Die Ankündigung von US-Präsident Barack Obama hat die Weltöffentlichkeit überrascht: Amerika soll wieder verstärkt in nukleare Energie investieren. Heute stammt rund die Hälfte des amerikanischen Stroms aus Kohle, etwa ein Fünftel aus Kernkraft. Mit verschiedenen Initiativen für erneuerbare Energiequellen und für Kernenergie will Obama Amerikas Stromproduktion «grüner» machen.

Drohende Stromknappheit

Hintergrund zu Obamas Vorstoss sind der stetig wachsende Stromhunger von Wirtschaft und Bevölkerung sowie der alternde Kraftwerkpark der USA. Auch in der Schweiz warnen Experten, dass hierzulande ab 2020 die Gefahr von Engpässen in der Stromversorgung steigen wird. Dann beginnen die langjährigen Stromlieferverträge mit Frankreich auszulaufen. Im gleichen Zeitraum geht der Lebenszyklus der ältesten Kernkraftwerke Beznau I, II und Mühleberg dem Ende zu. Da die drei Kernkraftwerke rund 15% des Schweizer Strombedarfes decken und in den nächsten Jahrzehnten mit einem Nachfragewachstum im Bereich von 1% zu rechnen ist, gilt es, zügig substanzielle neue Stromquellen zu erschliessen.

Der Mix machts

Ideal wäre, wenn sich der Strom gänzlich aus bedarfsgerecht abrufbaren erneuerbaren Energien gewinnen liesse. Dies ist in der Schweiz glücklicherweise bereits heute zu einem guten Teil der Fall: Wasserkraft liefert 55% des Stroms. Die «jungen» Erneuerbaren - allen voran Abfall, dann Biomasse, Sonne und Wind - spielen mit 2% heute jedoch erst eine marginale Rolle. Es wird grosse finanzielle Anstrengungen brauchen, um sie zusammen mit der Ausschöpfung der verbleibenden Kapazitäten bei der Wasserkraft in den nächsten Jahrzehnten in die Grössenordnung von 10% des Landesbedarfs zu bringen.Um die künftig benötigen jährlichen Ersatzkapazitäten im Bereich von von 10 bis 20 Terawattstunden bis 2035 zu garantieren, müssen neben der Steigerung der Energieeffizienz, der Investitionen in neue erneuerbare Energien zwingend auch neue Grosskraftwerke gebaut werden. Aufgrund der geografischen Gegebenheiten kommen in der Schweiz Kern- und Gaskombikraftwerke in Frage. Letztere würden, wenn sie einen erheblichen Teil bei der benötigten Strommenge abdecken und nicht nur zu Spitzenzeiten eingesetzt würden, die CO2-Bilanz der Schweiz erheblich verschlechtern. Zudem sind erfahrungsgemäss die Kosten für den Rohstoff Erdgas aus verschiedenen Gründen äusserst volatil.

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Der «CO2-Footprint» der Kernkraft fällt klein aus, da in der Produktionskette wenig klimaschädliche Treibhausgase freigesetzt werden: Pro erzeugte kWh Strom stösst Kernkraft über den ganzen Nutzungszyklus etwas unter 10 g aus und steht damit nicht nur massiv besser da als Erdgas (rund 400 g/kWh), sondern schlägt auch fast alle Erneuerbaren.

Beim Neubau von Kernkraftwerken der dritten Generation können die neuesten Erkenntnisse bezüglich Sicherheit und Zuverlässigkeit berücksichtigt werden. Der Nachweis, dass eine sichere Endlagerung möglich ist, ist vom Bundesrat akzeptiert worden. Nun geht es darum, den besten von verschiedenen möglichen Standorten auf demokratische Weise festzulegen.

Stabil tiefe Kosten

Nukleare Stromproduktion ist nach grossen Anfangsinvestitionen konstant günstig. Der Rohstoff Uran ist geografisch breit verteilt, in grossen Mengen vorhanden und trägt heute nur rund 5% zu den Gestehungskosten bei, sodass Preisschwankungen kaum auf die Stromproduktionskosten durchschlagen. Zudem lässt sich eine grössere Menge Brennstoff günstig lagern, was nicht nur die Versorgungssicherheit weiter erhöht, sondern auch weiter zur Kostenstabilität beiträgt.

Nicht nur die Elektrizitätswirtschaft, sondern auch der Bundesrat kam zur Erkenntnis, dass die Erzeugungskosten für Kernenergie konstant tief bleiben werden. 1 kWh Strom aus einem neuen Kernkraftwerk dürfte knapp 5 Rp. kosten. Dabei wird davon ausgegangen, dass vor dem Baubeginn in der Schweiz schon mehrere Werke in Europa erstellt wurden. Es wird eine Betriebsdauer von 60 Jahren vorausgesetzt, und es werden alle Begleitkosten inkl. Entsorgung und Stilllegung berücksichtigt. Diese 5 Rp./kWh sind nur ein Bruchteil der Produktionskosten anderer Möglichkeiten, die zudem oft noch mengenmässig beschränkt sind und teilweise nebst ihren direkten Kosten noch einen erheblichen Aufwand zur Anpassung an die Konsumbedürfnisse verursachen. Die zur Förderung der Produktion aus Erneuerbaren eingeführte «Kostendeckende Einspeisevergütung» (KEV) beträgt heute beispielsweise je nach Grösse und weiteren Parametern 40-70 Rp./kWh für Solarstrom und 17-20 Rp./kWh für Windstrom.

Nuklearstrom ist also mehrfach attraktiv: Die Beschaffung ist weitgehend unabhängig von geopolitischen Krisensituationen, die Kosten sind langfristig kalkulierbar, und Kernstrom kommt ohne Subventionen aus.

Effiziente wie ergiebige Kernkraft

Bei allen Stromerzeugungsmethoden geht ein erheblicher Teil der Primärenergie verloren, etwa für Gewinnung und Aufarbeitung des Rohstoffs, Abfallentsorgung und Recycling, für den Anlagenbau und als Abwärme bei der Produktion. Unter diesem Blickwinkel betrachtet, schneidet die Kerntechnik erneut gut ab. Kernkraft zählt zusammen mit Wasser und Windkraft zu den energieeffizientesten Stromlieferanten überhaupt.

Plastisch formuliert: Wollte man dieselbe Strommenge, wie sie momentan alle Kernkraftwerke der Schweiz zusammen erbringen, aus Erdöl gewinnen, müsste man 5,2 Mio t Material in Kesselwagen abfüllen und mit 4850 Zügen herantransportieren. Wollte man die Menge aus Solarkraft gewinnen, müsste eine Fläche von 74 000 Fussballfeldern mit Solar-Panels bestückt werden. Obamas Initiative ist also schlussendlich ein ganz pragmatischer Schachzug: Denn Kernenergie sorgt für Versorgungssicherheit und trägt so dazu bei, den Wohlstand der Gesellschaft zu bewahren.