Grossinvestor Adriano Agosti hat vor einem Jahr Forderungen an Sie gestellt. Haben Sie diese erfüllt?

Philipp Buhofer: Zunächst ist festzuhalten, dass der VR zuständig ist für die Strategie des Unternehmens. Forderungen werden nicht einfach erfüllt, weil sie bestehen. Es geht darum, die Interessen des gesamten Aktionariats zu wahren. Ich kann bestätigen, dass Gespräche stattgefunden haben. Dass es dabei Meinungsdifferenzen gibt, ist normal.

Adriano Agostis Intention war es, den Immobilienteil abzuspalten, separat an die Börse zu bringen oder zu verkaufen. Die Abspaltung ist jetzt im Gang.

Buhofer: Aber nicht aufgrund seiner Initiative. Wir haben bereits im März 2007 erklärt, dass wir eine Loslösung des Immobilienbereichs als einen klaren Vorteil für die Gruppe betrachten.

Bestehen noch unüberbrückbare Differenzen oder hat man sich gefunden?

Buhofer: Es ist zurzeit ruhig und ich bin überzeugt, dass wir mit unserer Strategie auf ein breites Verständnis stossen.

Mit dem Aktienkurs dürfte er kaum zufrieden sein. Sind Sie es?

Buhofer: Für den Aktienkurs ist nicht der VR zuständig, sondern der Markt. Der Börsenwert und der tatsächliche Wert unseres Unternehmens haben sich weitgehend entkoppelt. Aber da sind wir nicht allein.

Am 24. April werden die Aktionäre über die Eckpfeiler der Abspaltung abstimmen. Was erwarten Sie?

Buhofer: Die Transaktionen im Zusammenhang mit der Ablösung des Immobilienbereichs umfassen drei Schritte: Der erste ist bereits erfolgt, indem 45% der Beteiligung an der Hammer-Retex-Gruppe an die Seewarte Holding AG verkauft wurden. In einem zweiten Schritt wird die Loslösung des Immobilien- vom Industriebereich beantragt. Das kommt einer Naturaldividende gleich, indem vorgeschlagen wird, die verbliebenen 55% der Hammer Retex auszuschütten. Schliesslich unterbreitet die Ludama Holding AG ein öffentliches Kaufangebot für diese Aktien. Der Aktionär hat also die freie Wahl, an der nicht börsennotierten Hammer Retex beteiligt zu bleiben oder diese Aktien zu einem fairen Preis zu verkaufen.

Hinzu kommt die Umbenennung?

Buhofer: Richtig. Wir trennen uns vom Firmennamen IC Cham und werden künftig Cham Paper Group heissen. Damit soll bewusst unterstrichen werden, dass wir künftig als Pure Player für Spezialitätenpapier am Markt und an der Börse in Erscheinung treten wollen.

Wer steht hinter der Ludama Holding AG?

Buhofer: Sie setzt sich zusammen aus der Seewarte Holding AG, einer Tochter der Ernst Göhner Stiftung, die mit 94% beteiligt ist, und aus dem Hammer-Retex-VR-Präsidenten Fritz Jörg, der den Rest hält.

Wie werden Sie die 62 Mio Fr. einsetzen, die sie aus dem Verkauf erhalten?

Buhofer: Wir werden die Mittel zum einen darauf verwenden, die Eigenkapitalbasis der verbleibenden Cham Paper Group von heute 42% auf künftig 50 bis 60% zu erhöhen. Dieser grössere «Brustumfang» ist auch mit Blick auf die derzeitige Wirtschaftslage wünschenswert und stärkt unsere Marktstellung. Zudem gibt er uns den nötigen Spielraum, weiter in die Zukunft der Papierspezialitäten zu investieren.

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Die Papierbranche gilt als Konjunktur-Indikator. Hier sieht es nicht sehr gut aus. Das gilt auch für Ihr Geschäftsergebnis.

Buhofer: Unser Spezialitätenpapiergeschäft ist viel weniger zyklisch als viele denken. Für den Umsatzrückgang von 6% waren 2008 fast ausschliesslich die ungünstigen Währungsrelationen verantwortlich. Wir exportieren zu rund 95% in den Euro- und den Dollar-Raum.

Warum stellen Sie bei der Rechnungslegung nicht auf Euro um?

Buhofer: Das macht höchstens optisch Sinn. Wichtiger ist, dass wir noch mehr natürliches Hedging betreiben. Rund 60% der Kosten in unserem Schweizer Werk können in Euro oder Dollar bezahlt werden. Damit können die Währungsschwankungen zu einem grossen Teil aufgefangen werden. Die Personalkosten in Cham machen nur 18% der Kosten aus.

In der Papierbranche findet ein Konzentrationsprozess statt. Wollen Sie sich mit anderen zusammentun, etwa mit Ziegler Papier, um eine unterkritische Grösse zu vermeiden?

Buhofer: Wir sind in Gebieten tätig, die - wegen ihres Spezialitätencharakters - nicht im selben Ausmass der Zyklizität ausgesetzt sind wie jene der Anbieter von Commodities. Nur im Werk in Condino sind wir teilweise von der Automobilbranche abhängig, hier spüren wir Einbrüche bis zu 50%. Andererseits sind wir in Europa die Nummer eins für das «Silberpapier» in den Zigarettenschachteln. Hier ist die Nachfrage sehr stabil, im Westen sinkt es etwas, im Osten steigt es.

