MAN Nutzfahrzeuge hat in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2008 erfreuliche Ergebnisse erzielt. Allerdings ging der Auftragseingang merklich zurück. Welche Erwartungen hat MAN für das gesamte Jahr 2008?

Anton Weinmann: Wir sind hervorragend ins Jahr 2008 gestartet und konnten von Januar bis September knapp 80000 Nutzfahrzeuge ausliefern. Allerdings hat sich die Finanzmarktkrise stärker und schneller auf das Nutzfahrzeuggeschäft ausgewirkt, als das noch vor wenigen Monaten absehbar war, sodass wir dieses Tempo im letzten Quartal nicht mehr werden halten können.

Welche Ziele haben Sie sich für 2009 gesteckt?

Weinmann: Diese Frage kann im Moment kaum seriös beantwortet werden, spielt doch eine ganze Reihe entscheidender Faktoren im kommenden Jahr eine Rolle. Wie werden sich die Konjunktur und damit die Nachfrage entwickeln? Die Verunsicherung, vor allem auf der Finanzierungsseite, ist recht gross und lässt derzeit keine vernünftigen Voraussagen zu. MAN Nutzfahrzeuge hat sich allerdings in den vergangenen Jahren ? nicht zuletzt dank unserer erfolgreich vorangetriebenen Internationalisierungsstrategie ? stets besser entwickelt als der Wettbewerb. Dieses Ziel verfolgen wir auch im kommenden Jahr.

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Lässt der Auftragseingang beziehungsweise der Auftragsbestand von MAN einen Schluss zu, wie sich das kommende Jahr entwickeln wird?

Weinmann: Aufgrund der aktuellen Auftragslage erwarten wir ein geringeres Produktionsvolumen, auf das wir uns bereits vorbereiten. Wir passen die Kapazitäten in der Produktion entsprechend an.

In Westeuropa ist eine rückläufige Nachfrage nach Nutzfahrzeugen zu erwarten, dafür boomen die Märkte in Osteuropa und in den GUS-Staaten. Wie sieht das für MAN aus?

Weinmann: Wir gehen davon aus, dass die Zulassungszahlen in Europa für das gesamte Jahr 2008 in etwa auf dem Niveau des erfreulichen Jahres 2007 liegen werden. MAN hat sich im Rahmen der Internationalisierungsstrategie in Osteuropa und in den GUS-Staaten stark engagiert. Im 1. Halbjahr 2008 haben wir rund 5000 Nutzfahrzeuge in den GUS-Staaten verkauft. Aufgrund der weltweiten Finanzkrise hat sich das dynamische Wachstum des russischen Marktes allerdings abgeschwächt, sodass auch wir hier Abstriche werden machen müssen. Unter den europäischen Herstellern sind wir nach wie vor die Nummer eins in den GUS-Staaten, und diese Position wollen wir weiterhin verteidigen.

Wie beurteilen Sie die längerfristige Marktentwicklung für Nutzfahrzeuge in China und Indien?

Weinmann: Die Finanzkrise ist weltweit spürbar. Auch in Asien sind deren Wirkungen zu spüren. Auf kurzfristige Sicht wird sich die Nachfrage etwas zurückbilden. Längerfristig betrachtet jedoch wird Asien eine Wachstumsregion für Nutzfahrzeuge bleiben. Derzeit erreicht der weltweite Absatzmarkt an Nutzfahrzeugen ab 6 t Gesamtgewicht rund 2,4 Mio Einheiten, davon entfallen rund 400000 Fahrzeuge auf Europa, 200000 auf Indien und etwa 800000 Einheiten auf China. Daraus wird ersichtlich, dass diese beiden Länder allein rund 40% des Weltmarktes ausmachen. Für uns bedeutet das einen weiteren Ausbau unserer Aktivitäten in Indien und China.

Sieht MAN in den übrigen Absatzmärkten der Welt noch zusätzliche Marktchancen? Beispielsweise in Nord- oder Südamerika?

Weinmann: In Nordamerika werden wir auch in Zukunft nicht präsent sein. In Südamerika können wir uns eine Zusammenarbeit zum Beispiel auf der Motorenseite mit Volkswagen Nutzfahrzeuge vorstellen.

MAN erhielt verschiedene Aufträge für geländegängige Nutzfahrzeuge für die Armeen Europas. Welche Bedeutung hat das Militärgeschäft?

Weinmann: Von der britischen Armee haben wir einen Grossauftrag erhalten, der momentan ausgeliefert wird. Wir sehen mittel- bis langfristig weiteres Potenzial in diesem Geschäft für unsere Fahrzeuge. Vor allem für spezialisierte, welche in Krisenregionen eingesetzt werden können.

Welche Bedeutung hat der Schweizer Markt für MAN?

Weinmann: Der Schweizer Markt ist wichtig für uns. Schweizer Kunden sind sehr kritisch, aber auch sehr loyal und fair. Derzeit verfügen wir über einen Marktanteil von rund 16%, den wir weiter ausbauen wollen.

