Sie hatten früher Bühnenambitionen. Muss man Schauspieler sein, um einen Flughafen zu führen?

Thomas Kern: Man muss bis zu einem gewissen Punkt Schauspieler sein, um führen zu können. Ich spiele aber dieselbe Rolle wie früher, hier beim Flughafen lediglich auf einer neuen Bühne.

Sie spielen vor einem sehr kritischen Publikum. Wie gehen Sie damit um?

Kern: Ich habe ein ehrlich empfundenes Verständnis für die Kritiker und versuche, diesen möglichst gerecht zu werden. Allerdings können wir es nicht allen recht machen.

Kann man sich eigentlich auf eine Rolle in so einem Umfeld vorbereiten?

Kern: Ein guter Schauspieler macht sich eine Rolle zu seiner eigenen. Die wichtigsten Voraussetzungen sind Ehrlichkeit, Authentizität und die Fähigkeit, sich selbst einbringen zu können.

Zumindest die wirtschaftlichen Voraussetzungen sind für Sie komfortabel. Dem Flughafen geht es gut. Wie gut nach sechs Monaten?

Kern: Wir sind mit all unseren Grossprojekten im Plan. Dazu gehört die Pistensanierung ebenso wie «Zürich 2010», also die Anpassungsarbeiten für die Umsetzung der Schengen-Regelung am Flughafen Zürich. Für diese Projekte wenden wir über 500 Mio Fr. auf. Was nicht zufriedenstellend läuft, sind die Verhandlungen mit Deutschland bezüglich des Anflugverfahrens.

Konkret?

Kern: Wir hatten uns vom Bund ein Verhandlungsergebnis erhofft, das die Lockerung der einseitigen deutschen Verordnung beinhaltet. Das ist leider nicht gelungen. Nun drängen wir darauf, dass Frau Merkel beim Wort genommen wird und die Lärmbelastungen in den betroffenen Grenzgebieten in der Schweiz und in Deutschland von einer gemeinsamen Arbeitsgruppe ermittelt werden. Dies muss unserer Meinung nach bis Ende Jahr möglich sein.

Anzeige

Noch schwerer als der Rückschlag bei den Verhandlungen mit Deutschland dürfte das faktische Verbot für den Bau einer Parallelpiste wiegen.

Kern: Hier wurde eine Chance verpasst. Dass die raumplanerische Sicherung für eine Parallelpiste nicht weiterverfolgt werden soll, verbaut künftigen Generationen die Möglichkeit, sich für diese Entwicklungsoption zu entscheiden. Das Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation geht mit dem gefällten Entscheid in der Entwicklung der schweizerischen Zivilluftfahrt den Weg des politisch geringsten Widerstandes.

Dieser verhindert das Wachstum des Flughafens. Wie bereiten Sie sich nun auf die steigende Nachfrage vor?

Kern: Es müssen bestehende Verfahren optimiert und neue Verfahren mit dem bestehenden Pistensystem erarbeitet werden. Letztlich muss die Frage aber lauten, ob die Schweiz auch in Zukunft am internationalen Wirtschaftswachstum teilhaben will. Denn Wirtschaftswachstum bedeutet Verkehr, und irgendwann werden die bestehenden Verkehrsinfrastrukturen an ihre Kapazitätsgrenzen gelangen. Wir als Unternehmen können mit einem Nachfrageüberhang umgehen.

Trotz Finanzkrise und rekordhohen Ölpreisen steigen immer mehr Menschen in Flugzeuge. Wir hat sich das Passagierwachstum entwickelt?

Kern: Sehr erfreulich. Wir konnten im 1. Halbjahr ein Passagierwachstum von 9,3% verzeichnen bei knapp 6% mehr Flugbewegungen. Wir gehen davon aus, dass das Wachstum 2008 anhält.

In der gleichen Höhe?

Kern: Nein, nicht ganz. Wir rechnen nach wie vor mit einem Passagierplus von 4 bis 5%.

Real wird es wohl deutlich mehr sein.

Kern: Möglich, wir rechnen aber lieber konservativ.

Wie hat sich das Kommerzgeschäft in den ersten sechs Monaten entwickelt?

Kern: Ebenfalls sehr gut. Alle Bereiche ? Dutyfree, Retail und Gastro ? wachsen deutlich über 10%. Das ist anhaltend überdurchschnittlich. Alles ist auf Grün.

Bleibt die Ampel auch für das gesamte Jahr auf Dunkelgrün?

Kern: Ausserordentliche Ereignisse ausgenommen, könnte ein möglicher Dämpfer von der angesprochenen Finanzkrise oder von den hohen Ölpreisen ausgehen.

Das heisst?

Kern: Die Fluggesellschaften könnten auf den Winterflugplan hin ihre unrentablen Verbindungen streichen. Wir verfügen aber über einen starken Markt und haben ausserdem bis jetzt keine Indikationen von Airlines, Strecken von oder nach Zürich wegen des hohen Ölpreises zu streichen. Bis jetzt sind wir auf der sicheren Seite.

Bedeutet auf der sicheren Seite, dass das Wachstum im Kommerzgeschäft auch im 2. Halbjahr so stark ausfallen wird wie im 1.?

