Seit jüngstem bieten Sie kleine Fertighäuser zu Discountpreisen an. Haben Sie bereits ein Häuschen verkauft?

Mark Ineichen: Häuser zu verkaufen ist schwieriger als ein Pack Erbsli, aber auch viel schwieriger, als ein Auto an den Mann zu bringen. Ein Hausverkauf dauert lange. Wir führen aber seit der Eröffnung von Otto's Home am 19. Juni 300 Dossiers von Leuten, die konkret Interesse bekunden. 50 davon besitzen bereits Land. Auch haben uns Gemeinden und Bauern bereits über 400000 m2 Land angeboten. Sie sehen: Das Interesse ist riesig.

Wie viele schlüsselfertige Wohnklötzchen haben Sie schon verkauft?

Ineichen: Wir sind mit sehr vielen Leuten am Abschliessen von Verträgen.

Mit anderen Worten: Sie haben noch kein Haus verkauft?

Ineichen: Richtig. Wir haben noch kein Haus verkauft. Wenn wir in den nächsten drei Monaten nicht mindestens zehn Häuser verkaufen, machen wir aber alles falsch. Bei einem Haus läuft bereits die Baueingabe.

Knacknuss beim Verkauf ist wohl das fehlende Grundeigentum?

Ineichen: Nein, das habe ich zuerst auch gedacht. Wir haben letzte Woche 10000 m2 in der Region gekauft, sodass wir das Land für unter 200 Fr. pro m2 verkaufen können. Für unser Hauskonzept ist genügend Land vorhanden. Land direkt am Zürisee gibt es natürlich nicht, aber das will unsere Kundschaft gar nicht.

Was wollen Ihre Kunden denn?

Ineichen: Sie träumen von einem Einfamilienhaus. Wo das genau liegt, ist ihnen nicht so wichtig.

Weshalb sind Sie ins Häusergeschäft eingestiegen?

Ineichen: Vor drei Jahren haben wir einen Webshop eröffnet. Schon damals geisterte die Idee des Häuserverkaufs in unseren Köpfen. Denn unser Discountgeschäft hat auch mit Häuserbauen zu tun. Wir haben neue Filialen gebaut und die Baustellen immer selber geleitet. Wir haben ein Riesen-Bau-Know-how.

Wie wohnen Sie selber?

Ineichen: In einer Terrassenwohnung in Küssnacht.

Werden Sie ein Fertighaus kaufen?

Ineichen: Ich habe meine Eigentumswohnung vor zwei Jahren gekauft. Sie gefällt mir. Ich will kein Haus kaufen, ich lebe gerne in einer Überbauung. Ich kann den Schlüssel umdrehen und abreisen. Ich muss nicht noch den Garten pflegen.

Heute verlangt der Landschaftsschutz verdichtetes Bauen. Sie aber kurbeln mit Ihrem Häuserkonzept die grassierende Zersiedelung noch mehr an.

Ineichen: Dafür bin nicht ich verantwortlich, sondern die Zonenplanung.

Vor drei Jahren begannen Sie, Autos zu verkaufen. Wie läuft dieses Geschäft inzwischen?

Ineichen: Sehr gut. Die Nachfrage ist grösser als unser Angebot. Wir verkaufen Wagen, die bereits ein halbes Jahr gefahren wurden.

Wie viel Umsatz erzielen Sie mit dem Verkauf von Autos?

Ineichen: Wir sind bezüglich Zahlen zurückhaltend. Aber seit wir vor drei Jahren gestartet sind, haben wir 1250 Autos verkauft.

Weshalb stossen Sie in neue Geschäftsfelder vor? Bietet Otto's zu wenig?

Ineichen: Nein, überhaupt nicht. Wir verändern und investieren sehr viel bei Otto's. Aber wir probieren einfach auch gerne neue Sachen aus.

Nicht alle Ihre Experimente sind erfolgreich. Die Waschanlage für Hunde zum Beispiel war bisher kein Erfolg.

Ineichen: Das stimmt. Das Experimentieren beruht eben auf Trial and Error.

Was veränderten Sie im Discountgeschäft?

Ineichen: Wir sind zum Beispiel stark in das Parfümgeschäft eingestiegen. Wir führen viel mehr Markenartikel. Wir machen viel Fernsehwerbung. Und unser Webshop hat wie eine Bombe eingeschlagen. Er ist inzwischen unser fünftgrösster Laden.

Weshalb haben Sie letztes Jahr keine Filiale eröffnet?

Ineichen: Wir wollen neue Läden eröffnen. Durch den Eintritt von Aldi und Lidl gibt es aber immer weniger Parzellen für Discountgeschäfte. Die Leute sind sensibilisiert, wenn sie hören, dass ein Discounter bauen will. Die Einsprachen häufen sich. Konkret verfolgen wir drei Projekte, die seit mehreren Jahren blockiert sind. In Arbon sollte aber unser neues Geschäft im März 2010 eröffnet werden. Dort schliessen wir unsere alte Filiale. Im Frühling 2010 wollen wir unseren 90. Laden in Sierre feiern. Wir bauen auch viele bestehenden Filialen um und vergrössern sie.

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Wie spüren Sie den Eintritt von Lidl?

