Die Konjunktur hat sich 2010 auch in der Flurfördergeräte-Branche schneller erholt als anfänglich erwartet. Wie meisterte die Jungheinrich AG das vergangene Geschäftsjahr?

Helmut Limberg: Wir dürfen feststellen, dass wir sehr gut durch die Krise gekommen sind. Wir konnten uns in einer Zeit, in der sich die Rahmenbedingungen sehr schnell änderten, dank unserer flexiblen und transparenten Organisation rasch auf neue Situationen einstellen und die richtigen Massnahmen treffen. Nicht zuletzt ist uns das auch dank unseres breiten Produkteprogramms gelungen.

Wie verteilt sich der Umsatz der Jungheinrich derzeit auf die drei Geschäftsfelder?

Limberg: Rund 50 Prozent entfallen auf die Lagertechnik. Je 25 Prozent machen die Bereiche Logistiksysteme und Gegengewichts-Stapler aus.

Nicht wenige Unternehmen hatten in der Krise damit zu kämpfen, dass es deutlich schwieriger wurde, das notwendige Kapital von den Banken zu beschaffen.

Limberg: In dieser Beziehung befinden wir uns dank unserer äusserst soliden Unternehmensfinanzierung und unseres ausgezeichneten Rufes in der Branche in einer guten Situation. Wir erhielten jederzeit die notwendigen Kreditlinien von den Banken. Dies dürfte sich auch in Zukunft kaum ändern.

Demzufolge musste Jungheinrich beispielsweise bei den Aufwendungen für Forschung und Entwicklung oder bei den Investitionen keine wesentlichen Abstriche machen.

Limberg: Wir haben unsere Unternehmensstrategie in den wichtigen Geschäftsfeldern nicht geändert, sie aber anpassen müssen. Bei gewissen Investitionen - wie zum Beispiel in neue Gebäude für Vertriebsgesellschaften - haben wir im Einzelfall den Baubeginn zurückgesetzt. In Sachen Aufwendungen für Forschung und Entwicklung allerdings haben wir keine Abstriche vorgenommen.

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Wie wird sich die Konjunktur in diesem Jahr entwickeln?

Limberg: Wir erwarteten ursprünglich für 2010 eine leichte Verbesserung der wirtschaftlichen Situation. Eingetroffen ist allerdings eine wesentlich bessere konjunkturelle Entwicklung. Wir hoffen nun, dass der Schwung 2011 weiter anhalten wird. Vor allem im Bereich Logistiksysteme, der später in die Krise geriet und sich jetzt wieder erholt, erwarten wir eine stabile Entwicklung. In zahlreichen Branchen, wie beispielsweise in der Automobilindustrie, ist eine anziehende Nachfrage nach modernen Logistikanlagen festzustellen. Ein Unsicherheitsfaktor ist allerdings die Schuldenkrise. Die Nachfrage in Ländern, die mit Finanzproblemen zu kämpfen haben, wird sich wohl eher langsam erholen.

Jungheinrich unterhält fünf Produktionsanlagen in Deutschland, eine in der Tschechischen Republik und zwei in China. Sind in Zukunft weitere Standorte geplant?

Limberg: Wir produzieren in denjenigen Märkten, die vom Volumen her auch eine Produktion rechtfertigen. Aufgrund der steigenden Nachfrage werden wir in China unsere Kapazitäten weiter ausbauen. In den USA haben wir uns anstelle einer eigenen Präsenz für eine Kooperation mit Mitsubishi/Caterpillar entschieden. Es ist nicht auszuschliessen, dass wir in naher Zukunft auch über eine eigene Vertriebspräsenz in Indien nachdenken müssen. Aber auch in Südamerika, wo wir in Brasilien bereits mit einer Jungheinrich-Gesellschaft im Direktvertrieb am Markt sind, bestehen für uns noch ganz erhebliche Wachstumschancen.

Besteht mit der lokalen Fertigung in China nicht die Gefahr, wertvolles Know-how preisgeben zu müssen?

Limberg: Im Vordergrund stehen die Fragen, was erwartet der Kunde und welche Produkte müssen wir ihm für seine Bedürfnisse anbieten. In China besteht heute eine starke Nachfrage nach moderner, bewährter Technik in den Produkten. Gefragt sind in China Flurfördergeräte, die den lokalen Bedürfnissen entsprechen. Unsere Devise lautet «Regionales Premium», das heisst, wir fertigen für den örtlichen Markt angepasste, technisch anspruchsvolle Geräte und bieten diese zu marktfähigen Preisen an.

