Sangen Sie an der Weihnachtsfeier der Credit Suisse wieder SOS von Abba?

Brady Dougan: Nein, ich bin schon längere Zeit nicht mehr an Firmenanlässen auf der Bühne gestanden. Es stimmt, ich habe mal Agnetha von Abba imitiert. Aber dieser Auftritt ist schon länger her, vielleicht sieben Jahre.

Schade, SOS ist das perfekte Lied für die Credit Suisse. Ihre Aktie hat in diesem Jahr einen Viertel an Wert verloren.

Dougan: Sie müssen den Aktienkurs längerfristig betrachten. In den letzten zwei Jahren war die Entwicklung der Aktie ziemlich gut. Längerfristig zahlt sich unser Modell aus.

Aber die Realität sieht ganz anders aus. In den letzten zehn Jahren hat sich der Kurs der CS-Aktie halbiert. Auf lange Sicht vernichten Grossbanken den Wert in schöner Regelmässigkeit.

Dougan: Bei der Beurteilung, welchen Wert wir für Aktionäre geschaffen haben, reicht es nicht aus, nur den Aktienkurs anzuschauen. Sie sollten die Gesamtrendite, also auch die Dividenden, berücksichtigen. Hinzu kommt, dass wir die Lehren aus der Finanzkrise gezogen haben. Wir verfolgen heute im Investment-Banking ein anderes Geschäftsmodell. Wir verzichten fast vollständig auf Eigenhandel und konzentrieren uns auf die Kunden. Wir haben viel weniger Risiken in unseren Büchern. Das sollte sich langfristig auch für unsere Aktionäre auszahlen.

UBS-Chef Oswald Grübel will dagegen im Investment-Banking wieder mehr Risiken eingehen.

Dougan: Die Leute sollten nach dieser schweren Finanzkrise doch endlich gemerkt haben, dass man nicht automatisch mehr Geld verdient, wenn man höhere Risiken eingeht. Ihre Fragen zeigen auch, wie paradox Banken heute beurteilt werden. Die Medien und die Öffentlichkeit erwarten einerseits, dass die Risiken reduziert werden. Was wir getan haben. Gleichzeitig erwarten unsere Investoren, dass wir grössere Risiken eingehen, um kurzfristig den Gewinn zu maximieren. Wenn wir die Erwartungen der Investoren nicht erfüllen und vorsichtig agieren, werden wir von den Medien für den tiefen Aktienkurs kritisiert.

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Die Investoren und die Medien haben also in Ihren Augen gar nichts aus der Finanzkrise gelernt?

Dougan: Wir haben nach der Krise die nötigen Schlüsse gezogen. Wir erzielen mit unserem Geschäftsmodell in einem Quartal keine Eigenkapitalrenditen von 35 Prozent mehr, unser Ziel liegt bei 18 Prozent. Dafür ist auch das Verlustpotenzial beschränkt. Deshalb setzen wir auf ein Investment-Banking, das auf das Kundengeschäft ausgerichtet ist und unser Private Banking ergänzt. Für uns ist es nicht sinnvoll, ein riskantes, vom Eigenhandel getriebenes Investment-Banking unter dem gleichen Dach zu vereinen wie das Private Banking. Krisen wird es immer geben

wie zum Beispiel die aktuelle Euro-Krise. Wie hart würde es die Credit Suisse treffen, wenn die Währungsunion auseinanderbräche?

Dougan: Wir haben ein verhältnismässig geringes Engagement in den peripheren Euro-Staaten, vor allem im Vergleich zu anderen europäischen Banken. Es ist aber nicht einfach, vorherzusehen, ob es nochmals zu einem Sturm an den Finanzmärkten kommen wird. Die Regierungen und die Notenbanken tun alles, um die Lage unter Kontrolle zu bringen. Ich denke, dass der Euro überleben wird.

Wo lauern denn die grössten Risiken für die CS?

Dougan: Eines der Dinge, die uns momentan sehr beschäftigen, ist das sehr dynamische regulatorische Umfeld. Die strengeren Vorschriften beeinflussen unser gesamtes Geschäft.