Die Sicherheit spielt heute eine zentrale Rolle, auch im Nutzfahrzeug. Zahlreiche technische Innovationen bezüglich Sicherheit und auch Wirtschaftlichkeit der Nutzfahrzeuge sind heute bereits lieferbar, werden aber von den Kunden nur sehr zögerlich geordert ?

Weinmann: MAN investiert hohe Summen in moderne Sicherheitssysteme, diese aber werden leider nur in relativ bescheidenem Masse von den Kunden auch bestellt. Wir wären sehr dafür, wenn hier beispielweise der Staat oder auch die Versicherungsgesellschaften Anreizsystem schaffen würden, damit diese Sicherheitseinrichtungen auch gekauft werden. Staatliche Vorschriften hingegen, welche diese Systeme zwingend vorschreiben, finden wir nicht das richtige Vorgehen, denn unsere Kunden ? insbesondere die Spediteure ? wurden in jüngster Zeit durch hohe Kosten stark belastet und stehen zudem in einem äusserst harten Preiswettbewerb.

Die Elektronik spielt eine immer wichtigere Rolle im Nutzfahrzeug. Wird sich dieser Trend weiter fortsetzen, insbesondere auch im Bereich der Fahrzeugdatenerfassung?

Weinmann: Die Elektronik und auch die Telematik werden in Zukunft auch in Verbindung mit logistischen Systemen weiter an Bedeutung zunehmen. Damit können einzelne Fahrzeuge und ganze Flotten effizienter eingesetzt werden. Der Chauffeur aber bleibt auch in Zu- kunft der entscheidende Faktor im Cockpit, er allein ist schlussendlich verantwortlich für den sicheren Einsatz seines Fahrzeuges.

Der Green Truck war in Hannover ein wichtiges Thema. Welche alternativen Antriebsquellen, neben dem noch weiter entwicklungsfähigen Dieselmotor, sieht MAN für die kommenden Jahre?

Weinmann: Auf absehbare Zeit bleibt der Dieselmotor die Antriebsquelle Nummer eins im Nutzfahrzeug. Die weitere Verschärfung der Emissionsrichtlinien verlangt allerdings einen enormen technischen Aufwand und steht einer vorrangigen Reduktion des Treibstoffverbrauchs und damit des CO2-Ausstosses entgegen. Für Lkw und Busse, die vorwiegend im Stadtverkehr zum Einsatz kommen, wird MAN die Hybridtechnik weiter vorantreiben. In Hannover haben wir ein Verteilerfahrzeug auf der Basis des TGL mit Hybridantrieb präsentiert. 2010 werden wir den ersten Hybridbus in Serie produzieren. Wir sind der Meinung, dass die Hybridtechnik in den kommenden 10 bis 15 Jahren gute Chancen bietet, weitere Reduktionen der Emissionen und des Verbrauches zu erreichen.

MAN produziert noch immer einen grossen Teil der Fahrzeuge im Hochlohnland Deutschland. Derzeit sind die Kapazitäten voll ausgelastet. Welche Haltung nimmt MAN zum Standort Deutschland ein?

Weinmann: Wir produzieren Nutzfahrzeuge zum überwiegenden Teil in Deutschland und Österreich. An diesen beiden Standorten konnten wir in den vergangenen Jahren erhebliche Produktivitätsverbesserungen erreichen, mit denen wir die Lohnkostensteigerungen weitestgehend kompensieren konnten. Dadurch waren wir mit unseren Produkten in Auslandmärkten wie Russland oder im Mittleren Osten wettbewerbsfähig. Erhebliche Lohnsteigerungen in der Zukunft würden uns allerdings zwingen, über weitere Rationalisierungsmassnahmen nachzudenken.

Wie sieht es derzeit im Preisbereich aus? Lassen sich Preiserhöhungen im Nutzfahrzeugmarkt durchsetzen?

Weinmann: Es ist nicht einfach, Preiserhöhungen am Markt durchzusetzen. Aber sicher müssen wir die höheren Kosten aufgrund höherer Rohstoffpreise und der absehbaren Tariferhöhung zum Teil an unsere Kunden weitergeben.

MAN hat in jüngster Zeit das Vertriebsnetz umstrukturiert. Ist man nun wirklich näher beim Kunden?

Weinmann: Wir sind nun mit beiden Marken beziehungsweise Produkten ? also Lkw und Busse ? viel näher beim Kunden und können entsprechende Synergien sowohl auf der Verkaufsseite wie im Servicebereich nutzen.

Abschliessend eine Frage zum Omnibus-Geschäft von MAN. Wie entwickelte sich diese Sparte in den vergangenen Jahren?

Weinmann: Im Busbereich haben wir uns im vergangenen Jahr ein umfangreiches Restrukturierungsprogramm verordnet, das wir bis jetzt auch erfolgreich durchziehen konnten. Die Komplettbus-Fertigung wurde von Salzgitter nach Polen verlagert. Lediglich die Chassisfertigung verblieb in Deutschland, und diese wiederum wurde mit dem Nutzfahrzeugbereich zusammengeführt. Mit diesen Massnahmen gelang es uns, die Ertragslage im Busgeschäft zu verbessern. Wir werden im laufenden Jahr ? und vor allem in den kommenden Jahren ? mit schwarzen Zahlen abschliessen.