Die Aluminium-Branche wurde 2009 kräftig durchgeschüttelt. Vorbei sind die Zeiten der Rekordabsätze. Wie sehen für die Schweizer Produzenten und Verarbeiter die Absatzzahlen nach drei Quartalen im Vorjahresvergleich aus?

Marcel Menet: Der Absatz der Schweizer Halbzeugwerke ist in den ersten neun Monaten um 20% zurückgegangen. Der Inlandabsatz, einschliesslich der Importe, verzeichnete einen Rückgang von 24%.

Trifft es zu, dass aber einzelne Betriebe einen Nachfrageeinbruch bis zu 40% zu verdauen haben?

Menet: In einzelnen Extremfällen hatten Unternehmen sogar Einbussen von bis zu 70% gegenüber dem Vorjahr zu verkraften. Es sind dies vor allem Firmen, die im Nutzfahrzeug- und im Textilmaschinenbereich tätig sind.

Ist somit - wie generell in der Schweizer Industrie - die Nachfrage nach Aluminium aus der Maschinen- und Apparatebaubranche am stärksten eingebrochen?

Menet: Ja, die Absatzkrise in der Maschinen- und Apparatebaubranche hat auch unsere Industrie am heftigsten getroffen.

Wie sieht es in der Sparte Verkehr aus?

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Menet: Dieser Einsatzbereich von Aluminium entwickelte sich in den letzten Monaten höchst unterschiedlich. Der Schienenfahrzeug-Bereich läuft nach wie vor sehr gut, dagegen ist das Nutzfahrzeug-Geschäft regelrecht eingebrochen, beispielsweise die Nachfrage nach Aufbauten für Lastwagen. Im Personenwagenbereich konnte dank der Verschrottungsprämie - vor allen bei den deutschen Marken - der Rückgang etwas abgefedert werden, wobei sich im kommenden Jahr zeigen wird, wie nachhaltig diese Massnahme war.

Muss man unterscheiden zwischen der Inland- und der Exportnachfrage?

Menet: Ja, auch wenn der Unterschied nicht gross ist. Beim Bestellungseingang der Halbzeugwerke ging die Inlandnachfrage in den ersten drei Quartalen gegenüber dem Vorjahr um über 15% zurück. Das Exportgeschäft litt unter einem Minus von über 20%.

Wie präsentiert sich die Lage der schweizerischen Aluminium-Industrie im Vergleich mit den Branchengrössen im Ausland?

Menet: Durch die Spezialisierung und Fokussierung auf höhere Wertschöpfung in ausgewählten Märkten hat sich die Schweizer Aluminium-Industrie in den letzten Jahren vorteilhaft positioniert.

Da und dort gab oder gibt es noch immer Kurzarbeit. Besitzt die Aluminium-Branche genügend Reserven, um zeitlich noch länger den aktuellen Nachfrageeinbruch zu überbrücken?

Menet: Die Industrie profitierte vor der Krise von drei Boomjahren und konnte zusätzlich zu den getätigten Investitionen auch Reserven bilden. Doch darf die Erholung nicht allzu lange auf sich warten lassen, sonst wird es auch für die Schweizer Unternehmen kritisch.

Einzelne Wirtschaftszweige sehen seit Oktober eine erste Erholung. Gilt das auch für die Nachfrage nach Aluminium?

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Menet: Ja, wir glauben, dass wir die Talsohle durchschritten haben. Seit einigen Wochen registrieren wir eine leichte Erholung bei den Bestellungseingängen. Wir spüren zudem, dass die Hektik an den Märkten ebenfalls zugenommen hat. Das ist ebenfalls ein Beleg für eine Trendumkehr. Doch wir gehen davon aus, dass das Wachstum in den kommenden Jahren eher moderat ausfallen wird.

