombereich vollständig aufgefangen wurden.

Siemens hat für sich die Megaprojekte Urbanisierung und demographischer Wandel ausgemacht. Wo liegen da die Chancen?

Gerlach: Das Spektrum an Wachstumsmärkten ist riesig, von der Energieversorgung bis hin zur Mobilität. Dazu gehört zum Beispiel die Lenkung von Verkehrsströmen, aber auch der Bau von Flughäfen. Bei der Urbanisierung sind auch Themen des öffentlichen Verkehrs wichtig. Hier reden wir von Hybridbussen über Strassenbahnen bis hin zu neuen Hochgeschwindigkeitszügen. Aber auch Elektroautos werden eine grosse Rolle spielen in den Ballungsräumen.

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Wirklich?

Gerlach: Davon sind wir überzeugt. Die meisten Fahrten in Ballungszentren sind kürzer als 60 km. Das ist mit Elektroautos problemlos machbar. Auch die Preise werden mit der stärkeren Verbreitung sehr rasch nach unten kommen. Und bezüglich Geschwindigkeit können Elektroautos absolut mithalten. Wir werden aber keine Autos bauen, sondern konzentrieren uns auf effiziente Elektroantriebe und die Integration der Elektrofahrzeuge ins Stromnetz. Und zum Stichwort demographischer Wandel kann ich nur sagen: Es wird im Jahre 2050 massiv mehr Menschen geben, die versorgt werden müssen. Wasserversorgung wird neben der Energiefrage ein grosses Thema sein.

Sie haben in Deutschland, in den USA und in der Schweiz gearbeitet. Wo gibts Gemeinsamkeiten, wo kennen Sie Unterschiede?

Gerlach: In der Schweiz sind die Menschen deutlich leistungsbereiter als etwa in Deutschland. Wenn hier ein Problem war, waren die Leute willens, dieses Problem zu lösen - egal, ob dies auf die Abende fiel oder auf ein Wochenende. In Deutschland müssen Sie erst einmal versuchen, an einem Sonntag in Ihr Büro reinzukommen. Das geht nicht - es ist einfach zu. Die Rahmenbedingungen in der Schweiz sind meines Erachtens deutlich besser. In den USA ist die Leistungsbereitschaft unterschiedlich. Hin und wieder würde ich mir in der Schweiz zuweilen etwas mehr Biss wünschen - man ist manchmal etwas gar nett miteinander. Aber wenn ich wählen müsste, würde ich immer das Schweizer System bevorzugen.

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