Seit der Euro taucht, schwimmen manchen exportorientierten Schweizer Unternehmen die Felle davon. Besonders hart getroffen ist die MEM-Industrie (Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie), die 80% der produzierten Waren exportiert, wovon zwei Drittel im Euroraum landen. Gefragt sind Strategien, um die währungsbedingt wegbrechenden Umsätze zu kompensieren.

Rechnen mit 1.30

Um mit dem sinkenden Euro-Kurs leben zu können, sucht derzeit ein jedes Unternehmen nach Sparmöglichkeiten. So auch die Ammann-Gruppe in Langenthal. «Es hat jede Firma zu jedem Zeitpunkt da oder dort noch ein wenig Speck», sagt Johann Schneider-Ammann, der als Swissmem-Präsident zugleich für die ganze MEM-Industrie spricht. «Ich will niemandem zu nahe treten, es macht ja jeder sein Bestes. Aber ich scheue mich nicht, für mich und meine Umgebung zu sagen, dass man einfach etwas tun muss. Und man findet Wege. Man muss ganz einfach Wege finden.»Er hat seine Gruppenleitung vor einem Monat auf einen Euro-Kurs von 1.30 Fr. eingeschworen. «Wir haben beschlossen, unsere Köpfe per sofort auf 1.30 einzustellen, also zu überlegen, was zu tun ist, wenn wir mit 1.30 leben müssten.» Um dieses Ziel zu erreichen, sind Einschnitte nötig - und da spricht Schneider-Ammann wiederum für seine ganze Industrie: «Wir müssen fitter und noch besser werden.» Dazu gehöre etwa auch, Stellen zu hinterfragen, gewisse Tätigkeiten zusammenzufassen oder sie mangels Rentabilität gar nicht mehr weiterzuführen.

Eine Devise lautet: «Man kauft vermehrt in demjenigen Währungsraum ein, in dem man verkauft», so Schneider-Ammann. Das bedeute aber, langjährige und treue Zulieferer aus der Schweiz fallen zu lassen, nur um im günstigeren Euroland einzukaufen. Da stelle sich immer auch die Frage, ob es nicht lohnenswerter wäre, auf die womöglich bessere Qualität von inländischen Zulieferern zu setzen.

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Das Beispiel der Ammann-Gruppe in Langenthal zeigt, was die Eurokrise in der MEM-Industrie unter dem Strich bedeutet: Ammann produziert vorwiegend für den Euroraum. «Wenn der Kurs von 1.50 auf 1.40 Fr. fällt, fehlen uns bei etwas mehr als 100 Mio Fr. Volumen im laufenden Jahr 3-4 Mio Fr. Marge und damit auch Gewinn oder Investitionsmöglichkeiten», sagt Schneider-Ammann. Eine solche Lücke sei schwierig zu kompensieren. Zudem sei das Zeitmoment nicht zu unterschätzen, weil in der Industrie lange Liegezeiten des Materials nicht immer zu vermeiden seien. Umbauprozesse dauerten relativ lange.

Dennoch bleibt Schneider-Ammann zuversichtlich: «Wenn es uns gelingt, in der zweiten Jahreshälfte mit 1.40 zu leben, dann haben wir die Hälfte geschafft. Und ich bin sicher, dass uns dies gelingen wird.»

Dollar-Raum nicht verschlafen

Was in der Eurokrise angesichts des starken Dollars auch hilft, sind Exporte in den Dollar-Raum. Aber der Swissmem-Präsident wehrt sich gegen den Vorwurf, seine Industrie habe den Sprung nach Asien verschlafen. «Nein, die Firmen suchen laufend neue Märkte», sagt er. Aber ein KMU, bei dem die Mittel in der Regel limitiert seien, könne nicht alles gleichzeitig tun. «In neue Märkte kann man nicht von heute auf morgen eintreten, das braucht lange Aufbauphasen.» Er erwähnt als Beispiel Indien, wo seine Gruppe mitten im Aufbauprozess steht. Da müsse man zuerst Kontakte knüpfen und Vertrauen aufbauen.

Was die MEM-Industrie bisher unterschätzt hat, ist die durch den tiefen Euro gestärkte deutsche Exportwirtschaft. Davon profitieren die Zulieferer aus der Schweiz. «Das ist tatsächlich ein Moment, das wir vielleicht zu lange nicht verstanden haben», räumt Schneider-Ammann ein. Aber genau dieser Effekt helfe wohl am meisten.