Ein Trost: Der Preis für Roh-Aluminium hat sich bei rund 2000 Dollar stabilisiert, damit auf wesentlich tieferem Niveau als im bisherigen Rekordjahr 2007 mit über 3000 Dollar. Hat diese Entwicklung auf dem Rohwarenmarkt - verbunden mit einem billigeren Dollar - die absehbaren Ertragseinbussen entschärft?

Menet: Nein, viele Firmen konnten von dieser Entwicklung nicht profitieren. Einerseits hatten sie das Aluminium im Hinblick auf die damals drohende Materialverknappung noch vor dem Preiszerfall eingekauft; anderseits fielen dann auch die Preise für Press- und Walzprodukte wenig später parallel zum Aluminium-Preis.

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Von der schweizerischen Bauwirtschaft weiss man, dass sie bisher von der aktuellen Krise allerhöchstens ein blaues Auge davontrug, im Unterschied zur Industrie bei weitem also nicht so stark getroffen wurde. Bedeutet dies, dass auch die Sparte Aluminium am und für den Bau keine Einbussen erlitt?

Menet: Der Bereich Bau spürt die Krisen traditionell erst später, da grössere Bauvorhaben in der Hochkonjunkturphase verabschiedet werden. Da die Zahl der Baugesuche für 2010 nur leicht zurückgegangen ist, erwarten wir für das kommende Jahr lediglich geringe Einbussen.

Gibt es weitere einzelne Wachstumsmotoren oder zumindest schlagkräftige Impulsgeber? Ich denke hier an «grüne Technologien».

Menet: Durchaus. Als Zulieferer der Solartechnikbranche profitiert unsere Industrie von deren Wachstum. Und der Transportbereich wird auch in Zukunft das Zugpferd unserer Industrie bleiben, denn dank gewichtsparenden Aluminium-Lösungen für den Fahrzeugbau können sowohl im privaten als auch im öffentlichen Verkehr grosse Mengen an Treibstoff und damit verbunden an CO2 eingespart werden.

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Kann die Aluminium-Branche national wie international von staatlichen Förderprogrammen profitieren?

Menet: Unsere Industrie konnte von den Konjunkturpaketen nur sehr bedingt profitieren. Es gibt einige wenige Firmen, die durch eine Beteiligung an KTI-Projekten Fördermittel erhalten haben.

Bisher wenig Freude machte Ihnen das schlechte Abschneiden von Aluminium im «eco-devis»-Produktevergleich, weil dort das Recycling nicht berücksichtigt wird und in der Umweltbilanz nur die effektive Herstellungsenergie - die «graue Energie» - enthalten ist. Letztes Jahr kündigten Sie mögliche Vorstösse auf politischer Ebene an. Sind Sie weitergekommen?

Menet: Ende 2008 wurde im Ständerat eine Interpellation zu diesem Thema eingereicht. Der Bundesrat hat sich inzwischen für eine Überprüfung der Systematik von «eco-devis» ausgesprochen. Derzeit laufen intensive Verhandlungen mit dem Bundesamt für Umwelt. Ich bin zuversichtlich, dass wir auf diese Weise neue, für den Einsatz unseres Werkstoffs im Bauwesen günstige Weichenstellungen erreichen können.

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Die Firmen sind am Erstellen oder bereits Überprüfen der Budgets für 2010: Mit welchem Wachstum - wenn überhaupt - rechnen Sie?

Menet: Die Schweizer Halbzeugwerke rechnen für das kommende Jahr wieder mit einem Wachstum von zirka 5%.

Krisen bieten auch immer Chancen für Veränderungen. Welche Möglichkeiten sehen Sie für die Alu-Branche?

Menet: Produktlinien, die eine zu geringe Wertschöpfung haben, werden abgestossen und machen die Sicht frei auf neue zukunftsträchtige Segmente. Diese Perspektiven - zusammen mit den gegenwärtig laufenden Massnahmen zur Optimierung der Prozesse, der Abläufe und der Kostenstrukturen - stimmen mich zuversichtlich, dass die Schweizer Aluminium-Industrie für den kommenden Aufschwung gut gerüstet ist.