Das vergangene Jahr war kein einfaches Jahr für die Logistikbranche. Wie erfolgreich schlug sich Gebrüder Weiss in diesem Umfeld?

Wolfgang Niessner: Wir konnten das Geschäftsjahr mit Anstand bewältigen, wir lagen allerdings deutlich hinter den Ergebnissen der Vorjahre zurück, konnten aber, das ist wichtig, deutlich schwarze Zahlen schreiben. Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen und mussten in der Schweiz keine einschneidenden Massnahmen ergreifen oder etwa Entlassungen aussprechen.

Gebrüder Weiss erzielte 2009 einen konsolidierten Umsatz von 830 Mio Euro. Wie teilt sich der Umsatz auf die einzelnen Geschäftsfelder auf?

Niessner: Der mit Abstand grösste Tätigkeitsbereich sind die Landverkehre einschliesslich Logistiklösungen. Dieser bestreitet zirka zwei Drittel unseres Umsatzes. Im Bereich Air und Sea erzielten wir einen konsolidierten Umsatz von 212 Mio Euro. Ebenfalls ein sehr wichtiger Geschäftszweig sind die KEP-Dienste vor allem in Österreich.

Welche Erwartungen verbindet man mit dem Jahr 2010?

Niessner: Wir peilen als mittelfristiges Ziel ein Umsatzvolumen von rund 1 Mrd Euro an. Dieses Volumen werden wir im laufenden Jahr nicht erreichen, doch die Ergebnisse der ersten Monate 2010 liefern positive Hinweise darauf, dass wir ein höheres Umsatzvolumen und auch ein deutlich besseres Ergebnis erzielen können.

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Im europäischen Landverkehr kann infolge der harten Konkurrenz offensichtlich kaum mehr Geld verdient werden. Wie sieht das bei Gebrüder Weiss aus?

Niessner: Wir bieten heute dem Kunden nicht nur reine Transporte an, vielmehr wollen wir durch die intelligente Verknüpfung einzelner Logistikmodule dem Kunden einen Mehrwert bieten. Der Markt in der Logistik ist äusserst hart umkämpft und wir mussten uns auch gegen extrem aggressive Konkurrenten - wie zum Beispiel DHL - wehren. Wir sind für einen harten Wettbewerb, aber dieser soll fair ausgetragen werden. Dies ist bei einigen Wettbewerbern heute leider nicht der Fall.

Die Chance des Kontraktlogistikers ist es, durch ein rationelles Management der Supply Chain dem Kunden Kosteneinsparungen zu ermöglichen. Sind diese Möglichkeiten aus der Sicht von Gebrüder Weiss auch in Zukunft noch gegeben?

Niessner: Die Chancen des Kontraktlogistikers sind auch in Zukunft intakt, weil dies ja gerade unsere Kernkompetenz ist und wir dem Kunden einen Mehrwert anbieten können. Wir müssen ganz einfach besser sein als Firmen, die nur gerade einfache Logistikleistungen anbieten. Mit unseren intelligenten Logistiklösungen werden wir auch in Zukunft erfolgreich tätig sein.

Gebrüder Weiss ist in Europa für die unterschiedlichsten Branchen und Kunden tätig. Wird sich dieses Portefeuille in naher Zukunft noch weiter ausdehnen oder will man sich eher auf bestimmte Branchen konzentrieren?

Niessner: Eine zentrale Frage unserer zukünftigen Strategie «GW 2020» ist die Branchenfokussierung. Wir können uns keine Konzentration auf zwei oder drei Kernbranchen leisten, sondern müssen vielmehr eine ganze Reihe unterschiedlicher Kunden bedienen können. Dank unserem umfassenden Know-how, das wir uns in verschiedenen Branchen angeeignet haben, können wir intelligente Logistiklösungen für verschiedene Branchen anbieten. Schwerpunkte unserer Logistikaktivitäten sind die Sparten Elektro/Elektronik, Automotive, Weisswaren (Haushaltgeräte), Sport- und Freizeitartikel, FMCG und Zulieferer für das Baugewerbe.

Gibt es weitere Sparten, in denen Gebrüder Weiss aktiv werden will mit Logistikdienstleistungen?

Niessner: Vorstellbar wäre ein stärkeres Engagement im Bereich temperaturgeführter Produkte. Hier können noch Marktchancen genutzt werden.

In der Kontraktlogistik findet eine immer enger werdende Vernetzung zwischen Kunde und Logistiker statt. Nur bei einer auch IT-mässigen engen Verbindung können optimale Dienstleistungen erbracht werden. Wie gestaltet sich derzeit dieses Verhältnis zwischen dem Kunden und Gebrüder Weiss? Ist es angesichts der Investitionen, welche GW in jüngster Zeit in Lageranlagen tätigte, möglich, mit dem Kunden langfristige Verträge abzuschliessen?

