Im vergangenen Januar sagten Sie der «Handelszeitung»: «Eine Rezession hätte mittelfristig Folgen für uns.» Nun ist die Rezession da. Was jetzt?

Ton Büchner: Natürlich beginnen auch wir, den Abschwung zu spüren.

Wo?

Büchner: In den vergleichsweise konsumentennahen Bereichen Automobil, Luftfahrt sowie Papier und Zellstoff. Auch im Projektgeschäft registrieren wir erste Signale eines veränderten Marktumfeldes.

Nach neun Monaten konnten Sie Mitte Oktober noch einen soliden Auftragseingang vorweisen. Wie hat das 4. Quartal begonnen?

Büchner: Wir machen keine Quartalsprognosen, können aber jetzt schon sagen, dass 2008 ein gutes Jahr wird.

Wie lange beschäftigt der Auftragsbestand Sulzer?

Büchner: Unsere Projekte laufen zwischen 4 Wochen und 14 Monaten, wir haben also nach wie vor gut zu tun. Wir starten mit einem hohen Auftragsbestand ins 2009.

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Der Auftragseingang der Kundensegmente Upstream-Öl und -Gas sowie Energieerzeugung hatten nach neun Monaten besonders stark zugelegt. Wie lange wird dieser Trend noch anhalten?

Büchner: Die Bereiche Öl, Gas und Energie sind in den vergangenen Monaten stark geblieben. Das Öl- und Gasgeschäft ist zum Teil abhängig vom Ölpreis. Zwischen dem Zeitpunkt, an dem ein Kunde Öl findet und an dem er Öl fördert, liegen ungefähr drei bis fünf Jahre. Viele dieser Projekte befinden sich 2008 in der Halbzeit, deshalb haben wir viele Bestellungen erhalten und werden ein starkes Jahr in diesen Segmenten haben.

Wie entwickelt sich die Offerten-P ipeline ?

Büchner: Das Interesse ist nach wie vor hoch. Allerdings verhalten sich nicht mehr alle Kundengruppen gleich.

Was meinen Sie damit?

Büchner: Die internationalen Ölfirmen benötigen im Durchschnitt einen Ölpreis pro Barrel von 45 bis 65 Dollar, damit sich ihre Investitionen in Förderkapazitäten lohnen. Sie prüfen derzeit ihre Investitionspläne, aber auf langfristiger Basis. Sie versuchen momentan, die Ölpreisentwicklung für die kommenden fünf Jahre abzuschätzen. Das kann dazu führen, dass sie Projektentscheide verschieben. Die nationalen Ölfirmen, primär aus dem Nahen Osten, arbeiten mit einem Ölpreis von 10 bis 20 Dollar. Hier beobachten wir bisher keinerlei Veränderungen beim Investitionsverhalten. Eine weitere Gruppe, die Ölsandförderer in Kanada etwa, benötigt 75 Dollar und hat wegen des stark gesunkenen Ölpreises bereits Projekte auf Eis gelegt.

Hat Sulzer gegenüber dieser Ölsand-Kundengruppe ein höheres Exposure?

Büchner: Nein.

Bauen wird mangels Nachfrage immer billiger. Warten Firmen auch deshalb zu?

Büchner: Es stimmt tatsächlich, dass gewisse Kundengruppen darauf spekulieren und deshalb Projekte in ihrer Pipeline temporär zurückhalten.

Russland leidet unter der Finanzkrise. Wie verhalten sich die dortigen Ölfirmen?

Büchner: Derzeit wird in Russland die Entwicklung von Ostsibirien vorangetrieben, eine entsprechende Pipeline ist im Bau. Sulzer hat dafür die Pumpen geliefert. Wenn der Pipeline-Bau abgeschlossen ist, werden die Ölförderanlagen in grösserem Umfang als heute in Betrieb genommen.

Wie geht es den Unternehmen?

Büchner: Wie überall auf der Welt prüfen auch russische Ölfirmen ihre Investitionspläne. Sie halten an ihren Plänen fest, wenn auch auf einem tieferen Niveau als in den vergangenen Jahren.

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Wenn Kunden weltweit zögerlicher investieren, wird das auch für Sie ein Thema.

Büchner: Ja, das ist richtig.

Können Sie das auf Stufe Bestellungseingang und Umsatz quantifizieren?

Büchner: In den vergangenen Jahren haben wir eine grosse Zahl von Grossprojekten gesehen. Wir erwarten, dass es 2009 deutlich weniger Grossprojekte geben wird. Genauere Angaben machen wir nicht.

Wie hoch ist das Risiko, dass Kunden bestehende Grossprojekte stornieren?

Büchner: Wir haben unseren Auftragsbestand analysiert und glauben, dass das Risiko relativ gering ist.

Warum?

Büchner: Wenn Kunden bei uns bestellen, ist ihr Projekt oft so weit gediehen, dass ein Abbruch keinen Sinn mehr macht.

