Sie bauen für 130 Mio Fr. ein neues Gebäude mit einer frechen futuristischen Architektur. Geht es Actelion doch besser, als man in letzter Zeit immer wieder hört?

Jean-Paul Clozel: Uns geht es überhaupt nicht schlecht. Das letzte Quartal war das beste in unserer Geschichte. Der Umsatz ist um 24% gestiegen, der Gewinn um 30%. Und der Neubau ist eine Investition in die nächsten 50 Jahre.

In den letzten Wochen gab es einige Rückschläge, und die Aktie hat rund ein Drittel des Wertes verloren. Woran liegt das?

Clozel: Anfang März lagen uns die Ergebnisse einer Phase-III-Studie für die zusätzliche Anwendung von Tracleer gegen Lungenfibrose vor, die nicht den Erwartungen entsprachen.

Wie wirkt sich dieser Rückschlag auf die Zahlen des laufenden Jahres aus?

Clozel: Überhaupt nicht, wir wachsen wie geplant weiter. Natürlich, wenn die Ergebnisse positiv gewesen wären, hätte sich der Umsatz verdoppelt. Es war eine Chance, noch viel grösser zu werden. Aber wir haben in der Pipeline zehn andere Projekte mit viel Potenzial.

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Sie sprechen vom Potenzial. Was aber zählt, sind Medikamente, die zugelassen werden. In der Biotechnologie schafft es nur jede zehnte Substanz auf den Markt.

Clozel: Und selbst dann würden wir bald doppelt so viel Umsatz machen wie heute. Aber in einer späten Entwicklungsphase schafft es jede zweite Substanz. Und in dieser Phase haben wir gleich vier Produkte in der Pipeline.

Und wie geht es weiter, wenn ab 2015 das Patent von Tracleer abläuft?

Clozel: Wir entwickeln derzeit eine verbesserte Variante, die weitaus wirkungsvoller ist. Und dieses neue Produkt könnte dann sogar gegen Lungenfibrose wirken.

Probleme gibt es auch mit dem Stoffwechselmittel Zavesca, wo sich die US-Zulassung für eine neue Indikation verzögert.

Clozel: Wir suchen das Gespräch mit der Zulassungsbehörde, um herauszufinden, welche zusätzlichen Daten wir liefern müssen. Aber das Medikament ist für die betreffende Indikation - Niemann-Pick, eine schwere neurodegenerative Erkrankung - längst auf dem Markt, etwa in Europa und Australien, und es ist wirksam.

Wie wichtig ist die Zulassung in den USA?

Clozel: Für unsere Umsätze ist dies nicht sehr entscheidend. Mir tun nur die Patienten leid, die es nicht erhalten.

Welche Auswirkungen auf die Zahlen hat die Gesundheitsreform in den USA?

Clozel: Die staatlich verordneten Preissenkungen kosten uns 2 bis 3% unseres Wachstums. Aber langfristig wächst das Volumen und kompensiert die tieferen Preise.

Wie schlimm ist der tiefe Euro-Kurs?

Clozel: Einen schwachen Euro spüren wir sehr direkt, schliesslich gehen etwas weniger als 40% unserer Verkäufe in den Euro-Raum. Umgekehrt hilft uns ein erstarkter Dollar, der einen Anteil von etwas mehr als 40% am Umsatz ausmacht.

Also ist und bleibt Ihre grösste Sorge der Aktienkurs. Haben Sie schlaflose Nächte?

Clozel: Der Aktienwert beunruhigt mich tatsächlich, weil er nicht den wahren Wert des Unternehmens reflektiert. Das ist auch für viele Mitarbeiter hart, weil sie einen Teil des Gehalts in Aktien beziehen.

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Was wäre dann der wahre Wert?

Clozel: Ich kann keine Zahl nennen, das ist nicht meine Aufgabe. Was zählt, ist unser langfristiges Ziel. Aber das kann dauern, und ich will diese Ziele nicht heute nennen, weil die Leute dann erwarten, dass wir sie schon morgen erreichen. In unserer Branche dauert ein Projekt rund zehn Jahre, beurteilt werden wird jedes Quartal. Fest steht: Wir haben eine einzigartige Pipeline, und es geht vorwärts.

Schnell genug?

Clozel: Ja, in manchen Bereichen sogar schneller, als wir erwartet haben. Da sind Produkte dabei, die unseren Umsatz verdoppeln, verdreifachen oder gar vervierfachen könnten. Wir werden stärker wachsen als die meisten anderen Unternehmen. Mehr kann ich im Moment nicht sagen, aber es wird in diesem und im nächsten Jahr einige gute Neuigkeiten geben.

Nur: Die Investoren trauen Ihnen nicht.

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Clozel: Wir hatten schon oft ein Auf und Ab, damit muss man leben. Wir wollen nicht zu viel versprechen und hohe Erwartungen wecken. Ich ziehe es vor, weniger zu versprechen, als ich einhalten kann. Das geht vielleicht kurzfristig auf Kosten des Aktienwerts, aber auf lange Sicht wird es sich auszahlen. Jetzt ist übrigens ein guter Moment zu kaufen. Wenn ich die Möglichkeit hätte, würde ich jetzt kaufen.