Internationale Grossbanken wie auch die CS lobbyieren stark gegen schärfere Kapitalvorschriften. Dabei sollte es doch im Eigeninteresse sein, für Krisenzeiten vorzusorgen und für die Kunden eine sichere Bank zu sein.

Dougan: Wir betreiben ein Geschäftsmodell, das sich gut mit den aktuellen Regulierungstendenzen vereinbaren lässt. Wir streben einen effizienten Kapitaleinsatz an, wollen die Bilanz nicht aufblähen und möglichst wenig Kapital binden.

Damit wandern Geschäfte vermehrt in den unbeaufsichtigten Sektor ab. Viele Experten warnen vor den Gefahren des Schattenbankings.

Dougan: Ja, ich sehe die Gefahr, dass nicht-regulierte Firmen wie Hedge Funds in einigen von unseren Geschäftsbereichen aktiver werden. Gewisse Risiken werden sich folglich in den nichtregulierten Sektor verlagern.

Trotzdem unterstützt ausgerechnet die CS diese gefährliche Entwicklung. Sie haben sich an einem Hedgefonds beteiligt.

Dougan: York Capital Management ist, was die Performance für die Kunden betrifft, weltweit einer der besten Hedgefonds. Wir haben nur eine Minderheitsbeteiligung an der Managementgesellschaft erworben.

Damit Sie diesen nicht konsolidieren müssen, um die härteren Eigenkapitalvorschriften zu umgehen.

Dougan: Es geht ganz und gar nicht um eine Umgehung der Eigenkapitalvorschriften. Wir setzen unser Kapital nicht in den Fonds ein, sondern sind an der Managementgesellschaft beteiligt. Diese Beteiligung gibt uns die Möglichkeit, die ausgezeichneten Produkte von York Capital unseren Kunden anzubieten. Wir sind also nicht auf eigene Rechnung in diesen Fonds investiert und wollen uns auch nicht am Schattenbanking beteiligen.

Die Schweiz spielt eine Vorreiterrolle und setzt strengere Kapitalregeln als andere Länder. Bringt Ihnen der «Swiss Finish» grosse Wettbewerbsnachteile?

Dougan: Die Kapitalanforderungen, welche die Expertenkommission an die Grossbanken stellt, sind schon streng.

Zu hoch?

Dougan: Sehr streng, aber erfüllbar. Es kommt nun darauf an, wie die anderen Länder ihre Banken regulieren werden. Das wissen wir noch nicht. Ein wichtiger Aspekt in der Diskussion sind die Zwangswandelanleihen, die wir uns als zusätzlichen Kapitalpuffer beschaffen müssen. Die Frage ist, ob es für diese sogenannten CoCos, die im Krisenfall in Eigenkapital gewandelt werden müssen, auch einen Markt gibt.

Sie sind bekanntlich ein grosser «CoCo»-Fan im Gegensatz zu UBS-Chef Oswald Grübel.

Dougan: Wir glauben, dass dafür ein Markt entstehen kann und es auch möglich sein wird, das notwendige Kapital zu beschaffen. Wir hoffen, dass wir im nächsten Jahr beginnen können, CoCos auszugeben.

Haben schon Investoren Interesse signalisiert?

Dougan: Ja, es interessieren sich bereits einige dafür. Sie müssen sich aber auch vor Augen halten, dass sich die Banken unter dem neuen Regelwerk «Basel III» kein hybrides Kapital mehr als Eigenmittel anrechnen lassen können. Wenn die Investoren, die hybrides Kapital halten, künftig CoCos kaufen, entsteht ein grosser Markt.

Falls doch kein Markt entsteht: Bezahlen Sie damit die Boni der Investmentbanker, wie Sie es in der Krise mit den Ramschpapieren getan haben?

Dougan: Für dieses Jahr wird es knapp, etwas derartiges umzusetzen. Wir wissen auch noch nicht, wie sich die Preise für diese Papiere entwickeln. Denn um solche Papiere als Bonus einzusetzen, brauchen sie aus Sicht der Aktionäre und Mitarbeitenden klare Bewertungen. Wenn sich ein CoCo-Markt entwickelt und wir klare Bewertungen haben, kann ich mir aber sehr gut vorstellen, dass wir einen Teil der Boni in Form von CoCos bezahlen werden.