Niessner: Kundenspezifische Kontraktlogistik bieten wir in enger Zusammenarbeit mit dem Kunden an, was auch eine starke Vernetzung voraussetzt. Dabei streben wir bei grösseren Bauvorhaben möglichst langfristige Verträge an. In jüngster Zeit haben wir Investitionen in Lagerhallen getätigt, die eher Erweiterungs- oder Ersatzinvestitionen bestehender Lageranlagen darstellen. Der heutige Trend geht immer stärker in Richtung multifunktionell nutzbarer Lageranlagen, und hier loten wir unsere Möglichkeiten derzeit intensiv aus.

Schwerpunkte der Aktivitäten von Gebrüder Weiss sind Mittel- und Osteuropa. Welche Entwicklung erwarten Sie in dieser Region in Zukunft?

Niessner: Wir werden in Zukunft unser weltweites Netz an Niederlassungen weiter ausbauen, und dazu gehören auch Mittel- und Osteuropa, ein Kerngebiet unserer Aktivitäten, wo wir in den vergangenen Jahren schon grosse Investitionen getätigt haben.

China gehört zu den Zukunftsmärkten vieler Industrieunternehmen. Muss Gebrüder Weiss dieser Entwicklung folgen und sich stärker in dieser Region engagieren?

Niessner: Wir betreiben unser weltweites Geschäft mit unserem Partner, der Firma Röhlig, welche an wichtigen Standorten seit vielen Jahren vertreten ist und deren Know-how wir nutzen können. Zusammen sind wir heute in allen wichtigen Absatzmärkten vertreten. Es ist offensichtlich, dass wir dem Globalisierungstrend folgen müssen.

Ökologische Aspekte spielen bei Gebrüder Weiss eine grosse Rolle, wie das Beispiel Orange Combi Cargo, eine UKV-Verbindung von Wien über Hall im Tirol nach Bludenz, zeigt. Wie stark lassen sich Ökologie und Ökonomie im Bereich Transport/Spedition vereinen?

Niessner: Wir haben vier Kernwerte unserer Aktivitäten definiert: Independence, Service Excellence, Commitment und Sustainability. Innerhalb dieser Kernwerte versuchen wir, Logistiklösungen zu entwickeln und anzubieten, welche auch ökologische Aspekte mit einbeziehen. Die Tatsache allerdings, dass kaum ein Verlader heute bereit ist, für besonders ökologische Transporte auch nur einen kleinen Mehrpreis zu bezahlen, macht dieses Ansinnen recht schwierig. Trotz dieser Tatsache investieren wir in alternative Energien wie etwa Solarstrom oder saubere Motoren in unseren Fahrzeugen. Wir versuchen überall dort, wo es wirtschaftlich Sinn macht, möglichst grüne Aspekte in der Logistik zu berücksichtigen.

Optimierte Logistikkonzepte lassen sich nur dann effektvoll in die Tat umsetzen, wenn die Verkehrsströme auch funktionieren. Angesichts des von Fachleuten prognostizierten Verkehrsinfarktes in Europa ist dies eine ungewisse Zukunftsaussicht. Gebrüder Weiss gehört ja auch zu den Logistikdienstleistern, welche die Bahn benützen. Welche Erfahrungen machten Sie mit der Schiene in jüngster Zeit?

Niessner: Wir gehen davon aus, dass die Schiene in Zukunft an Bedeutung gewinnt, denn der Strassentransport wird langfristig eher teurer werden, Stichworte sind die Maut, der Dieselpreis sowie Fahrbeschränkungen. Die Schiene hat durchaus Chancen, allerdings unter der Voraussetzung, dass das Angebot und die Transportqualität, aber auch das Angebot an Verkehrsverbindungen den Kundenbedürfnissen entsprechen.

Sind im Jahr 2010 weitere Übernahmen geplant oder, anders gefragt, wie steht man zu Akquisitionen?

Niessner: Wir können Akquisitionen weiterhin nicht ausschliessen. Wir haben auch in den vergangenen Jahren hier einiges in die Wege geleitet. Allerdings lassen uns die Erfahrungen, welche wir mit Übernahmen gemacht haben, auch zur Vorsicht mahnen. Einen grösseren Bedarf sehen wir derzeit nicht, wenn aber eine Übernahme in unser Konzept passt, werden wir uns dies durchaus überlegen.

Welche Bedeutung hat der KEP-Markt, in dem Gebrüder Weiss letztes Jahr rund 100 Mio Euro umsetzte?

Niessner: Diese Aktivität ist durchaus ein profitables Geschäft dank hoher Industrialisierung, automatisierter Abläufe und gut ausgelasteter Kapazitäten. Gebrüder Weiss ist einer der ganz wenigen grösseren Speditionsdienstleister, die auch einen eigenen Paketdienst anbieten können.

Gebrüder Weiss will auch in Zukunft als Familiengesellschaft tätig sein. Lassen sich die teilweise hohen Investitionen im Logistikbereich auch in Zukunft finanzieren?

Niessner: Es ist der erklärte Wille der Gesellschafter der Firma, unabhängig zu bleiben. Wir denken nicht in Quartalen, sondern in Generationen. Dank einer soliden Finanzbasis können wir auch in Zukunft unsere Unabhängigkeit bewahren.