Ineichen: Die noch kleine Anzahl von Lidl-Läden spüren wir nicht. Man redet nur über die Discounter, die kommen, nicht aber über diejenigen, die verschwinden. Carrefour hat ein riesiges Loch hinterlassen, obwohl Coop die Läden übernommen hat. Davon profitieren wir.

Wie viel ist Otto's dieses Jahr gewachsen?

Ineichen: Wir wachsen seit Jahren gut 10%, auch dieses Jahr. Wir schliessen Ende August unser Geschäftsjahr ab.

Wagen Sie den Sprung ins Ausland?

Ineichen: Nein. Es gibt zwei Wege: Entweder multiplizieren Sie ihr Format im Ausland, oder Sie gehen im Inland mit ihrem Namen in andere Bereiche. Ich fokussiere auf die Schweiz und verkaufe nun auch Autos und Häuser. Ich will in der Schweiz bleiben. Wenn ich im Ausland tätig würde, müsste ich meine besten Leuten mitnehmen. Ich habe keine Lust, die nächsten fünf Jahre in Deutschland oder in Österreich zu verbringen.

Ihre Logistik ist aber bereits in Österreich?

Ineichen: Wir lassen den Food in Österreich von einem Partner kommissionieren.

Wo beschaffen Sie Ihre Ware?

Ineichen: Rund 25% der Ware beziehen wir aus der Schweiz, den Rest aus Europa, Indien und China.

Wird es nicht immer schwieriger, Restposten zu erhalten?

Ineichen: Wir sind uns Schwierigkeiten gewohnt. Es gibt viele Händler in der Schweiz, die uns nicht beliefern wollen.

Wer sind diese Händler?

Ineichen: Es bringt nichts, wenn ich Namen nenne, aber wir importieren auch Markenartikel aus dem Ausland. Wir haben das Verbot der Parallelimporte schon längstens geknackt.

Früher wurden Sie für Ihr Verhalten immer wieder gebüsst.

Ineichen: Noch heute haben wir andauernd Verfahren am Hals. Jetzt wurden wir gerade von der Lebensmittelbehörde gerügt, weil wir den WC-Reiniger Harpic Max von Reckit Benkiser aus dem Ausland importieren und keinen Hinweis-Kleber darauf haben. Es ist doch jedem klar, dass man den WC-Reiniger nicht trinken kann. Das ist doch eine Schikane. Ich wehre mich gegen unnötige Vorschriften.

Und was unternehmen Sie jetzt?

Ineichen: Ich werde eine Busse in Kauf nehmen. Vielleicht werden wir jetzt selbst einen Warenkleber daraufkleben. Dann kostet das Produkt 5 Rp. mehr.

Wie rentabel ist Otto's?

Ineichen: So rentabel, dass wir uns Experimente wie Häuserverkaufen leisten und unsere Expansion aus eigener Kraft vorantreiben können.

Macht Ihnen der Preiskampf zu schaffen?

Ineichen: Wir spüren die Preisspirale stark und führen deshalb gewisse Artikel nicht mehr, weil wir damit nichts mehr verdienen.

Können Sie Beispiele nennen?

Ineichen: Zum Beispiel Honig oder bestimmte Teigwaren. Es geht aber auch um ethische Fragen: Macht es Sinn, Champignon aus dem Ausland statt aus Dagmersellen zu beziehen? Wie wichtig ist der Preis? Und wie viel Wertschöpfung soll man in der Schweiz behalten? Solche Entscheide sind für mich oft ein Spagat.

Otto's ist ein Familienunternehmen. Ihre Mutter ist Filialleiterin in Sursee, Ihr Vater VR-Präsident. Und Ihre Brüder?

Ineichen: Mein jüngster Bruder ist Einkäufer bei Otto's, ein anderer Bruder ist in der Computerbranche tätig, und mein dritter Bruder ist nach einem Sprachaufenthalt für immer in Amerika geblieben.

Ihr Vater hat einst öffentlich Ihre soziale Kompetenz angezweifelt - tut das weh?

Ineichen: Das muss ich seit Jahren hören. Heute verstehen wir uns gut. Mein Vater hat im operativen Geschäft null Einfluss. Er ist heute vor allem Politiker. Hie und da kommt er in Velohosen an unsere Sitzungen und fragt mich, ob ich auch Velofahren komme. Differenzen bestanden früher. Wir haben beide die gleich harten «Grinde», deshalb hat es bald einmal einen «Klapf» gegeben, kaum arbeiteten wir zusammen. Ich stellte ihn vor die Entscheidung: Entweder habe ich das Sagen im Betrieb oder ich gehe.

Ihr Vater setzt sich für Lehrlingsstellen ein. Wie viele Lehrlinge bilden Sie aus?

Ineichen: Wir haben 25 Lehrlinge. Bis vor zwei Jahren beschäftigten wir in den Filialen keine Lehrlinge. Jetzt bilden wir 15 Leute auch in den Filialen aus.

Bleibt Otto's ein Familienunternehmen?

Ineichen: Ja.

Das haben schon viele versprochen, etwa Denner-Chef Philippe Gaydoul.

Ineichen: Wir haben aber im Gegensatz zu Denner keine direkten Konkurrenten. Otto's ist einzigartig. Unsere Konkurrenten sind je nach Segment verschieden, etwa Charles Vögele, H&M oder Denner, Migros oder Ikea. Es gibt keinen zweiten Otto's.