Steht das Konsortium für ein neues Kernkraftwerk in der Schweiz?

Giovanni Leonardi: Noch nicht. Es laufen intensive Gespräche, unter anderem mit den heutigen Kernkraftwerkbetreibern. Optionen liegen auf dem Tisch.

Sie haben mehrmals gesagt, dass Ende 2007 das Konsortium steht. Sie haben nur noch drei Wochen Zeit.

Leonardi: Die Idee bleibt, bis Ende Jahr oder Anfang nächsten Jahres ein Konsortium zu bilden. Mit dem Ziel, spätestens Ende 2008, Anfang 2009 beim Bund ein Rahmenbewilligungsgesuch einzugeben.

Die heutigen Kernkraftwerkbetreiber – BKW, Axpo und Atel – haben zu verstehen gegeben, dass sie den Bau eines neuen Kernkraftwerks, kurz KKW, anführen möchten. Also wird es mehrere Konsortien geben?

Leonardi: Das ist sicher denkbar. Die nächsten Anlagen werden Partnerwerke sein. Diese Form hat sich bewährt. In der Volksabstimmung wird für oder gegen den Bau eines neuen Kernkraftwerkes an einem bestimmten Standort entschieden, und nicht für ein Konsortium. Das ist allen klar.

Atel möchte aber den Lead übernehmen?

Leonardi: Im solothurnischen Niederamt, wo auch das KKW Gösgen steht, haben wir sicher die Führung. Die Situation hier ist hervorragend. Regierung, Parlament und Gemeindepräsidenten stehen weitgehend hinter einem möglichen Projekt.

EDF ist an Atel beteiligt und hat grosse Erfahrung im KKW-Bau. Könnte auch EDF im Konsortium dabei sein?

Leonardi: Das kann ich mir kaum vorstellen. Wir müssen in der Schweiz zu viel Produktionskapazität ersetzen. Ausländische Investoren sind momentan kein Thema.

Auch Atel ist im Ausland an Grosskraftwerken beteiligt. Wäre es eine finanzielle Entlastung, wenn EDF in der Schweiz dabei wäre?

Leonardi: Wir werden in der Lage sein, unsere Investitionen aus eigener Kraft zu finanzieren. Die Formel der Strombranche lautet: In rund 30 Jahren 30 TWh für 30 Mrd Fr. Die 30 Mrd Fr. teilen sich auf in 10 Mrd Fr. für Grosskraftwerke, also unter anderem KKW, 10 Mrd Fr. für neue erneuerbare Energien, 10 Mrd Fr. für den Ausbau der Infrastruktur, also Pumpspeicherkraftwerke, Netze und so weiter.

Die Bevölkerung ist KKW gegenüber skeptisch. Die Endlagerfrage ist nach wie vor ungelöst. Die Chance eines Neins ist gross. Sie fahren eine Risikostrategie, wenn Sie alleine auf Kernkraft setzen.

Leonardi: Gaskombikraftwerke sind unter den aktuellen Rahmenbedingungen auch keine Lösung. Indem die Politik sagt, dass CO2 vorwiegend in der Schweiz kompensiert werden muss, verunmöglicht sie wohl bewusst den Bau von Gaskraftwerken.

Die Frage, wo zu kompensieren ist, ist noch nicht zu Ende diskutiert. Das Departement von Volkswirtschaftsministerin Doris Leuthard plädiert für Kompensation dort, wo es ökonomisch sinnvoll ist – das heisst vermehrt im Ausland.

Leonardi: Das ist sicher eine vernünftige Strategie. Trotzdem sind für uns die Rahmenbedingungen unklar. Wenn wir mehr als die EU wollen, verunmöglichen wir Gaskombikraftwerke in der Schweiz. Wenn wir diese in der Schweiz möchten, brauchen wir gleich lange Spiesse wie in der EU. Sonst ist eine solche Anlage nicht konkurrenzfähig und niemand investiert.

Anzeige

Sie gehen nicht davon aus, dass sich die Rahmenbedingungen zugunsten der Stromwirtschaft ändern?

Leonardi: Politische Rahmenbedingungen sind das eine Problem. Ein anderes ist der Import von Gas. Dies schafft neue Abhängigkeiten vom Ausland. Wir haben keine Gasspeicher in der Schweiz.

EGL arbeitet an einem Pipelineprojekt von Griechenland über Albanien durch die Adria nach Italien. Daran ist sogar Energieminister Moritz Leuenberger interessiert.

Leonardi: Man muss realistisch sein. Es ist bereits anspruchsvoll, im eigenen Land ein neues KKW zu realisieren. Wir rechnen mit 10 bis 15 Jahren. Der Bau einer Stromleitung dauert 10 bis 30 Jahre. Auf den Bau einer Gaspipeline, die uns hilft, die Schweiz mit Gas zu versorgen, müssten wir noch länger warten. Davon bin ich überzeugt. Und damit könnte eine ganze Generation nicht vom Strom aus Gaskraftwerken profitieren.

Nochmals: Was macht Atel, wenn die Bevölkerung dereinst ein neues Kernkraftwerk ablehnt?