Können die Investmentbanker in diesem Jahr mit höheren Boni rechnen als 2009?

Dougan: Die Höhe der Boni hängt vom Jahresresultat ab. Wir können zu diesem Zeitpunkt keine Angaben machen, weil wir die Ergebnisse im 4. Quartal noch nicht kennen.

Sie dürfen aber gerne eine Einschätzung abgeben.

Dougan: Wenn man die Gewinne in den ersten drei Quartalen 2010 addiert und durch die Zahl der Mitarbeiter teilt, kommt man auf einen tieferen Wert als im letzten Jahr. Dies deutet insgesamt auf eine tiefere Entschädigung hin.

Morgan Stanley hat kürzlich ihre Investmentbanker darauf vorbereitet, dass sie in diesem Jahr 30 Prozent weniger Boni erhalten. Die US-Investmentbank will bewusst weniger vom Gewinn an die Mitarbeiter zahlen. Hat bei der CS kein solches Umdenken stattgefunden?

Dougan: Die Auszahlung der Boni richtet sich wie gesagt nach der Leistung des Unternehmens. Tendenziell steigen die Fixlöhne und die Boni sinken. Die Aufsichtsbehörden verlangen dies schon länger von den Banken. Wir haben zusätzlich eine Malus-Komponente eingebaut. Soweit ich weiss, hat sonst keine andere Bank eine solch weitgehende Regelung, über die 7000 Mitarbeiter längerfristig auch an allfälligen Verlusten partizipieren würden.

Macht das Investment-Banking überhaupt Sinn? Seit Jahren profitieren doch nur die Mitarbeiter und nicht die Aktionäre.

Dougan: Unser Modell hat sich in den letzten drei Jahren bewährt. Wir haben 2007 entschieden, ein Geschäftsmodell zu entwickeln, das sich auf das Kundengeschäft ausrichtet. Wir machen im Investment-Banking weniger riskante Geschäfte als früher und haben auch keine illiquiden Positionen mehr auf unserer Bilanz.

Das Credit-Suisse-Management fällt regelmässig mit grossen Aktienverkäufen auf. Glauben Sie und Ihre Kollegen nicht an die eigenen Aktien?

Dougan: Die Verkäufe haben in vielen Fällen damit zu tun, dass die Manager Steuern bezahlen müssen oder das Geld brauchen, um anderen Verpflichtungen nachzukommen. So haben die Mitglieder der Geschäftsleitung 2009 gar keinen Bonus in bar erhalten. Natürlich glauben wir an die eigenen Aktien. Generell sind Titel der Finanzinstitute derzeit attraktiv bewertet.

Welche Bankaktie ist für Sie am attraktivsten, von der CS-Aktie einmal abgesehen?

Dougan: Ich möchte keine Namen nennen. In den letzten drei Jahren hat sich die relative Positionierung der Banken so stark verändert wie noch nie. Zu den Gewinnern gehören Banken, die in Schwellenländern verankert oder stark auf Regionen wie Asien oder Lateinamerika ausgerichtet sind.

Im Zuge des steigenden Drucks auf das Bankgeheimnis baut die Credit Suisse im grossen Stil neue Filialen in Schwellenländern auf. Das kostet sehr viel und könnte vor allem in Asien riskant sein. Speziell in Singapur sprechen viele bereits von einem gefährlichen Hype.

Dougan: Wir sind sehr überzeugt von unserem Geschäftsmodell. Wir haben schon seit mehreren Jahren angefangen, im Ausland Niederlassungen aufzubauen. Mittlerweile haben wir eine sehr gute Onshore-Präsenz, übrigens auch in den europäischen Ländern. Der Zustrom an Kundengeldern - mittlerweilen buchen wir 60 Prozent der Neugelder ausserhalb der Schweiz - bestätigt das.

Dafür ist das Offshore-Geschäft unter Druck, besonders in Deutschland. Dort ist die CS im Visier der Steuerbehörden. Können Sie ausschliessen, dass CS-Mitarbeiter ihren Kunden geholfen haben, über Lebensversicherungen auf den Bermudas Geld am Fiskus vorbeizuschleusen?

