Ihr Büro in Büro befindet sich im dritten Stock. Das Gebäude hat aber fünf Stockwerke. Wird eine Teppichetage geschaffen, wenn PostFinance die Banklizenz erhält?

Jürg Bucher: Nein, definitiv nicht (lacht). Es ist mir ein Anliegen, nahe bei den Mitarbeitenden zu sein. Und wie Sie sehen, ist mein Büro schlicht eingerichtet.

... und Teppich ist hier auch schon vorhanden. Aber wie steht es denn nun mit der möglichen Vergabe einer Banklizenz?

Bucher: Der Bundesrat wird im Verlauf des 1. Quartals 2009 eine Botschaft zur Postgesetzgebung an das Parlament leiten. Darin werden neben der Briefpostliberalisierung auch Eckpunkte zu PostFinance ausgearbeitet.

Um welche Eckpunkte handelt es sich dabei?

Bucher: Das eine ist die juristische Ausgliederung von PostFinance in die PostFinance AG, welche dann der allgemeinen Finanzmarktaufsicht unterstellt wird. Weiter soll der allgemeine postalische Auftrag vom Zahlungsverkehr getrennt und flexibilisiert werden. Und nicht zuletzt geht es um die Frage der Ausdehnung der Geschäftstätigkeiten der PostFinance.

Während die ersten zwei Punkte unbestritten sind, hat sich der Bundesrat bei Letzterem Ende Oktober erneut dagegen ausgesprochen. Was bedeutet das nun für Sie?

Bucher: Das bedeutet, dass dieser Punkt nicht in die Botschaft an das Parlament aufgenommen wird.

Das will heissen?

Bucher: Das will heissen, dass vonseiten des Bundesrates für die PostFinance keine Banklizenz vorgesehen ist. Aber letzten Endes entscheidet das Parlament, was wir künftig machen dürfen und was nicht.

Auf welche Argumente stützt sich der Bundesrat?

Bucher: Wie es scheint, will man PostFinance einfach keine weiteren Geschäftsmöglichkeiten eröffnen. Offensichtlich ist man der Meinung, dass dies nicht nötig sei auf dem Bankenplatz Schweiz. Zusätzlich wird damit argumentiert, dass mit einer Banklizenz die Risiken für PostFinance steigen würden.

Was ja eigentlich ein Widerspruch in sich selbst ist. So muss PostFinance mangels Lizenz ihre Gelder schwergewichtig im internationalen Kapitalmarkt anlegen.

Bucher: Ob PostFinance eine Lizenz besitzt oder nicht: Sie hat ihre Risiken. Das hat die Finanzkrise bestätigt.

Weil Sie über die letzten drei Quartale Wertberichtigungen von knapp 100 Mio Fr. vornehmen mussten?

Bucher: Die Risiken sind beherrschbar und liegen innerhalb eines vernünftigen Rahmens. Aber sie sind durchaus vorhanden, aufgrund der erzwungenen inter- nationalen Anlageausrichtung. Ein gut verwaltetes Hypothekargeschäft wäre in der Schweiz sicherer als ein vorsichtig gehandhabtes Anlageportefeuille im internationalen Geld- und Kapitalmarkt.

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Also könnte sich der Bundesrat die Finger verbrennen, sollte er Ihnen die Lizenz nicht erteilen?

Bucher: Neben unseren beschränkten Anlagemöglichkeiten hat die Finanzkrise auch die enorme Abhängigkeit der Schweiz von den beiden Grossbanken sichtbar gemacht. So ist der Anteil der Grossbanken im Schweizer Retailgeschäft und insbesondere im KMU-Geschäft sehr gross. Eine breitere Verteilung der Marktanteile würde der Schweiz gut tun.

Damit wäre PostFinance aber eine Bedrohung für die bestehenden Banken auf dem Finanzplatz Schweiz.

Bucher: Auch ohne Banklizenz haben wir eine beachtliche Position auf dem hiesigen Bankenplatz. PostFinance ist ein Faktum in der Schweiz. Ich erinnere daran, dass wir in den letzten sechs Jahren unsere Kundengelder verdoppelt und unseren Gewinn verdreifacht haben. Eine Lizenz eröffnet uns durchaus Zusatzmöglichkeiten, wie beispielsweise die selbstständige Vergabe von Krediten ohne Partner. Aber gleich von einer Bedrohung zu sprechen, das beweist wenig Selbstbewusstsein bei der Konkurrenz.

Der Direktor des Verbands Schweizerischer Kantonalbanken (VSKB), Hanspeter Hess, sagte kürzlich, dass kein Bedürfnis für Hypotheken und KMU-Kredite von PostFinance bestehe.

