Aus der jüngsten Studie Ihres Think Tank geht hervor, dass die Wachstumsraten in Griechenland doppelt so hoch sein müssen wie in den 15 Ursprungsländern der Europäischen Union, damit sich das Land dem durchschnittlichen Lebensstandard in der EU annähern kann. Wie kann dieses Ziel erreicht werden?

Takis Politis: Derzeit haben wir ein Wirtschaftswachstum, das dieser Vorgabe etwa entspricht. Aber natürlich ist es noch ein weiter Weg. Gemessen am wirtschaftlichen Wohlstand in den EU-Staaten erreicht der griechische Lebensstandard lediglich 84%. Wir nähern uns der anvisierten Grösse, weil das Bruttoinlandprodukt über einen noch nie in der Geschichte beobachteten Zeitraum hinweg massiv ansteigt.

Ist dieses Wachstum nachhaltig?

Politis: Die Auftriebskräfte wurden durch ein starkes Wachstum im Binnenmarkt ausgelöst. Nur ein kleiner Anteil des Bruttoinlandproduktes wird exportiert. Wir sind eine relativ geschlossene Volkswirtschaft.

Mit anderen Worten: Allein die starke Inlandnachfrage ist kein genügender Wachstumstreiber?

Politis: Das weiss niemand. Es hängt von den verfügbaren Einkommen ab, von der eingeschlagenen wirtschaftspolitischen Marschrichtung und anderen Faktoren. Es gibt in der Studie nur eine Aussage: Wir sind nicht sicher, dass sich die jetzige positive Entwicklung einfach fortsetzt.

Braucht es mehr Exporte?

Politis: Ja, wir müssen die Wirtschaft öffnen. Das gilt speziell für eine globalisierte Gesellschaft, in der es kaum mehr Handelsschranken gibt. Als kleines Land muss es unser Ziel sein, die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den anderen Staaten zu steigern.

Wie stufen Sie die Fortschritte bei der Expansion der Produktionskapazität ein?

Politis: Mit einem realen Investitionszuwachs von 10% jährlich wird die Produktionsbasis ganz respektabel ausgeweitet. Es gibt einen Nukleus an Unternehmen, die ihre Exporttätigkeit mit konkurrenzfähigen Produkten und Dienstleistungen steigern und gleichzeitig mit zusätzlichen Stützpunkten ins Ausland expandieren.

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In welchen Bereichen verfügt Griechenland über international wettbewerbsfähige Exportgüter?

Politis: Die Nahrungsmittelindustrie verfügt innerhalb der griechischen Wirtschaft über eine äusserst starke Stellung. Rund ein Viertel der industriellen Wertschöpfung stammt aus dieser Branche. Entscheidend ist aber nicht die absolute Grösse eines Wirtschaftssektors, sondern die Innovationskraft, die auch bei einzelnen Unternehmen in kleineren Wirtschaftszweigen, wie etwa der Textilindustrie, zu finden ist. Gute Chancen hat auch die Hotelindustrie, überhaupt Dienstleistungen, die in Verbindung mit dem Tourismus stehen.

Welche Sektoren sind weniger konkurrenzfähig?

Politis: Die Textilindustrie hat global betrachtet einen schweren Stand. Das sind zyklische Bewegungen, die man historisch betrachten kann: Die Textilbranche startete in England, verlagerte sich nach Deutschland, später in die USA und heute dominiert China. Oder nehmen wir die Stahlindustrie, die früher im US-Bundesstaat Pennsylvania dominant war. Heute finden wir dort kaum mehr einen Stahlbetrieb.

Griechenland verfügt über ein neues Gesetz zur Wirtschaftsförderung. Genügt das zur Ankurbelung?

Politis: Mit dem neuen Entwicklungsgesetz werden die nötigen Impulse für zusätzliche Investitionen gesetzt. Es ist ein gutes Instrument, um kleinere und grössere Firmen für eine Wachstumsstrategie zu ermutigen. In einem wirtschaftlichen Umfeld, das in vielen Fällen durch den Staat behindert wird, zielt dieses Gesetz in die richtige Richtung. Aber natürlich ist es weiterhin nicht ganz so einfach, in Griechenland ein privates Geschäft zu betreiben.