Dougan: Die Anordnungen an unsere Mitarbeitenden sind klar. Zudem gilt es bei Lebensversicherungen drei Punkte zu bedenken: Die Lebensversicherungen erfüllen das auf den Versicherungsvertrag anwendbare Recht, ihr Vertrieb erfolgt immer in Übereinstimmung mit den anwendbaren Aufsichtsrechten. Typischerweise werden diese Produkte als Instrument zur Regelung von Erbschaft und zur in vielen Ländern steuerprivilegierten Vorsorge eingesetzt. Beim Vertrieb wird der Kunde explizit darauf hingewiesen, dass er seine diesbezügliche Steuersituation selber abklären muss. Wir können aber nie ausschliessen, dass einzelne Mitarbeiter sich nicht an die Anordnungen halten.

Haben Sie Hinweise, dass die Mitarbeiter interne Vorschriften verletzt haben?

Dougan: Nein.

Strebt die Credit Suisse nun doch noch einen Deal mit den deutschen Steuerbehörden an?

Dougan: Wir stehen derzeit nicht in Verhandlungen mit den deutschen Behörden, um ein Settlement abzuschliessen.

Wie stark haben die ständigen Steuerdebatten das Image des Swiss Banking angekratzt?

Dougan: Die Qualität der Bankdienstleistungen ist nirgendwo in der Welt höher als in der Schweiz. Zudem bietet der Finanzplatz mit dem starken Franken, der tiefen Verschuldung und der Verlässlichkeit ein sehr sicheres Umfeld für ausländische Kunden. Wir denken, dass wir damit im internationalen Wettbewerb sehr gut bestehen.

Das ist die typische Sicht eines Schweizer Bankers. Wie sieht dies ein typischer Amerikaner? Wie hat sich aus seiner Sicht das Image des Schweizer Bankenplatzes in den letzten fünf Jahren verändert?

Dougan: Wenn Sie einen Durchschnittsamerikaner darauf ansprechen, wird er sagen: Die Schweiz ist ein wichtiges Land für internationale Vermögensverwaltung.

Das faktische Ende des Bankgeheimnisses hat daran nichts geändert?

Dougan: Die meisten Amerikaner haben das wahrscheinlich gar nicht so wahrgenommen. In Asien sieht es ähnlich aus. Je weiter weg man geht, desto weniger ist die Schweizer Bankgeheimnis-Diskussion ein Thema. Die ausländischen Kunden sehen die Schweiz immer noch als einen wichtigen Ort, um Bankgeschäfte zu tätigen.

Ist die Credit Suisse eine typische Schweizer Bank?

Dougan: Das Schweizer Private Banking spielt eine sehr wichtige Rolle für unsere internationale Marke. Unser Management-Team ist von den Nationalitäten her sehr ausgeglichen. Die Geschäftsleitung der Credit Suisse ist heute genauso schweizerisch wie vor dreieinhalb Jahren, als ich Konzernchef wurde. Wir haben ein sehr diversifiziertes Team, dies passt zu unserem internationalen Geschäft.

Viele Credit-Suisse-Mitarbeiter in der Schweiz beklagen sich, dass die angelsächsischen Investmentbanker in der Organisation dominieren.

Dougan: Ich sehe bei uns verschiedene Meinungen, aber nicht wirklich ein Aufeinanderprallen verschiedener Kulturen. In einer internationalen Bank hat jedes Land und jeder Bereich seine Eigenheiten. Aber keine Nationalität hat mehr Gewicht als eine andere.

Im angelsächsischen Kulturraum gefällt es Ihnen aber offenbar besser. Weihnachten verbringen Sie sicher dort.

Dougan: Ich verbringe den grössten Teil meiner Zeit in der Schweiz, wo es mir sehr gut gefällt. Über die Festtage fahre ich zu meiner Familie in die USA und wir gehen für ein paar Tage in die Rocky Mountains zum Skifahren.

Was hat Ihnen eigentlich Ihre Frau letzte Weihnachten geschenkt?

Dougan: (überlegt)... ich will keine Schwierigkeiten mit meiner Frau! Ich weiss nicht mehr, was ich letztes Jahr für ein Geschenk erhalten habe. Ich habe keine hohen Ansprüche, ich brauche keine Geschenke.