Leonardi: Ich bin überzeugt, dass das Volk das Dilemma zwischen Versorgungssicherheit, Klimaschutz, Wettbewerbsfähigkeit und Auslandabhängigkeit verstehen und es dem Bau einer oder mehrerer Anlagen zustimmen wird.

Also haben Sie keinen Plan B?

Leonardi: Wir wollen unsere Kräfte auf Plan A konzentrieren.

Der Strompreis würde in der Schweiz stärker steigen, als wenn ein neues Grosskraftwerk gebaut werden kann. Um wie viel?

Leonardi: Das lässt sich nicht quantifizieren. Sicher ist, dass der Strompreis in den kommenden Jahren tendenziell steigen wird und dass diese Kurve ohne neue Grosskraftwerke steiler sein wird als mit.

Atel ist an Gaskraftwerken im Ausland beteiligt. Sind weitere geplant?

Leonardi: Wir prüfen weitere Standorte im In- und Ausland, um neue thermische Kraftwerke zu realisieren. Zurzeit sind wir in Frankreich, in Bayet, am Bauen. Und kürzlich haben wir in San Severo in Süditalien alle Bewilligungen für den Bau eines Gaskombikraftwerkes bekommen. In Monthey im Wallis bauen wir eine kleinere Anlage zusammen mit der Chemie- industrie.

Wo prüfen Sie neue Standorte?

Leonardi: Europaweit. Allerdings ist die Schweiz eher schwierig. Hier unterstützen wir die Pläne unserer Aktionärin und künftigen Fusionspartnerin, der Westschweizer EOS. EOS hat mit Chavalon im Kanton Wallis ein Gaskraftwerkprojekt, das reif ist. Die aktuelle CO2-Diskussion ist später aufgekommen. Die Politik muss aufpassen, dass sie Investoren in der Schweiz nicht verjagt. Sie muss Fälle wie jenen des Gaskraftwerks Chavalon vermeiden. Ein fertiges Projekt plötzlich neuen Rahmenbedingungen auszusetzen, ist ein falsches Zeichen. Ich hoffe für die Versorgungssicherheit der Schweiz, dass Chavalon realisiert wird. Weiterhin sehr interessant wären zudem, andere kleinere Anlagen wie diejenige in Monthey zu realisieren.

Haben Sie neue Standorte im Visier?

Leonardi: Es ist schwierig, Standorte zu finden, an denen die Industrie genügend Wärme abnimmt, um den gewünschten hohen Wirkungsgrad zu erzielen.

In der Region Basel gibt es die energieintensive Chemieindustrie. Dort wollte Axpo ursprünglich ein Gaskombikraftwerk bauen. Springen Sie in die Bresche?

Leonardi: Dazu sind noch keine Entscheide gefallen.

Also haben Sie mehr als nur Interesse an diesem Standort?

Leonardi: Wir sind in der ganzen Schweiz am Suchen.

Sie haben die auf Energieverteiler ausgerichtete Beratungsgesellschaft Teravis gegründet, und Atel Installationstechnik hat in der Ostschweiz Novitec übernommen. Wie läuft es beim Wildern?

Leonardi: Auch wir suchen ausserhalb des Stammgebietes neue Kunden. Mit Romande Energie haben wir uns jüngst an der Verkaufs- und Marketingorganisation Recom beteiligt. Das sind erste Schritte, um Marktanteile zu gewinnen.

Wie viele haben Sie bereits gewonnen?

Leonardi: Wir sind zufrieden. Wir haben Kunden gewonnen, hauptsächlich in der Deutschschweiz.

Wo genau?

Leonardi: Hauptsächlich in der Deutschschweiz. Mehr sage ich dazu nicht.

Was sind Ihre Ziele für den Markt Schweiz?

Leonardi: Marktanteile gewinnen.

Die Aktie hat seit 1. Januar 2007 über 54% zugelegt. Allerdings ist der Titel mit einem Freefloat von 5% illiquide. Bleibt das auch längerfristig so?

Leonardi: Das liegt in der Entscheidungskompetenz der Aktionäre beziehungsweise des Verwaltungsrates. Mit dem Split 1 zu 25 haben wir immerhin das handelbare Volumen vergrössert.

Seit einigen Jahren steigt die Eigenkapitalquote. 2006 war Sie bei knapp 40%. Was ist das Ziel?

Leonardi: Wir haben gut gearbeitet, Geld verdient und die Eigenkapitalquote steigern können. Wir bewegen uns auf der Ziellinie.

Eigenkapital sollte man nicht zu lange untätig liegen lassen.

Leonardi: 2002/03 haben wir massiv investiert, in Edipower und Kraftwerke in Osteuropa zum Beispiel. Damals sank die Eigenkapitalquote. In den vergangenen vier Jahren haben wir die Eigenkapitalbasis wieder aufgestockt. Das wird helfen, die geplanten künftigen Wachstumsinvestitionen kostengünstig zu finanzieren.

Lesen Sie  den zweiten Teil des Interviews