Wieweit ist das Land mit strukturellen Änderungen vorangekommen?

Politis: Ausschlaggebend ist nicht, ob wir etwas mehr oder weniger Staat haben. Mit den 45% staatlicher Anteil am Bruttosozialprodukt liegt Griechenland etwa im Durchschnitt aller EU-Nationen. Notwendig ist ein effizienter Staat. Das haben wir noch nicht. Zudem muss ein Klima geschaffen werden, das unternehmerische Initiativen begünstigt. Man muss sich fragen, ob dieser Drang ins Unternehmertum vorhanden ist?

Was ist Ihre Antwort?

Politis: Viele junge Griechen wollen Unternehmer sein, aber auf der anderen Seite haben sie auch Angst davor. Sie haben eine ambivalente Haltung, und das sollten wir mit Anreizen zugunsten von selbstständigen Aktivitäten überwinden. Im neuen Programm des Entwicklungsministeriums sind gute Ansätze enthalten, die für mehr unternehmerische Initiativen sprechen.

Ein Beispiel?

Politis: Dazu gehört Geld für Start-ups oder bei Projekten limitierte Zuschüsse durch den Staat.

Welche Auswirkungen haben die Public Private Partnerships?

Politis: In einzelnen Sektoren, wie etwa bei Infrastrukturaufgaben oder Schulen, ist dies eine gute Lösung.

Trotzdem, der Staatsapparat und die öffentliche Verwaltung sind immer noch ein gewaltiges Hindernis für jede geschäftliche Aktivität. Was hat sich bisher geändert?

Politis: Die Hemmnisse wurden im Vergleich zu früher etwas vermindert. Wichtig ist aber, dass sich nun die gesamte Gesellschaft dieses Problems bewusst ist. Das ist ein ermutigendes Signal für künftige Verbesserungen. Ich bin jedenfalls optimistisch. In den Ministerien wird alles unternommen, damit dieser «One-stop-shop» für die Geschäftsleute bald Wirklichkeit wird.

Die Reform des Altersvorsorgesystems wird ständig verzögert. Ist das für die Regierung eine unpopuläre Massnahme, von der man besser die Finger lässt?

Politis: Ja, das ist politisch ein heisses Eisen, das niemand anfassen möchte. Aus ökonomischer Sicht haben wir vor allem ein ineffizientes System. Das demografische Problem kommt erst später. In einem ersten Schritt müssen wir mehr Ordnung in diese chaotisch verwaltete Altersvorsorge bringen.

Wird die neu gewählte Regierung Karamanlis in ihrer Amtszeit gewisse Fortschritte erzielen?

Politis: Sie müssen die Pensionskassen den heutigen Erfordernissen anpassen. Ich erwarte aber keine komplette Veränderung des jetzigen Vorsorgesystems. Das ist nur möglich, wenn es einen Konsens zwischen sämtlichen politischen Gruppierungen gibt. Eine solche gemeinsame Marschrichtung zeichnet sich im Moment aber nicht ab.

In Ihrem Report erwähnen Sie auch die fehlgeschlagenen Versuche zur Reform des Bildungssystems. Was muss in diesem Bereich unternommen werden?

Politis: Im jüngsten Pisa-Bericht rangiert Griechenland ganz zuunterst. Die Schwächen liegen vor allem beim Oberstufenunterricht der Volksschule. Zum einen sind diese Schulklassen auf die Vorbereitung für das Universitätsstudium ausgerichtet, aber für den Rest der Schüler bieten sie nicht den umfassen Stoff, der für eine spätere Berufstätigkeit notwendig ist. Dabei haben wir europaweit die grösste Lehrerdichte. Das Bildungssystem ist insgesamt zu wenig effizent bei der Stoffvermittlung.

Griechenland kann sich in allen Bereichen an den übrigen EU-Mitgliedern messen. Hilft das dem Land weiter?

Politis: Durchaus, der Blick auf andere Nationen ändert festgefahrene Meinungen. Um fundamentale Änderungen in einer Gesellschaft zu bewerkstelligen, braucht es aber zwei Generationen.