Kern: Zumindest in einer ähnlichen Grössenordnung, ja.

Von einer sich verschlechternden Konsumstimmung bei Flugpassagieren ist also noch nichts zu spüren?

Kern: Nein. Bisher habe ich keine Hinweise dafür.

Kann der Kundenfranken weiter gesteigert werden?

Kern: In den ersten Monaten gab ein abfliegender Passagier im Durchschnitt knapp 44 Fr. am Flughafen Zürich aus. Auch dieser Betrag wächst.

Wenig rosig sieht der Luftverkehrsbereich aus.

Kern: Das Fluggeschäft ist defizitär, das stimmt. Zum Glück können wir dieses Minus mit dem Plus des Nicht-Aviatikgeschäfts überkompensieren.

Wie lange bleibt der Aviatik-Teil noch in den roten Zahlen?

Kern: Das ist abhängig von den drei Faktoren Verkehrsentwicklung, Gebüh- ren und Investitionen. Die Verkehrsentwicklung ist sehr positiv, die Gebüh- ren sind stabil, die Investitionen sind und bleiben hoch. Wann wir ein positives Ergebnis erzielen werden, kann ich nicht sagen.

Der Flughafen Zürich bleibt also ein Shoppingcenter mit Landebahnen.

Kern: Ich wehre mich vehement gegen diese Beschreibung. Der Flughafen Zürich ist einer der besten Flughäfen der Welt. Mit und auch dank des sehr attraktiven Shoppingcenters.

Gilt Ihre sehr positive Grundstimmung auch für die folgenden Jahre, sagen wir bis 2010?

Kern: Grundsätzlich ja. Allerdings hüten wir uns davor, Prognosen für mehr als ein Jahr zu stellen.

Können sich die Flugpassagiere auch auf neue Direktverbindungen freuen?

Kern: Es wird mit Sicherheit neue Direktverbindungen geben.

Steht Peking auf der Liste?

Kern: Selbstverständlich. Wir wünschen uns Direktflüge nach Peking, ebenso nach San Francisco und einige andere Destinationen. Wir verhandeln deshalb mit allen möglichen Fluggesellschaften. Neben der Wirtschaftlichkeit müssen aber auch andere Rahmenbedingungen gegeben sein, wie beispielsweise die Verkehrsrechte. Diese können wir allerdings nicht beeinflussen.

Wie wird sich die Konkurrenz mit den boomenden Hubs im Nahen Osten und in Europa entwickeln?

Kern: Wir stehen in erster Linie im direkten Wettbewerb mit Drehkreuzen wie München. Die Hubs im arabischen Raum bedrängen uns bis jetzt nicht stark.

Haben diese einen Einfluss auf das langfristige Wachstum am Flughafen Zürich?

Kern: Gut möglich, aber das macht uns keine Sorgen. Wir werden mit dem bestehenden Pistensystem ohnehin an eine Kapazitätsgrenze stossen.

Sie haben kein Problem damit, dass der Flughafen nicht so wachsen kann, wie Nachfrage da wäre?

Kern: Der Flughafen Zürich wird nie zu einem Mega-Hub werden. Das Wachstum ist begrenzt durch das Pistensystem.

Weil das lokale Wachstum begrenzt ist, geht Unique vermehrt ins Ausland. Werden die bislang bescheidenen Investitionen erhöht?

Kern: Ganz klar ja. Seit dem 1. Juli haben wir den neuen Geschäftsleitungsbereich Corporate Development. Dieser beinhaltet unter anderem die internationalen Flughafenprojekte. Neben den bestehenden neun Projekten in Lateinamerika und dem einen in Indien wollen wir weitere Projekte realisieren.

Auch ausserhalb von Südamerika und Indien?

Kern: Die strategische Karte umfasst auch Osteuropa und den Mittleren Osten.

Heute haben Sie 25 Mio Fr. in die bestehenden zehn Projekte investiert. Ist eine Verdoppelung dieser Summe vorgesehen?

Kern: Eine Erhöhung ist sehr gut möglich.

Der Konkurrenzkampf unter den Flughäfen um solche Projekte ist hart.

Kern: Dem ist so. Wir setzen deshalb auf starke lokale Partner.

China ist kein Thema?

Kern: China ist noch kein Thema.

Ein viel gewichtigeres Investment plant Unique am Fusse des Butzenbüel-Hügels. Für 1 Mrd. Fr. soll ein 40000 m2 grosses Areal überbaut werden. Mit was?

Kern: Wir planen derzeit intensiv eine sichelförmige Überbauung mit einer direkten Ver- und Anbindung zum Flughafen. Die Bruttogeschossfläche kann bis zu 200000 m2 betragen. Es wird eine innovative und ergänzende Nutzung im Premiumsegment geben.

Einen Wellnesskomplex und eine Schönheitsklinik?

Kern: Wir denken momentan an sieben verschiedene Bereiche, die wir zu einem Ganzen zusammenfügen wollen. Die Gespräche mit Schlüsselmietern laufen.

Bis wann steht das konkrete Projekt?

Kern: Bis Ende dieses Jahres.