Bucher: Die Kunden und nicht die Konkurrenten entscheiden, wer mit welchem Finanzinstitut Geschäfte macht. Die generelle Entwicklung unseres Geschäftsverlaufes zeigt, dass offensichtlich ein Bedürfnis besteht. Allein im KMU-Bereich pflegen wir heute 165 000 Kundenbeziehungen. Damit steht rund die Hälfte aller KMU in der Schweiz in einer Beziehung zu PostFinance. Und in den letzten 18 Monaten haben wir 40 000 Beratungen bei Kleinstunternehmen durchgeführt.

Wie gross ist Ihre Zuversicht, dass es mit der Lizenz doch noch klappt?

Bucher: Das ist ein politischer Entscheid, und ein solcher lässt sich kaum prognostizieren.

Wären Sie dem Konkurrenzdruck im Kreditbereich überhaupt gewachsen?

Bucher: Wir sind bereits ein kompetitiver Anbieter im Retailbereich. Entsprechend scheuen wir den Wettbewerb nicht.

Banklizenz hin oder her ? welche Wachstumsziele verfolgt PostFinance sowieso?

Bucher: Bezüglich Hauptbankbeziehungen ? also der Beziehungen, bei denen der Kunde sein Vermögen mehrheitlich durch uns verwalten lässt ? und Kundengeldern wollen wir innerhalb der nächsten vier Jahre in der Schweiz zu den Top Drei gehören.

Eine ambitiöse Zielsetzung. Ich nehme an, dass sich diese im Gegensatz zum politischen Entscheid eher prognostizieren lässt?

Bucher: Ja durchaus, das ist so. Das zeigt vor allem die Geschäftsentwicklung der vergangenen sechs Jahre. So sind wir schon vor der Finanzmarktkrise stark gewachsen.

Aber die Finanzkrise gab dem Wachstum nochmals einen Schub?

Bucher: Die Krise hat unser Wachstum noch verstärkt. Ende 2007 haben wir per saldo 180 000 neue Konten eröffnet. In den ersten neun Monaten im laufenden Jahr kamen nochmals 220 000 neue Konten dazu. Und der Monat Oktober war der beste Monat aller Zeiten. Entsprechend rechnen wir auch für den November und Dezember mit guten Zahlen.

Dennoch hat PostFinance erklärt, dass rund 70% der Kundenbeziehungen unrentabel sind.

Bucher: Wir sind ein typisches Retailinstitut mit Kleinkunden und dem damit verbundenen Massengeschäft. Ein grösserer Teil der Kunden rentiert nicht per se, da ihnen PostFinance nicht als Hauptbank dient. Aber durch die grössere Anzahl können die Kosten auf mehr Kunden verteilt werden. Damit tragen auch die kleinen Kunden wesentlich zum Deckungsbeitrag bei.

Wie stehen die Chancen, dass sich der Rekordgewinn von 2007 wiederholt?

Bucher: In den ersten neun Monaten mussten wir Wertberichtigungen in der Höhe von 95 Mio Fr. vornehmen. Ich schliesse nicht aus, dass noch weitere dazukommen könnten. Das hängt von der Entwicklung der Finanzkrise ab. Entsprechend dürfte der Gewinn nicht mehr so hoch ausfallen wie 2007.

Werden vor allem die Obligationen zunehmend zum Problem? So geraten diese mehr und mehr unter Druck, das Anleihenportefeuille von PostFinance beträgt rund 44 Mrd Fr. (92% der Anlagen). Davon sind 30 Mrd Fr. im Ausland investiert.

Bucher: Wir betreiben eine vorsichtige, um nicht zu sagen konservative Anlagestrategie. Während der Finanzmarktkrise investieren wir vermehrt in staatsnahe Anleihen und Pfandbriefe sowie breit im Repomarkt. In unseren Büchern werden die Anleihen mehrheitlich bis zur Fälligkeit gehalten (Hold to Maturity). Dort müssen wir laufend abschätzen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass die Anleihen ganz oder teilweise zurückbezahlt werden. Entsprechend kann dies zu Wertberichtigungen führen.

Die hohe Anleihen-Quote führt aber auch dazu, dass Sie von einer Erholung der Aktienmärkte kaum profitieren werden.

Bucher: Wir fahren bewusst eine tiefe Aktienquote. Daher ist es durchaus so, dass wir in den Boomjahren die eine oder andere Ertragsopportunität verschenkt haben. Allerdings führte dies wiederum dazu, dass wir im Zuge der Finanzkrise nicht breit abgestraft wurden.