Sie haben ein Auge auf China geworfen. Wie beurteilen Sie die Chancen in Asien?

Buhofer: Jede dritte Zigarette wird in China geraucht. Die chinesische Regierung will jetzt rasch umweltschonender produzieren und sucht nach neuen Lösungen, die wir bieten können.

Wie muss man sich ein asiatisches Engagement Ihres Konzerns konkret vorstellen?

Buhofer: Wir haben Anfragen unserer Grosskunden wie etwa Philip Morris, British Tobacco oder Japan Tobacco, die wir heute schon in Europa beliefern. Sie signalisieren den Wunsch, dass wir sie auch in Asien beliefern. Andererseits sind wir im Gespräch mit lokalen Anbietern, die unsere Speziallösungen schon einsetzen oder vermehrt verwenden möchten. Wir müssen dafür nicht zwingend ein neues Werk bauen, sondern können von Europa aus liefern.

Aber nochmals: Selbst wenn man im Upper Segment tätig ist, stellt sich die Frage nach Kooperationen oder Allianzen, um künftig im harten konkurrierenden Umfeld bestehen zu können?

Buhofer: Wenn eine Zusammenarbeit oder eine Allianz für die Cham Paper Group einen echten und nachhaltigen Vorteil bringt, werden wir sich bietende Möglichkeiten sicherlich prüfen. Aber gleichzeitig ist es für die Führung wichtig, die Prioritäten richtig zu setzen. Wir haben vor zwei Jahren mit der Neuausrichtung und Restrukturierung begonnen, diese Fokussierung war rückblickend richtig. Wir haben uns von Altlasten gelöst, etwa mit der Reduktion von Produktionsstätten von insgesamt fünf auf jetzt drei. Vorrangig für mich ist, im eigenen Haus Ordnung zu schaffen. Dieser Prozess ist weit fortgeschritten, aber noch nicht vollständig abgeschlossen.

Was haben Sie noch vor?

Buhofer: Jetzt kommt ein neues Moment dazu: Weil wir mit unserem Projekt Speed unsere Produktivität so massiv erhöhen konnten, wäre es möglich, mit unseren drei Werken 250000 t pro Jahr zu produzieren. 2008 wurden jedoch rund 188000 t verkauft. Sollten wir als Gewinner aus der äusserst brutalen Marktbereinigung hervorgehen, können wir rund 30% mehr verkaufen, ohne in neue Kapazitäten investieren zu müssen.

Nennen Sie ein konkretes Beispiel.

Buhofer: Der Panettone aus Italien ist in ein spezielles Papier eingepackt. Ein lokaler Hersteller hat sein Werk schliessen müssen, und es wurde in ganz Italien keine Alternative gefunden. Heute beliefert Condino den Markt mit dieser Spezialität - immerhin 5000 t jährlich mit einer guten Marge. So kann man von einer Marktbereinigung profitieren. Zukäufe sind aber schon denkbar und einzelne Werke könnten in unsere Strategie passen. Da sind wir offen, wollen aber nichts überstürzen.

Werden im Rahmen der Restrukturierung auch Leute entlassen?

Buhofer: In Italien gab es im letzten Jahr einen Personalabbau; Cham sieht aus heutiger Sicht keinen Personalabbau vor. Im Rahmen der massiven Rückgänge des Auftragseingangs haben wir aber Kurzarbeit eingeführt. Es ist für uns besonders wichtig, keine Fachkräfte zu verlieren. Wir sind auf Spezialisten angewiesen, die findet man nicht einfach so schnell wieder.

Und wie lange dauern die Kurzarbeiten an?

Buhofer: Wir haben bis Ende März kurzgearbeitet, jetzt normalisiert sich die Situation zunehmend. Gegen Ende des letzten Jahres erlitten wir einen Einbruch von gegen 30%. Durch die internationale Krise wurden auch wir betroffen, alle begannen gleichzeitig ihre Lager abzubauen. Im Januar und Februar betrugen die Rückgänge noch 20 bis 30%, im März rund 15%. Die ersten Wochen im April waren erfreulich und jetzt bewegen wir uns schon wieder fast auf Vorjahreshöhe. Aber daraus eine zuverlässige Vorausschau für das ganze Jahr abzuleiten, wäre fahrlässig.

Haben Sie einen Plan in der Schublade, falls es doch noch schlimmer kommt?

Buhofer: Ja, wir sind so aufgestellt, dass wir theoretisch bis zu 30% weniger Umsatz als im Vorjahr verkraften können, ohne dabei einen Cashdrain zu erleiden. Wir profitieren dabei nicht nur von der Flexibilität unserer Mitarbeiter und der Kurzarbeit, sondern auch von den stark gesunkenen Rohstoff- und Energiepreisen. Normalisiert sich aber die Situation, sind wir heute in der Lage, über den Zyklus hinweg nachhaltig eine Ebit-Marge in der Spanne von 5 bis 12% zu erzielen.