Man spürt, dass Sie Ihre Firma über alles lieben. Sind Sie eigentlich mit der Firma verheiratet, zumal Sie sie ja zusammen mit Ihrer Frau aufgebaut haben?

Clozel: Nicht nur mit meiner Frau. Es waren noch drei andere Kollegen dabei. Meine Frau und ich sind ursprünglich beide Wissenschaftler. Wir kannten uns seit dem Studium und arbeiteten zusammen. Und sie entdeckte dann Tracleer.

Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit?

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Clozel: Wir haben den besten Job der Welt: Wir entwickeln neue Medikamente für kranke Menschen. Eine kleine Tablette kann das Leben eines Patienten komplett verändern. Das ist sehr aufregend. Es ist mehr als nur ein Job, es ist eine Passion.

Leidet da nicht die Sachlichkeit?

Clozel: Das ist natürlich eine Gefahr, denn es ist wichtig, Entscheide rational zu treffen. Manchmal hängen Sie als Wissenschaftler stark an einem Projekt und müssen es dennoch stoppen, weil nur das im Interesse der Firma ist.

Was ist das Erfolgsgeheimnis des Dream-Teams Jean-Paul und Martine Clozel?

Clozel: Das Geheimnis des Erfolges ist, Job und Privatleben zu trennen.

Geht das?

Clozel: Absolut, wenn man Disziplin hat.

Sprechen Sie mit Ihrer Frau also noch über etwas anderes als über die Firma?

Clozel: Klar, wir haben schliesslich auch drei erwachsene Kinder, und ich habe meine Hobbys.

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Was zum Beispiel?

Clozel: Ich spiele Tennis und gehe fliegenfischen.

Fliegenfischen passt zu Ihrer Arbeit, es ähnelt der Erforschung neuer Medikamente.

Clozel: Ja, Sie sagen es, beides erfordert genaue Beobachtung und sehr viel Geduld.

Sind Sie ein geduldiger Mensch?

Clozel: Nein, überhaupt nicht, ich bin gern aktiv. Auch beim Fliegenfischen muss man hart arbeiten, und es ist sehr schwierig, beispielsweise im Doubs eine Forelle zu fangen. Wenn mein Job einfach wäre, würde es zehn Firmen wie Actelion geben.

Warum haben Sie damals Tracleer nicht für teures Geld verkauft, wie das andere Biotech-Start-ups tun, wenn sie etwas Brauchbares entdecken?

Clozel: Es ist schwierig, nur vom Verkauf von Lizenzen zu leben, denn das wirft nur 10 bis 15% des Umsatzes eines Medikamentes ab. Zudem ist ein fremder Käufer dem Medikament niemals so absolut verpflichtet, weil es für ihn nur eines unter vielen ist. Deshalb haben wir beschlossen, es selber zu produzieren. Zuerst hat man uns belächelt, als wir sagten, wir würden 400 Mio Fr. Umsatz machen. Jetzt sind es schon 1,5 Mrd Fr. - Tendenz steigend.

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Actelion hat letztes Jahr insgesamt 1,8 Mrd Fr. Umsatz gemacht. Wann erreichen Sie die 2-Mrd-Grenze?

Clozel: Wahrscheinlich nächstes Jahr. Immerhin schafften wir in diesem ersten Quartal schon 500 Mio Fr., also sind wir schon sehr nahe dran.

Sie haben mit 1,4 Mrd Fr. auch eine prall gefüllte Kasse. Was haben Sie mit dem Geld vor? Denken Sie auch an Aktienrückkäufe und höhere Dividenden?

Clozel: Nein, wir können unser Geld viel sinnvoller einsetzen: In die Forschung investieren und Produkte zukaufen.

Über mögliche Akquisitionen reden Sie schon lange. Wann passiert endlich was?

Clozel: Meine Eltern haben mich gelehrt, dass man das Geld gerade dann, wenn man viel davon hat, nicht leichtfertig ausgeben soll. Man soll sich immer so verhalten, als ob man nur wenig Geld hätte.

Was heisst das?

Clozel: Wir sind sehr aktiv und schauen uns einiges an. Aber wir sind sehr selektiv. Wir wollen nicht zukaufen, um den Aktienkurs zu pflegen, sondern um gute Produkte zu erwerben, die in unser Portfolio passen, ohne dabei zu viel auszugeben.

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Suchen Sie eher nach kleineren Firmen oder nach Lizenzen für neue Produkte?

Clozel: Es ist beides möglich, aber am meisten interessieren uns Produkte, und zwar solche, die in der letzten Testphase stecken oder schon zugelassen sind oder bald zugelassen werden.

Was ist Ihr Traum? Werden wie Roche?

Clozel: Mein Traum ist, so etwas wie Genentech zu werden - getrieben von der Wissenschaft, mit bahnbrechenden Entdeckungen, die zum Erfolg führen.

Und dann landen Sie wie Genentech in den Armen von Roche?

Clozel: Nein, eine Übernahme will ich nicht riskieren. Auch daher sind die finanziellen Reserven wichtig.