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Imagegefahr
Wird Deutschland der neue Streikweltmeister?

Der Streik der Lokführer in Deutschland trifft die helvetischen Firmen. Eigentlich geniessen Streikkultur und Wirtschaft nördlich der Schweiz einen guten Ruf. Das droht sich nun zu ändern.

Von Raphael von Thiessen und Mathias Ohanian
am 06.05.2015

Die deutsche Wirtschaft fürchtet in diesen Tagen die Auswirkungen des bisher längsten Lokführerstreiks in der Geschichte der Deutschen Bahn. Laut dem Chef der Gewerkschaft der Deutschen Lokomotivführer (GDL), Claus Weselsky, soll vor allem der Güterverkehr im Fokus des Streiks stehen. Dies bekommt auch die Schweizer Wirtschaft zu spüren.

Während der Verband der Schweizer Logistikunternehmen (Spedlogswiss) auf Anfrage erklärt, dass die Verbands-Mitglieder vom Lokführerstreik in Deutschland kaum betroffen seien, sei die Lage beim Schweizer Ableger von DB Schenker, dem Logistikanbieter der Deutschen Bahn, angespannt. Die Angst um das Image Deutschlands wächst.

Bei den Streik-Gegnern ist die Lage angespannt

Laut dem Leiter des Bereichs Landverkehre, Hans-Peter Trachsler, seien zahlreiche Exporte und Importe, die auf der Schiene in die Schweiz kommen oder die das Land verlassen, stark betroffen. «Das Image der Schiene als verlässlicher Verkehrsträger ist gefährdet», sagt der Logistik-Experte und Streikgegner.

«Es trifft nahezu alle Branchen. Die Automobilindustrie genauso wie die Lebensmittel- oder Stahlindustrie», so Trachsler besorgt. Für die Wirtschaft kann der tagelange Streik gefährlich werden, weil Ausweichmöglichkeiten auf andere Verkehrsträger die Transportkosten erhöhen und zu einer Verzögerung in der Lieferkette führen. Durch die aktuelle Hochwasser-Situation auf dem Rhein spitze sich die Lage weiter zu, so Trachsler.

«Nahezu alle Branchen betroffen»

Normalerweise bleiben Streiks für die Konjunktur unter der Wahrnehmungsschwelle, analysiert Andreas Scheuerle, Ökonom bei der Dekabank in Frankfurt. Denn oft können Firmen ausweichen und Transporte nachholen. Doch diesmal ist es anders. Der neuerliche, lange Bahnstreik werde die Produktionstätigkeit zumindest temporär beeinträchtigen, glaubt Scheuerle.

Sollte der Streik länger andauern, rechnet der Konjunkturexperte gar mit ein bis zwei Zehntel Prozentpunkte weniger Wachstum für die deutsche Wirtschaft. Auch an den Börsen droht der Arbeitskampf dann «zu einer vorübergehenden Belastung» zu werden.

Konjunkturelle Auswirkungen in Deutschland

Abgesehen von diesen kurzfristigen Belastungen bleibt die Frage, ob sich die Streikkultur in Deutschland heute ändert. Im vergangenen Jahr sorgten diverse Pilotenstreiks bereits zu grossen Ausfällen – und ramponierten den Markenwert der Airline Lufthansa. Heute leidet die Deutsche Bahn.

Grundsätzlich besitzt Deutschland eine gesunde Streikkultur, wo Konflikte in der Regel schnell, pragmatisch und in möglichst grossem Konsens gelöst werden. Entsprechend wenig Arbeitstage fielen in Deutschland in den vergangenen Jahren aus (siehe Bildergalerie oben).

Das jedoch könnte sich nun ändern, befürchtet Dekabank-Ökonom Scheuerle. Sollten die Gewerkschaften mit zunehmend aggressiven Parolen agieren, könnte sich der positive Blick auf Deutschland eintrüben. Im Extremfall könnte Deutschland «ein Stück in die Richtung französischer Verhältnisse positioniert werden», befürchtet der Experte. Das Land ist steit Jahren Spitzenreiter in der internationalen Streikstatistik. Der Weg zum Streikweltmeister ist für Deutschland also noch weit – aber nicht ausgeschlossen.

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