Noch Ende Oktober sagten Sie, auch im 2. Halbjahr 2008 sei für SGS bis Jahres- ende nicht mit Gegenwind zur rechnen. Revidieren Sie Ihren Standpunkt?

Chris Kirk: Nein, wir spüren weiterhin keinen starken Gegenwind bis Ende Jahr.

In anderen Worten, 10% Wachstum für 2008 liegen drin und auch 80 Fr. Gewinn je Aktie?

Kirk: Ja, mindestens 10% Wachstum sind gesetzt und auch das EPS-Ziel.

Streichen Sie Stellen?

Kirk: Nein, dieses Jahr reduzieren wir die Stellen nicht.

SGS verdient 40% des Umsatzes mit Rohstoffen. Sie haben vom Boom profitiert, entsprechend müssten Sie jetzt verlieren.

Kirk: Wir sind nicht antizyklisch. Doch wenn die Preise tief sind, erwarten die Käufer, dass die Verkäufer bei der Qualität einsparen oder Gewicht minimieren. Der beste Weg für die Käufer zu verifizieren, ob sie kriegen, für was sie bezahlten, ist via SGS.

SGS ist in investitionsintensiven Bereichen wie Öl, Gas und Mineralien tätig. Die Firmen stehen auf der Investitionsbremse und tun sich schwer mit der Finanzierung.

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Kirk: Ja, aber wir sind mit 40%iger Präsenz in höherwertigen Bereichen besser aufgestellt als früher, als wir mit 70% unseres Geschäfts vom BIP-Wachstum abhängig waren. Auch wenn die Kunden Investitionen reduzieren, brauchen sie die Testausrüstung weiterhin. Wenn sie eine Ölquelle haben, müssen sie trotz Rezession wissen, wie sich das Öl zusammensetzt.

Wird SGS von den staatlichen Konjunkturprogrammen profitieren?

Kirk: Weltweit sind wir an Infrastrukturprogrammen beteiligt, von Indien über China. Wir werden auch an den neuen Staatsprojekten beteiligt sein.

Sind Zeiten mit Staatsinterventionen in der Wirtschaft und mehr Regulierungen demnach gute Zeiten für SGS?

Kirk: Regulierungen - staatliche oder aus kommerziellen Gründen - sind starke Katalysatoren für unser Geschäft. Der politische Wille zu mehr Kontrolle hilft uns. Wenn die Privatwirtschaft abbremst und wie in China die Regierung 580 Mrd Dollar in die Wirtschaft pumpt, profitieren wir von grossen Infrastrukturprogrammen.

Im Automotivebereich wären Sie demnach froh, wenn die drei Grossen in den USA durch den Staat gerettet würden?

Kirk: Den grössten Teil unseres Autogeschäfts verdienen wir mit gesetzlich vorgeschriebener Inspektion, welche konjunkturunabhängig ist. In Irland und Argentinien kontrollieren wir beispielsweise 100% aller Autos, in Frankreich inspizieren wir 40%. Das Neugeschäft mit Autos wird sich sicherlich verlangsamen, aber das ist nur ein kleiner Teil unseres Geschäfts. Wenn die Autos älter werden, weil weniger gekauft werden, heisst das für uns wiederum mehr Tests.

Wie entwickelte sich das Consumer Testing in China nach den Spielzeugskandalen?

Kirk: Das Consumer Testing wächst sehr gut. Zusätzlich zur guten Entwicklung kriegten wir sehr viel zu tun mit Melamin-Tests. SGS hat tausende, wenn nicht 10000 von Tests abgewickelt seither. Wir waren die ersten, welche in Asien in den Labors Tests durchführen konnten. Melamin-Tests haben unserem Consumer Testing in Asien einen Boost gegeben. Den Impact können wir noch nicht messen, es sind sicher einige Millionen Franken zusätzlich.

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Das Consumer Testing ist auch der Bereich mit den höchsten Margen. Verbessern die Milchpulvertests die Marge zusätzlich?

Kirk: Es zählt zum «restricted substances testing», und davon kriegen wir eine überdurchschnittlich hohe Marge.

Wird SGS bald mehr Umsatz in den Entwicklungsländern machen als im Westen?

Kirk: Unser Geschäft in Entwicklungsländern läuft ausgezeichnet, aber auch in Europa gibt es keine Anzeichen der Verlangsamung. Die Produkte und Dienstleistungen in Europa sind hochtechnologisch. Im deutschen Labor können wir beispielsweise Computertomografien durchführen, welche analysieren, wo in Karbonfasern die Schwachstellen liegen. In China sind Kunden oft zufrieden, wenn wir die Produkte richtig ausmessen.

