Der Online-Buchhändler Amazon hat in den USA in den letzten drei Monaten mehr E-Books verkauft als Bücher aus Papier. Auch Apple bietet für den kürzlich lancierten iPad eigene E-Titel an. Der Branchenberater Mike Shatzkin glaubt, dass in zehn Jahren nur noch ein Viertel aller Bücher in gedruckter Form verkauft wird. Orell Füssli (OF) ergreift die Flucht nach vorn und bewirbt den Sony-E-Reader mit Gutscheinen für E-Books.

Weshalb ist Orell Füssli wegen des iPad nervös?

Andràs Németh: Der Verkauf des Sony-E-Reader ist bei der Ankündigung des iPad zurückgegangen. Ihn kurbeln wir durch Aktionen gerade wieder an.

Wird Orell Füssli damit zum Totengräber des gedruckten Buches und der Buchhandlung?

Németh: Nein. In Zukunft wird ein Teil der Bücher in elektronischer Form gelesen werden, ob wir das wollen oder nicht. Indem wir uns an die neuen Kundenbedürfnisse anpassen, retten wir die Buchhandlung und überlassen das Geschäft mit E-Books nicht seelenlosen Giganten, denen Bücher letztendlich egal sind. Mit Google, Apple und Amazon erhalten wir ganz neue Konkurrenten. Darum engagieren wir uns bereits heute und bringen uns in eine gute Position.

Trotzdem: Mit dieser Strategie werden Sie zum Totengräber Ihrer eigenen Buchhandlungen.

Németh: Wir agieren proaktiv und bauen unsere Kompetenz für das Lesen in die digitale Welt aus. Wir warten nicht, bis die Kunden weg sind. Mit dem Verkauf der Reader wollen wir die Downloads auf books.ch ankurbeln und verhindern, dass Kunden ihre E-Books woanders kaufen.

Wie gross ist denn der Umsatzanteil von E-Books?

Németh: Er bewegt sich noch im Promillebereich.

Wer sind diese Kunden?

Németh: Unsere Zielgruppe sind Vielleser. Noch sind es eher gutverdienende Männer mit guter Bildung. Da Frauen aber generell mehr lesen, wird sich das bald ändern.

Ihre Prognose für die Schweiz?

Németh: Wir rechnen bis in fünf Jahren mit einem Marktanteil von E-Books von 5% am Gesamtmarkt.

Die Marge bei E-Books ist kleiner als im traditionellen Buchhandel. Wie wollen Sie diese Margenverminderung kompensieren?

Németh: Die Margen werden mit steigenden Umsätzen wachsen, allerdings sind die Preise tiefer.

In den letzten Jahren hat OF einige Buchhandlungen eröffnet und zugekauft und hat eine teure Infrastruktur und viel Personal. Wird OF angesichts sinkender Margen und Preise Buchhandlungen schliessen und Personal entlassen?

Németh: Wir richten uns bei der Entwicklung unseres Filialnetzes nach den Bedürfnissen und dem Verhalten unserer Kunden aus. Wir sind an wichtigen Lagen gut positioniert.

Glauben Sie nicht, dass OF in den nächsten Jahren Filialen schliesst oder verkleinert? In Bern wurde soeben eine Filiale wegen ungenügenden Umsatzes geschlossen.

Németh: Wegen des E-Books wird es zu keinen Filialschliessungen kommen. In Bern war die Kundennachfrage zu wenig hoch, sodass wir die Konsequenzen daraus gezogen haben.

Wird OF zum Geräteverkäufer?

Németh: Ja, in Ergänzung zu unserem klassischen Geschäft wollen wir auch Geräte und Downloads verkaufen.

OF beteiligt sich zusammen mit Swisscom und den Verlagen Tamedia, Ringier, Edipresse und NZZ an einem Pilotprojekt eines elektronischen Lesegeräts. Will der Kunde aber nicht lieber ein einziges Gerät, nämlich den iPad, statt verschiedende Geräte?

Németh: Der Kunde will einfache, praktikable und komfortable Lösungen. Ob der iPad die richtige Antwort liefert, wird sich zeigen.

Wie wollen Sie sich gegen Apple und Co. behaupten?

Németh: Wir verstehen uns nicht als Konkurrenten von Apple. Wir sind Anbieter von Büchern und nicht Plattformbetreiber. Wir wissen, was Leser wollen und wie man ein Sortiment von Millionen Büchern strukturiert anbietet. Auf books.ch finden sich alle erhältlichen E-Books auf Deutsch, da können Amazon und Google noch nicht mithalten.

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