Sind Kunden aufgrund der Kreditklemme in Finanzierungsprobleme geraten?

Büchner: Wir haben nach Analyse unseres Kundenportfolios aus keiner Division Alarmsignale für laufende Projekte erhalten.

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Wie verlässlich sind die Banken, die hinter diesen Projekten stehen?

Büchner: Auch hier sehen wir noch keine Anzeichen für grössere Probleme.

Wie ist die Zahlungsmoral Ihrer Kunden?

Büchner: Wir haben diesen Punkt bei unserem Rundum-Check ebenfalls geprüft, doch noch ist alles im grünen Bereich.

Sie verwenden häufig die Worte «bisher» und «noch». Rechnen Sie mit einer negativen Entwicklung?

Büchner: Unsere Kunden sagen wenig über das kommende Jahr, sondern warten ab. Darum ist es auch für uns schwierig, eine Prognose für 2009 abzugeben. Was wir sagen können, ist, dass wir uns auf mehrere denkbare Szenarien vorbereitet haben.

Was würde eine Abkühlung im Öl- und Gasgeschäft bedeuten?

Büchner: Eine spürbare Verlangsamung würde sich zum grössten Teil auf das Pumpengeschäft auswirken. Es bestehen bereits Pläne, wie man auf der Produktionsseite darauf reagiert.

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Müsste Sulzer Stellen abbauen oder gar Werke schliessen?

Büchner: In den guten Jahren haben wir unsere Flexibilität erhöht, also in nicht-permanente Kapazitäten investiert. Zudem haben wir unsere operative Effizienz konstant erhöht: So haben wir 2003 und 2004 vier bis fünf Fabriken von Sulzer Pumps geschlossen, obwohl einige Stimmen damals mehr Wachstum und höhere Margen gefordert haben. Mit derselben Kapazität bearbeiten wir heute einen fast doppelt so hohen Auftragseingang. Wir haben uns damit gut vorbereitet und können vergleichsweise schnell und flexibel reagieren im Falle eines Abschwungs.

Ein wichtiger, weil nicht zyklischer Umsatz- und Margentreiber im Öl- und Gasgeschäft ist das Servicegeschäft. Wie hoch ist sein Anteil heute?

Büchner: Beim Pumpengeschäft macht der Umsatzanteil mittlerweile rund 40% aus, bei Sulzer Turbo Services 100%. Auf Stufe Ebit machen wir keine Aussagen, aber Sie können davon ausgehen, dass das Servicegeschäft profitabler ist als das Neuanlagengeschäft.

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Sulzer hat mit Saudi Aramco, einem wichtigen Umsatzträger für Sulzer, eine strategische Liefervereinbarung über zehn Jahre vereinbart. Spielt Ihnen das nun zusätzlich in die Hände?

Büchner: Die Vereinbarung ist keine Bestellgarantie, aber die Chancen für regelmässige Aufträge sind sicher gestiegen.

Aus Sicht der rohstoffverarbeitenden Industrie positiv entwickelt haben sich die Rohmaterialpreise, sie sind spürbar gesunken. Wird das einen positiven Effekt auf Ihre Margen haben?

Büchner: Wir vereinbaren die Preise für die Rohmaterialpreise bei Vertragsabschluss, auch wenn wir unser Produkt erst ein Jahr später ausliefern. Allerdings bestellen wir unsere Rohmaterialien kurze Zeit nach Vertragsunterzeichnung, sodass Preisschwankungen eigentlich kaum ins Gewicht fallen.

Wie entwickelt sich das grösste Kundensegment von Sulzer, das Geschäft mit der kohlewasserstoffverarbeitenden Industrie?

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Büchner: Die Aktivitäten im Downstream-Geschäft ? also die kohlenwasserstoffverarbeitende Industrie ? zeigen erste Schwächeanzeichen. Allerdings muss dies in Relation zum hervorragenden Vorjahr gesehen werden.

Wie lange hält dieser Trend an?

Büchner: Ein Zyklus im Downstream-Geschäft dauert zwischen fünf und sieben Jahren. Wir erwarten für 2009 und 2010 eine Atempause, an dieser Prognose halten wir fest.

Was läuft bei Sulzer in Sachen Zukäufe?

Büchner: Unsere Pipeline ist noch immer voll mit mittelgrossen und kleinen Zukäufen. Grosse Transaktionen im Milliarden-Bereich wären zwar von unserer gesunden Bilanz her tragbar, doch die Banken können im heutigen Umfeld keine attraktiven Finanzierungskonditionen anbieten.

Haben Sie noch immer Interesse am britischen Komponentenbauer Bodycote?

Büchner: Bodycote gehört aus unserer Sicht zur Kategorie «grosse Akquisition»

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und ist derzeit kein Thema.

Woran haben Sie Interesse?

Büchner: Wir führen derzeit Übernahmegespräche in allen Regionen ausser Asien. Obwohl wir durchaus interessiert wären, haben wir dort im Moment kaum Firmen in unserer Pipeline.