Die interessanten Margen erzielen Sie demnach in den Industriestaaten?

Kirk: Auch das Massengeschäft ist einträglich. In Europa haben wir weniger Volumen zu hohen Kosten und sehr guten Margen. Unser Dioxinlabor in Belgien beispielsweise erzielt eine ausgezeichnete Marge - Dioxinanalyse ist hochmodern.

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Im 1. Semester erzielten Sie die höchste Marge je, setzt sich das fort?

Kirk: Wir hatten ein ausgezeichnetes Jahr, die Zahlen erfahren Sie am 15. Januar.

Bei den Akquisitionen haben Sie letztes Jahr gesagt, Übernahmen seien schwierig, weil Private-Equity-Firmen mitböten. Den meisten geht es nicht mehr so gut.

Kirk: Es ist sicherlich mehr Vernunft in den Markt zurückgekehrt. Das Geld wird nicht mehr aus dem Fenster geworfen. In allen Geschäftssparten gibt es mindestens ein oder zwei interessante Targets, die wir anschauen. Die Preise werden besser.

Bisher haben Sie 13 kleinere Firmen zum Preis von gegen 200 Mio Fr. übernommen. Kommt bald was Grösseres?

Kirk: Die Verkäufer sind nicht zu scharf darauf, zu verkaufen. Die Transaktionen haben abgenommen.

Das heisst, Sie warten zu mit Kaufen?

Kirk: Nein, nicht unbedingt, wir schauen uns jeden Tag Firmen an. Aber wir haben eine gute Bilanz und können zuwarten, bis sich der eine oder andere Besitzer zum Veräussern entschliesst. Wir können warten, bis die Maus aus dem Loch kommt.

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Rechnen Sie mit mehr Mäusen?

Kirk: Ja. Es gibt viele Opportunitäten. Wir wachsen nach wie vor auch organisch.

Nach dem Muster 10% organisch und 5% mit Übernahmen?

Kirk: Nein, das war ein früherer Plan. Heute wachsen wir schon organisch mit über 15%.

Sind Übernahmen nicht mehr so wichtig?

Kirk: Doch, aber nicht mehr nach dem alten 10/5-Schema.

Das wurde vor Ihnen festgelegt?

Kirk: Ja. Zudem glaube ich, dass man das nicht so genau sagen kann. In einigen Jahren ist es sehr einfach, Übernahmen zu tätigen, in anderen ist es sehr schwierig.

Nächstes Jahr wird es also in zusätzlichem Umsatz gerechnet mehr Übernahmen geben als dieses Jahr?

Kirk: Ja, wahrscheinlich. Die Übernahmen, an denen wir jetzt arbeiten, werden bis Ende Jahr nicht mehr abgeschlossen.

Eine Fusion mit Konkurrentin Bureau Veritas würde angesichts der Synergien und des Konsolidierungsdrucks Sinn machen.

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Kirk: Ja, aber mein Freund und Bureau-Veritas-Chef Frank Piedelièvre sagte, es wäre keine gute Idee, und wir haben das seit zwölf Monaten abgehakt, seit dem IPO.

Die Spekulationen sind noch nicht vom Tisch und die Börsenkotierung wäre kein Hinderungsgrund für eine Fusion.

Kirk: Ja, aber für uns ist diese Angelegenheit abgeschlossen.

Bleiben Sie für 2009 für den ganzen Konzern Sie optimistisch?

Kirk: Ja. Wir sehen keinen Grund, wieso wir nächstes Jahr nicht profitabel weiterwachsen sollten.

Dann sind Sie einer der wenigen CEO, die für 2009 Optimismus versprühen.

Kirk: Jeden Morgen, wenn wir aufwachen, kneifen und fragen wir uns, ob uns da etwas entgangen ist. Aber die Antwort bleibt nein. Es ist uns nichts entgangen und unsere Aussichten sind gut. Wenn die ganze Welt zusammenbrechen sollte - und daran glaube ich nicht - werden auch wir Schaden nehmen. Wir sind nicht rezessionsimmun, aber auch in einer Rezession braucht es uns.

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Der Bereich Environmental Services ist auf der Sondermülldeponie in Kölliken tätig, ist das ein Ausnahmeprojekt?

Kirk: Das ist eine der besten Operationen, welche unsere Umweltmitarbeiter auf der ganzen Welt je gesehen haben. Das Projekt ist ausgezeichnet organisiert und kontrolliert. Wir betreiben dort ein Labor, von dem aus wir weitere Umweltoperationen in der Schweiz durchführen können. Wir wollen unsere Basis in der Schweiz vergrössern. Für Kölliken haben wir einen Fünfjahresvertrag mit einem 40-Mio-Fr. Volumen.