Weltweit besteht eine hohe Nachfrage nach Staplern mit Verbrennungsmotor, einem Bereich, in welchem Jungheinrich nicht so stark vertreten ist wie bei den Geräten mit Elektroantrieb. Muss man sich stärker im Bereich Stapler mit Verbrennungsmotor engagieren?

Limberg: Diese Entscheidung haben wir schon seit Längerem getroffen. Wir treten als Vollsortimenter auf und können deshalb auch Flurfördergeräte mit Verbrennungsmotor anbieten. Was wir nicht produzieren, sind Geräte mit einem Gesamtgewicht von über 9 Tonnen. Wir sind zudem einer der wenigen Hersteller, die sowohl den Hydrostaten wie den Wandler anbieten können.

Zeichnen sich am Horizont alternative Antriebssysteme für Flurfördergeräte ab? Und wenn ja, welche?

Limberg: Wir arbeiten heute in der Forschung und Entwicklung mit allen möglichen Varianten alternativer Antriebe. Welche Technik sich hier in Zukunft durchsetzen wird, ist allerdings noch offen. Wir gehen derzeit von einer höheren Akzeptanz von Geräten mit Elektroantrieb und verbesserten Energiespeichern aus. Hier bestehen - Stichwort Lithium-Ionen-Batterien - momentan wohl die besten Entwicklungschancen.

Das Problem liegt wohl darin, dass alternative Antriebe schlicht noch zu teuer sind.

Limberg: Genau das ist das Problem. Erst wenn es möglich ist, solche Antriebe zu Preisen anzubieten, die der Kunde zu bezahlen bereit ist, und die entsprechenden Fahrzeuge dem Kunden auch einen Mehrwert bieten, werden sich alternative Antriebe durchsetzen.

Wie gestaltet sich die Nachfrage nach Logistiksystemen in naher Zukunft?

Limberg: Wir gehen von einer stärkeren Nachfrage in Osteuropa aus. Dort bestehen noch erhebliche Wachstumschancen, denn in diesen Ländern ist grosses Optimierungspotenzial in der Organisation rationeller Warenströme festzustellen.

Jungheinrich ist seit vergangenem Jahr am Softwareunternehmen ISA in Graz beteiligt. Welche Ziele verfolgt man hiermit?

Limberg: Dieses Unternehmen gehört zu den führenden Softwarehäusern für die Lager- und Materialflusstechnik. Wir wollen mit der Firma ISA unsere strategische Position im zukunftsträchtigen und wachstumsstarken Geschäftsfeld Logistiksysteme weiter ausbauen und verstärken.

Eine Frage zum Euro-Kurs: Wie stark spürt Jungheinrich dessen Rückgang?

Limberg: Den Wechselkurs können wir leider nicht beeinflussen, wir erreichen höchstens durch ein Natural Hedging von Produkten und Dienstleistungen ausserhalb des Euro-Raumes einen gewissen Ausgleich der Kursschwankungen. Zurzeit ist dies jedoch für uns kein Problem.

Welche Highlights kann der Besucher an der CeMat von Jungheinrich erwarten?

Limberg: Das wird ein bunter Strauss an neuen Entwicklungen sein, davon können Sie ausgehen. Auf der kommenden CeMAT werden wir aufzeigen, was aus den Konzeptstudien der vergangenen Jahre geworden ist. Zu den Schwerpunkten gehören sicher neben dem Jungheinrich WMS auch die Lagernavigation im Breitgang und das neuentwickelte Staplerleitsystem. Mit Letzterem können durch intelligente Steuerung Leerfahrten von Flurfördergeräten auf ein absolutes Minimum reduziert werden. Wir wollen in Zukunft unseren Schwerpunkt noch stärker als bisher auf die intelligente Steuerung aller logistischen Abläufe im Lager legen. In diesem Sektor verfügen wir über ein umfassendes Know-how, das wir im Sinne einer nachhaltigen Effizienzsteigerung im Intralogistik-Prozess zum Vorteil des Kunden einsetzen wollen.